Interview

Kunstvermittlerin aus Leidenschaft

Mit der Kunst in Wien geht es bergauf, seit Veronica Kaup-Hasler, die ehemalige Intendantin des Steirischen Herbstes, von Bürgermeister Ludwig in die Stadtregierung geholt wurde. Sie sieht sich als Vermittlerin und will ihre Leidenschaft auch zu denen tragen, die bisher von Kunst nichts mitgekriegt haben.

Datum: Mittwoch, 16.10., um 14.30 Uhr
Ort: Büro der Stadträtin im Wiener Rathaus
Interview: Manfred Rebhandl
Fotos: Peter M. Mayr

WIENER: Ich bin vorher noch ein bisschen in der herbstlichen ­Sonne gesessen. Sie selbst haben zwölf Jahre lang den Steirischen Herbst verantwortet. Kann man da die Sommer davor überhaupt genießen?
KAUP-HASLER: Immer! Weil wenn du das gut planst, dann ist ja die ganze Arbeit bis dahin schon getan. Zwischen Mitte Juli und Mitte August konnte ich immer Ferien machen.


Und dann kommen schon wieder die ersten Performance-Vorschläge herein. Kann man sagen: Wer nichts kann, der macht eine Performance?
Es wird, zugegeben, irre inflationär damit umgegangen, und es nennt sich sehr schnell etwas Performance. Aber vieles davon ist natürlich schon auch sehr gut.

Mir fehlt ein bisschen der obligatorische Kunstschinken in Ihrem Büro, da hängt ja gar nix. Wollten Sie nicht einen nehmen, weil Sie dann alle anderen beleidigt hätten? Künstler sind ja sehr ­sensibel, richtig?
Ja! Unglaublich sensibel!

Auch leicht gekränkt?
Unglaublich schnell und leicht gekränkt! Bis vor einer Woche hingen noch die Sachen vom Mailath-Pokorny hier, und weil da jetzt eine Klimaanlage eingebaut wird, habe ich die Gelegenheit genutzt, alles abzuhängen.

Haben Sie ihm mit der Post was nachgeschickt?
Äh, also, da war nichts so Auf­regendes dabei. Und die Sachen sind jetzt alle wieder im Depot. Ich nehme mir jetzt Zeit mit Einrichten, hier hast du ja so wahnsinnig viele Möglichkeiten, und ich schaue auch zuhause gerne auf weiße Wände. Die ganze Bilderflut, mit der ich sowieso ständig zu tun habe, wenn ich auf Vernissagen gehe, da bin ich manchmal ganz froh über Kühle. Es gibt ein super riesiges Transparent vom Hirschhorn, das ich da gerne hätte, aber das besitzen wir leider nicht. Dafür kommt der Stadtrat Peter Hacker immer hierher und improvisiert am Klavier.

Wirklich? Der mit seinen dicken Fingern? Das traut man ihm gar nicht zu!
Doch!

Sie waren gerade in Budget­verhandlungen. Wurde wieder fest gekürzt?
Wir haben gar nichts gekürzt, es geht nur bergauf!

So wie auf den drei Stiegen hier herauf in den ersten Stock, wo man zuerst das Hochparterre und dann noch einen Zwischenstock schaffen muss, bis man endlich ankommt? Ist das eine Erfahrung in der Kunst, dass der lange Atem sich am Ende auszahlt?
Ja. Aber auch Überzeugungskraft und eine exakte Analyse dessen, was ist und was es braucht in Kunst und Kultur, sind wichtig. Da bin ich mit ­Leidenschaft dabei, aber zuerst wird der Kopf eingesetzt und geschaut: Was braucht es wo, wo ist zu lange nichts passiert?

Gibt es viele Zuschriften von gekränkten Künstlern, die jammern: Hallo, ich will auch mal drankommen mit Stipendium, Ankauf, Aufführung?
Natürlich! Diese Stadt ist voller Menschen, die sich kreativ betätigen und die auch das Gefühl haben, einen Anspruch auf ­Förderung zu haben.

Wie oft sagen auch Sie, die Sie praktisch jede Hervorbringung kennen, sich: Das ist ein Schas?
Ich kenne natürlich nicht alles. Aber ich hatte auch als Intendantin durchaus meinen Anteil am Produzieren von Langeweile. Wenn du so viel machst, dann gibt es immer Dinge, die nicht gutgehen können. Risiko eingehen heißt ja, dass du auch das Scheitern zulässt. Ich will dann aber zumindest interessant scheitern und nicht belanglos. Die beglückendsten Momente sind immer die, wenn Kunst eine Notwendigkeit erzeugt. Wenn etwas in meinem Leben weniger reich wäre, wenn ich diesen Moment nicht erlebt hätte: Bücher, Musik, Filme, die du vorher nicht kanntest. So wie ich mit Mitte Zwanzig über den W. G. Sebald gestolpert bin und mich fragte: Wie konnte ich so lange ohne ­diese Literatur leben?

Ist Kunst heute nicht langweilig im Vergleich zu den Zeiten, als man in die Uni geschissen hat? Haben die Künstler sozusagen ausgeschissen?
Der Skandal hat sich ja in die Politik verlagert. Es gibt Entwicklungen in Europa, die sind so skandalös, dass die Kunst sie in punkto Skandal nicht toppen kann. Der Aktionismus ist ja in einem erstickenden, gesellschaftlichen Klima entstanden, wo erst langsam sich was bewegt hat. Je restriktiver eine Gesellschaft ist, desto besser kannst du mit Zeichen einen Skandal erwecken. Wer regt sich heute noch auf, wenn im Theater jemand die Hose runterlässt? In der zeitgenössischen Kunst ist aber auch der Wunsch nach einem Skandal bei den Künstlern gar nicht mehr vorhanden.

Persönlich: Was gefiel ihnen mehr in der Skandalkunst: Blut oder Fäkalien?
Hm … Blut? Die Tanzkünstlerin Florentina Holzinger war vor ein paar Tagen großartig, als sie sich auf der offenen Bühne Fleischhaken durch den Rücken treiben und dann aufhängen ließ …

… das hat der Linzer Punkgott Didi Bruckmayer auch schon ­gemacht …
… abgesehen davon war der Abend aber auch unglaublich klug und fröhlich feministisch, also ein richtiger Punk-Abend (lacht). Das wird in den Medien aber gar nicht mehr rezipiert. Überlegen Sie sich, wie so ein Abend vor 30 Jahren aufgenommen worden wäre. Der letzte große Skandal war die Schlingensief-Container-Aktion, für die übrigens ich verantwortlich war (lacht) …

Neulich war ich auf einer Ver­nissage, wo die Künstlerin mich fragte, ob ich „einverstanden“ wäre mit dem, was ich sah. Sie sind sicher vertraut mit allen Vernissage-Floskeln …
„Einverstanden“? Das finde ich ja höchst seltsam. Aber man könnte tatsächlich ein Vokabular der produktiven Lügen anlegen: „Das kann was, das ist interessant.“

Vor welchem Kunstwerk sind Sie am längsten und in aufrichtiger Bewunderung gestanden? Vor Dürers Hase?
Was? Nein! Das war, glaube ich, ein Gerhard Richter. Oder vor den Steingärten in Kyoto. Es geht schon auch immer um Zeit … ich habe da so unterschiedliche Tempos in Ausstellungen. Manchmal tut man einer Sache Unrecht, wenn man so vorbeirauscht. Viele Kunstwerke heute sind nicht zu verstehen, wenn du den Beipackzettel nicht hast, mit dem du verstehst, was da geleistet wurde.

Bei all den Veranstaltungen pro Woche, die Sie besuchen müssen – geht sich da noch eine ­Netflix-Serie aus?
Das geht sich immer aus, aber natürlich auf Kosten des Schlafes. Und zwei Tage hinterein­ander im Bett schaffe ich nicht mehr, weil ich ja für meine ­Familie auch da sein muss.

Haben Sie dem Peter Handke sofort eine WhatsApp-Nachricht mit Bussi-Emoji geschickt, als Sie von seinem Nobelpreis ­erfahren haben?
Was? Nein! Ich habe ja nicht ­einmal seine Nummer.

Sie waren auch überrascht, dass der Bürgermeister Ihre Nummer hatte, als er Sie anrief wegen dem Job. Gibt’s irgendwelche Städte, Einrichtungen, Museen, von denen Sie hoffen, dass die Ihre Nummer haben?
Ich bin ein Mensch, der sehr im Jetzt lebt, und das hier macht mir eine irre Freude. Dieses Schielen auf etwas anderes oder ein Rückwärtsblicken, das gibt es bei mir nicht. Vielleicht werde ich mal eine Wirtin in einem guten Gasthaus sein … man weiß ja nie.

Haben Sie Selbstgeschriebenes in der Lade, das Sie irgendwann veröffentlichen werden? Einen „Versuch über …“?
Ich habe einmal einen Aufsatz geschrieben zu „Klinkenputzen, aber richtig“. Darüber, wie man private Sponsoren motivieren kann. Fünf Millionen Euro in zwölf Jahren war ziemlich gut für Dinge, die ­eigentlich niemand versteht.

Wie hoch war die größte Summe?
Ich glaube, es waren 350.000 Euro.

Schauen Sie sich im Theater lieber richtige Stücke an, oder lassen Sie lieber „Textflächen“ über sich ergehen?
Theater ist ein kollektiver Vorgang. Wie zum Beispiel Castorff Dostojewski wieder zum Klingen bringt oder den Faust – das ist so großartig. Es geht aber auch oft richtig in die Hose. Es braucht gehörig Fantasie, um gutes ­Theater zu machen.

Die Wiener Kunst wollen Sie auch raus in die Vorstadt bringen. Wie soll das gehen?
Ich habe das mit dem Steirischen Herbst schon sehr oft gemacht. Ich finde es extrem wichtig und spannend, dass wir, die in der Kunst arbeitenden Menschen, die Gewöhnungsmenchanismen sehr kritisch hinterfragen. Inwieweit ist man am Kontakt mit anderen interessiert, wenn man in dieser eigenen eher linken Blase lebt? Muss nicht politisches Handeln darin bestehen, dass du wirklich hinausgehst? Ich weigere mich, zu glauben, dass Kunst nur etwas für ein akademisch gebildetes Elitepublikum ist. Wir müssen viel ­unterhaltsamer und trickreicher werden in dem, wie wir kommunizieren, und das braucht enorm viel Zeit.

Foto: Peter Mayr

Kennen Sie mittlerweile die ganzen Typen, die zu jeder Vernissage und Eröffnung nur wegen dem Buffets kommen und dann alles wegessen?
Nein. Dafür halte ich mich zu wenig in Buffetnähe auf, das Buffetessen ist ja öde. Und wenn die glücklich dabei sind, dann sollen sie essen, so viel sie wollen.

Wenn Sie nächste Woche wieder Ihre Viennale-Eröffnungsrede hier im Rathaus halten werden, dann wissen Sie aber schon, dass alle nur auf den einen Satz warten: „Das Buffet ist eröffnet.“
Aber natürlich! Darum ist in manchen Momenten elegante Kürze von Vorteil.

Bei welchem Österreichischen Kunstfilm sind Sie zuletzt ­eingeschlafen?
Ich glaube, noch bei keinem.

Wie peinlich ist es, während einer Vorstellung rauszumüssen?
Sehr, darum tue ich es nicht. Da bin ich eisern, weil das so viele Wellen erzeugen würde. Da halte ich durch und träume vor mich hin. Mache im Kopf Einkaufs­listen usw.

Thema Festivalbesuche – Buenos Aires ist besser als Mistelbach?
Ich reise wahnsinnig gerne, war wirklich viel unterwegs, aber ich war dabei immer sehr effizient. Es gibt ja Kollegen, die hängen dann auch mal eine Woche Brasilienurlaub dran oder eine Woche Afrika, das tue ich nicht.

Lieblingsfestivals?
Das O1NE in Beirut, da ist die Kunst so existenziell, da kann sie nicht Blitsche-Blatsche Balla-­Balla sein. Politische Extremsituationen verschärfen natürlich die Produktion von Künstlern.

Weil Sie mal gefragt haben, ob Wien eine Metropole sein will: Wie weit sind wir?
Wir sind gut unterwegs, aber es gibt natürlich Luft nach oben. Wien ist in zwanzig Jahren um die Größe der Stadt Graz gewachsen, das hat eine Dynamik, die viele Städte momentan haben. Studierende Künstler aus der ganzen Welt kommen mittlerweile nach Wien, wir sind ein schwerer Konkurrent für Berlin. Wir müssen aber trachten, dass das nicht nur neue Siedlungsgebiete werden, die wir da bauen, sondern dass dort auch Kunst und Kultur eine Rolle spielen. Ich bin mit dem Kulturausschuss unlängst nach Paris gefahren, wo wir uns in der Peripherie Kultureinrichten angeschaut ­haben, das war super. Und da waren auch vier Freiheitliche mit dabei, was ebenfalls super war! Ich habe natürlich eine sehr klare politische Haltung, aber der Austausch ist mir sehr wichtig.

Ich kann mir nicht helfen, aber ich sehe in Ihnen die erste in Deutschland geborene Bürgermeisterin Wiens.
(Lacht.) Nein, nein. Ich bin gut da, wo ich bin.

Dann zumindest Nachtbürgermeisterin?
(Lacht.) Ich sage immer: Ich bin im nächtlichen Gewerbe, weil ich ja immer in der Nacht unterwegs bin.

Mit dem Dienst-E-Scooter oder doch mit der Dienst-Limousine.
Unterschiedlich. Ich wohne ja nicht so weit von hier. Manchmal gehe ich auch zu Fuß, oder ich fahre mit dem Fahrrad.

Sind Sie regelmäßig um sieben im Dienst?
Eher halb neun.

Dann gehen Sie die Stiege hier herauf?
Oder ich nehme den Lift. Es sind ja doch immerhin 96 Stufen hier herauf …


Veronica Kaup-Hasler
wurde 1968 in Dresden als Tochter einer ostdeutschen Schauspielerin und eines österreichischen Schauspielers geboren. Nach einem Studium der Theaterwissenschaften, Politologie und Ethnologie in Wien begann sie früh, als Dramaturgin am Theater zu arbeiten und war dann u. a. für die „Container“-Aktion von Christoph Schlingensief verantwortlich. Von 2006 bis 2017 leitete sie das Festival Steirischer Herbst, ein Jahr später berief sie Bürgermeister Ludwig als Kulturstadträtin in seine Regierung.