STIL

Der nasse Tod – Meine Rolex Daytona – HC Strache und das funkelnde Glück

Dieses nasse Drecksmeer, dieser blaue Dreckshimmel und diese schreienden Scheißmöwen! Ich werde hier ersaufen. Ich schwimme und schwimme, und es wird alles nichts nutzen. In ein paar Tagen werden sie mich finden. Irgendwo am Strand von Mauretanien. Tot und zwanzig Jahre alt. Schade irgendwie und so unnötig. Ich schwimme zwanzig Meter nach vor. Die Strömung zieht mich dreißig Meter zurück. Ich versuche, mir ein Ziel zu setzen. Ich bin so wütend über diese Ignoranz. Ich sterbe hier, und die Sonne scheint weiter. Ich bekomme nicht mal dramatische Musik, und ich werde es niemand erzählen können. Nur den Scheißmöwen, aber mit denen spreche ich nicht.

Text: Götz Schrage / Foto Header: Michael Haas

Die Arme werden schwer, und ich werde immer durstiger. Kein Mensch ist am fernen Strand, weil einfach kein Wixer bei Ebbe ins Meer geht. Ich weiß jetzt auch, warum. Wenn mich die weichen Wellen hochtragen, sehe ich ein entferntes Funkeln. Wie wenn ein Kind mit einem Taschenspiegel die Sonne einfängt. Aber da ist kein Kind. Da ist niemand. Ich schwimme zickzack wie ein U-Boot unter Bombenfeuer, aber noch ist mein Kopf über dem Wasser. Schwimmen, schwimmen, schwimmen, als wäre es dein letztes Mal. Ich halte mich mit den Augen fest. Ich halte mich an dem Funkeln fest. Eine Stunde lang. Ich tausche eine Stunde Kämpfen gegen eine Million Stunden Leben, und ich sitze dann am Strand neben diesem dicken Ast, den irgendwelche Jungs in den feuchten Sand gerammt haben. Eine billige, blaue Schnur, und im Wind wiegt sich eine funkelnde Weißblechdose. Danke Dose. Danke tausendmal.


Zehntausendzweihundertvierundzwanzig Tage habe ich meine Rolex „Daytona“. Die richtige ­„Daytona“ in Stahl und ohne jedes Bling-Bling, Das Zifferblatt ist schwarz wie meine Seele, und drinnen ist das Zenith-Werk. So, wie es sein soll. Mein Uhrmacher liebt dieses Werk so, wie er höchstens noch seine Frau lieben kann. Manchmal, wenn ich meine Uhr zum Service bringe, habe ich Angst, er brennt durch. Nicht mit seiner Frau, mit meiner Uhr ­natürlich. Ich finde dann kaum Schlaf und lese den Lokalteil der „Kronen Zeitung“ besonders aufmerksam, ob nichts passiert in meinem Bezirk. Mein Uhrmacher könnte durchbrennen, wie man mit seiner unerfüllten Liebe durchbrennt. Mir bliebe dann nichts als mein Schmerz und die Frau des Uhrmachers, und die kenne ich kaum. Einmal Grüßen und so. Mehr war da nicht.

Foto: Michael Haas

Zehntausendzweihundertvierundzwanzig Tage ist meine „Daytona“ bei mir. Frauen ­kamen und gingen. Es wurde ­gelacht und ­gelebt. Es wurde durchaus erfolgreich kopuliert. Es wurde verlassen, und dann schmerzt das Herz, wie es nur ­jemanden schmerzen kann, der aufrichtig liebt. Jetzt, da ich langsam alt und welk werde, bleibt das linke Kopfkissen meistens leer. Doch rechts am kleinen braunen Nachtkästchen lacht sie mich an. Die kleine Sekunde zieht ihre kleinen Kreise, und die schönsten Komplikationen der Welt tun, was sie tun müssen.

Vierhundertachtunddreißig Tage war ich ihr untreu. Eine lächerliche Affäre mit einer Jaeger-LeCoultre „Futurmatic“. Dieses kronlose Wunderwerk und meine klobigen Metzgerhände. Peinlich wie ein alternder weißer Mann mit einer viel zu jungen serbischen Feinkostverkäuferin. Dann die Phase, als ich stolz war auf mein altes „Memovox“-Modell, und mit dem mechanischen Armbandwecker. Wenn ich in leisen Lokalen mit lauten Frauen unterwegs war, ließ ich es klingeln in der Nacht, damit sie mich für wichtig hielten. Dabei hatte ich nichts, und es wartete auch sonst niemand auf mich, abgesehen von meiner beleidigten Rolex „Daytona“. Am Tag, nachdem ich sie zum Listenpreis gekauft hatte – damals ÖS 32.460,–, wollte man mir im Casino DM 10.000,– geben. Später noch mehr und zuletzt € 14.000,–. Da könnte ich gleich meine Seele verkaufen oder meine Mutter. Mit der hätten Sie keine Freude. Mit der Seele, meine ich. Natürlich war ich in Versuchung, wenn ich so gar nichts hatte, und es wäre der bequemere und weniger gefährliche Weg gewesen. Aber ich bin nicht zum Funkeln des Strands geschwommen, um es jetzt bequem zu ­haben.

Foto: Rolex

H.-C. Strache und mich verbindet einiges. Fünfmal war ich vor Gericht wegen Ehrenbeleidigung. Fünfmal habe ich nicht gewonnen. In der Geschichte werde ich vielleicht als Sieger gelten, aber damit kann man keinen Anwalt bezahlen. Aber H.-C. Strache und ich lieben dieselbe Uhr. Er hat sie auch. Genau die richtige. Ohne Bling-Bling mit dem schwarzen Zifferblatt und dem wunderbaren Zenith-Werk. Wir sehen uns manchmal bei Kampf­sport-Veranstaltungen. Er ist ein richtiger Fan, so wie ich. Bleibt bis zum Schluss, und nicht nur für die Fotografen. Wenn er kommt, dann buht die Halle. Alle buhen, weil sie bei jedem Politiker buhen würden wegen ihrer Macht und wegen ihrer schein­baren Unbesiegbarkeit. Jetzt hat H.-C. Strache verloren, wie ein Mensch nur verlieren kann. Nichts bleibt ihm, nicht wird aus ihm werden. Er hat seine wunderbare Frau und seine Rolex „Daytona“. Das ist mehr als die meisten, die da sonst buhen. Wenn H.-C. Strache zum nächsten Kampfabend kommt, hoffe ich, dass niemand buht. Solange er aufrecht reinkommt, obwohl er ein Verlierer ist, wird ihm die Halle Gnade erweisen, schon weil man sich da auskennt mit Verlieren und dem Bemühen, trotzdem aufrecht zu gehen.

Wenn es sich ergibt, gebe ich ihm die Hand und erzähle ihm von dieser Geschichte hier. Oder besser, ich erzähle im von damals, wie ich um mein Leben schwamm und nur dieses Funkeln am Strand hatte als Leuchtturm des Mutes. Ich hätte mir diese Weißblech-Dose mitnehmen sollen. Aus Respekt und Dankbarkeit. Obwohl: Ich brauche sie nicht mehr. Seit zehntausendzweihundertvierundzwanzig ­Tagen trage ich mein Funkeln am Handgelenk, und seitdem orientiere ich mich an ihrem Licht. Ich hatte eine Magnum vor dem Bauch, ein Messer an der Brust, und ich lag besinnungslos auf der Straße nach einem Unfall, und wir haben das alles überlebt. Wir gemeinsam. Meine Rolex „Daytona“ und ich. Das werde ich H.-C. Strache erzählen, weil das braucht er jetzt. Verkaufen werde ich meine Uhr niemals. Ich werde sie tragen, am liebsten nochmals zehntausendzweihundertvierundzwanzig Tage. Mit einigem Glück geht sich das aus. Hoffe ich.