Essen

Lok-Angebot

Der wichtigste Bahnhof Österreichs hat auch eine standesgemäße, Fünf-Sterne-Kantine. Im „Eugen 21“ gibt es aber keine Schäumchen, sondern Schweinsbraten mit Kraut.

Text: Roland Graf

Klar kann man sich in der „Vienna Central Station“ auch Undefinierbares aus dem ganztags nie versiegenden Curry-Topf schöpfen lassen. Nicht wenige der gut 145.000 Fahrgäste, die täglich durch den Wiener Hauptbahnhof stapfen, tun das auch. Man kann aber auch den Ausgang Karl-­Popper-Straße nehmen und sich daran erinnern, dass der Sir ­unter den Wiener Philosophen das Wirtshaus einst als „Keimzelle der Demokratie“ bezeichnet hat. Einmal um die Ecke der Benko-­Baustelle gebogen, ist da auch eine Einkehr: das „Eugen 21“.


Kleiner Exkurs: Noch cooler, speziell, wenn man für Handschaltung und Namen wie Pinarello ­etwas übrig hat, ist das „Cyclist“ nebenan. Hier trifft man die Crew des Hotels Andaz, aber auch die Bürohengste von Erste Bank, ÖBB oder dem sozialistischen Renner-­Institut (die aktuell eh viel zu ­besprechen haben). Alle halt, die guten Espresso brauchen und der eigenen „Teeküche“ fernbleiben wollen. Aber ehe wir uns hier im Fahrrad-Siebträger-Paradies verlieren, schreiben wir lieber von ­einem anderen Gefährt.

Das Hotel-Restaurant der Hyatt-Gruppe hat den „Tischservice“ wieder salonfähig gemacht. Was in London zwischen Damast­serviette und Goldrand-Porzellan der „Carving Trolley“ ist, heißt hier einfach „Vom Hof am Tisch“ – und zelebriert den Schweinsbraten. Aber so was von! Ein Fleisch, das aus einem Ort namens Wildendürnbach stammt, muss eigentlich etwas können Daniela Wintereder und Fred Zehetner haben mit ihrer „Boa-Farm“ unter Kennern aber sogar verehrungswürdigen Status. Ein Fleischer, der selbst schlachtet und seine eigene Freilaufzucht führt, spart Tierleid und -trans­porte.

Der Gast sagt auch „Boa!“ und wählt vom vorgefahrenen Bratl-Trolley, was ihm gefällt („Lieber doch das Magere“). Dazu hat Küchenchef Richard Leitner bei der Schwiegermama die Semmel-Tarte abgeschaut. Sie ist leichter als die obligaten Knödel, saugt den Bratensaft aber sogar besser auf. Und ergänzt das verschreibungspflichtige Suchtmittel Sauerkraut – quasi eine Tarte zum Runterkommen.

Mustergültig auch die Rindsuppe (sechs Euro) mit Markscheibe; Wiener Schnitzel muss natürlich in einem Wiener Fünf-Sterne-Haus auch auf die Karte (21 Euro – und das vom Kalb). Dass es dazu viel Naturwein gibt, muss man mögen, der Gamay vom Weingut Metisse ist aber ein Braver unter den Argen. Riesling mit Pfiff, aber ohne Maischegärung und Hipster-Hefestinkerl hat man von Sighardt Donabaum eingekühlt. Ebenfalls kein Mainstream!

Desserts sollte man hier übrigens nicht verweigern: Das Sanddorn-Sorbet mag jetzt nicht so ganz „Modernes Wirtshaus“ (© Eigendefinition) sein, stellt in seinem unsüßen Schmelz aber einen unkonventionell guten Menü-Abschluss dar. Falls der eigene Zug nicht in den nächsten fünf Minuten geht.

EUGEN 21 (im Andaz-Hotel)
Arsenalstraße 10, A-1100 Wien, täglich 12–14.30 und 18–22 Uhr (Freitag/Samstag bis 22.30 Uhr), restaurant-eugen21.at

Preise: Das Backhendl (16 Euro) pflegt wie Schweinsbratl (24 Euro) und Schnitzel die Klassik, avantgardistischer sind Vorspeisen wie Kürbiscremeschnitte (um 13 Euro).

Pflichtkauf: Der Schweinsbraten mit Wacholderkraut (24 Euro) ist großes Kino, gut auch das Beef Tartare. Mittags im Zwei-Gänge-­Menü (21 Euro) die Lammwürstel.

Ideal für: Wiener-Küche-Fans, die es nicht so mit dem Tafelspitz haben .

Leistungskoeffizient: 89

Preisband: 87