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Frauen zwischen Beifahrersitz und Volant – Clay Regazzoni und der Kurvenscheitelpunkt

Über Frauen weiß ich viel. Generell meine ich und besonders im Besonderen. Als cooler Typ von nebenan bin ich nebenbei noch Single. Unschuldig zweimal geschieden und grundlos achtmal verlassen, um es ganz präzise zu formulieren. Kein Wunder, dass mein Beifahrersitz selten leer bleibt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Frauen im Wandel der grenzenlosen Mobilität. Diesem durchaus kontroversen Thema widme ich die folgende Kolumne. Eines vorweg, dass Frauen immer mehr die Scheu vor der modernen Technik verlieren, befürworte ich selbstverständlich. Kürzlich las ich in einem Magazin, dass es in Afrika sogar Verkehrsmaschinen gibt, die von weiblichen Pilotinnen geflogen werden.
Hoffentlich müssen sie die Maschinen nach der Landung nicht selber einparken denke ich mir da nur. Und zugegeben, ich habe Zweifel, ob das nicht alles ein wenig zu schnell geht mit der Geschlechtergleichstellung, obwohl es mich persönlich gar nicht betrifft. Generell plagt mich die Flugangst und es zieht mich wenig nach Afrika und solche überbordenden gesellschaftlichen Experimente, helfen mir nicht wirklich, meine Ängste zu überwinden.

Als Mann und Mensch prägen mich selbstverständlich die Erfahrungen meiner Kindheit. Die reichen Leute vom 2. Stock hatten keine Kinder, aber dafür ein Auto. Das stand immer genau vor unserem Haus. Wir wohnten in der Kellerwohnung, vielleicht sechs Stufen nach unten. Wenn ich mich auf meinen Schemel stellte konnte ich das Trottoir sehen und den BMW 600 Isetta. Rechts eine Tür exklusiv für Passagiere im Fond und dann die Fronttür für Fahrer und Beifahrerin. Manchmal wenn ich krank war, und ich war oft krank, weil wir im Keller wohnten, führten mich die reichen Leute mit meiner Mutter zusammen zum Arzt. Vorne saßen die reiche Frau und der reiche Mann und wir unterhielten uns brüllend, weil der Heckmotor ziemlich laut war.

Der Mann sprach viel und erzählte noch mehr vom großen Krieg. Die Frau sagte selten etwas, nur einmal meinte sie, dass sie vielleicht auch den Führerschein machen wollte, um mit diesem schönen Auto fahren zu dürfen. Meine Mutter fand das eine sehr gute Idee. Der Mann aber meinte, das würde ihm so viel Angst machen, dass er lieber zurück nach Russland gehen würde. Der einzige Russe den ich kannte war Ivan Rebroff und so verstand ich gar nicht, warum man vor dem Angst haben könnte. Später erklärte mir meine Mutter, dass der Mann viele Jahre Kriegsgefangener war und dass er sich aber mehr fürchtet, mit seiner Frau als Fahrerin Auto zu fahren, als zurück nach Russland zu gehen ins Gefängnis. Wie gesagt, alles sehr verwirrend. Allerdings war ich schon als Kind immer offen für neue Ängste und so soll sich niemand wundern, warum ich so bin wie ich bin und so schreibe, wie ich schreibe. Ich bin ein traumarisierter Einzelfall und habe ein Alibi.


Jetzt ist mein Leben in Ordnung. Ich besitze einen Führerschein. Habe mich also aus der demütigenden Rolle des Beifahrers emanzipiert. Allerdings eine neue Rolle bringt immer auch neue Probleme. Grundsätzlich trenne ich Beifahrerinnen in drei Gruppen. Frauen, mit denen ich vorhabe geschlechtlich zu verkehren, die dürfen am meisten. Bröselnde Kekse essen, die Füße auf die Fensterablage legen und unter Umständen sogar bei offenem Fenster rauchen.

Dann gibt es die Gruppe der Frauen, mit denen ich bereits Geschlechtsverkehr hatte. Da bin ich sehr britisch und höflich. Wer das Bett mit mir geteilt hat, behält quasi lebenslang einige Privilegien. Nur die Kekse sind gestrichen und Rauchen im Auto erlaube ich nur bei wirklich unwirtlichen Wetterlagen. Und zuletzt die Gruppe der Frauen wo es bilateral keinerlei amourösen Interessen gibt. Da bin ich besonders höflich, laufe unter Umständen um den Wagen, um die Tür zu öffnen. Etwas, was ich bei denen ersten beiden Gruppen auch tun würde, allerdings ist diese aufgezogene Höflichkeit eher sehr unsexy und man wird dann schnell zum schwulen Freund degradiert.

Kürzlich meinte eine Mitfahrerin nach der Fahrt, sie müsse jetzt drei Zigaretten rauchen und zwar gleichzeitig. Dabei hatte ich nur ausprobiert, was ich kürzlich im Reader´s Digest Magazin las. Bin mir nicht sicher, ob es nicht vielleicht eine etwas ältere Ausgabe war. Jedenfalls in einem Artikel zur aktiven Fahrsicherheit wurde das Beschleunigen am Kurvenscheitelpunkt besprochen, um den Wagen zu stabilisieren und der Clay Regazzoni hat das bestätigt im angehängten Interview. Es ging darum das Fahren sicherer zu machen. Genau darum habe ich mich bemüht irgendwo zwischen Auhof-Center und Pressbaum. Kein Grund gleich auszuflippen, wie ich meine. Und schon gar kein Grund, meinen aktuellen Lieblingssong gerade an der besten Stelle leiser zu drehen. Selbstverständlich bekam meine Mitfahrerin eine folgenlose Verwarnung. Nicht folgenlos, wie ich hoffe bleibt diese Kolumne. Danke für Ihre Aufmerksamkeit. Zum Thema Frauen und Autos kommt sicher noch einiges. Bleiben Sie mir da bitte einstweilen gewogen und bis bald.

PS: Laut Reader´s Digest Magazin werden jetzt auch in der Sowjetunion Verkehrsflugzeuge von weiblichen Pilotinnen geflogen. Falls Sie das für Ihre Reiseplanungen berücksichtigen möchten.


Lesetipps:“BMW Isetta – Und BMW 600/700“ von Reinhard Lintelmann, Komet Verlag – “20 Stunden und 40 Minuten – mein erster Flug über den Atlantik“ von Amelia Earhart, Verlag Frederking & Thaler