GENUSS

Kandlierte Früchte

Die polnisch grundierte Pizzeria am Schottenfeld ist Geschichte. Tagsüber gibt dort nun das „Café Kandl“ ein „Best of“ von Wiener Lebensmitteln. Abends mutiert man zur Cocktailbar.

Text: Roland Graf

Skandinavische Holzmöbel und Sweet Soul Music sind schon kein schlechter Start. Denn in der Gasse, die angeblich nach dem „Goldenen Kandl“ benannt wurde, werden wieder die Becher befüllt. Das „Café Kandl“, bei dessen Logo man immer ein wenig an die Calvin Klein-Schriftzüge („CK“) denkt, eröffnete just zur Einführung des Gastro-Rauchverbots im Biedermeierhaus. Zum Glück verstehen sich Peller und Küchenchef Julian Lechner auf die Substitutionstherapie. Sie reichen nun andere Suchtmittel. Der Gast nebenan etwa lobt den Kaffee überschwänglich. Er kannte das Kandl noch als „Tschecherl“. Sagt er. In der Tat kann der zwei Ecken weiter bei „Süßmund“ geröstete Espresso was! Man merkt, dass die kräftigende Tasse für Barmann a. D. Peller ein Überlebensmittel darstellt.


Nun profitieren auch die Gäste im Siebenten davon. Genauso wie von den Backwaren von Georg ­Öfferl (und im Gegensatz zum ­Bäcker-Outlet Wollzeile muss man sich nicht ums Handsemmerl anstellen). Käse holen die Feinspitze bei „Jümi“, den Wels mit dem feinen Rauchton liefert „Blün“. Die eklektische Topproduzenten-­Auswahl der Marke Trüffelschwein bringt weiters das ­„Tirola Kola“ ebenso auf die „CK“-Karte wie Bratwurst von Lieblingsfleischer Hödl in Liesing. Erdäpfelpüree dazu, und mehr braucht man gar nicht.

Indes, nicht jeder Neugast sieht das so; mancher Spesenesser ­hadert mit dem Hipstertum – Frühstück bis 13 Uhr, aber kein Schnitzel auf der Mittagskarte?! Immerhin sorgt das für kostenlose Unterhaltung, solange der Innenhofgarten (Vorfreude!) noch nicht genutzt werden kann. Denn recht gern wird auch aus jener Auswahl bestellt, über der eh fett „Abendkarte“ steht: Nein, das Gemüse­gulasch gibt es mittags auch für die Frau Anwältin mit dem Sinnerfassend-Lesen-Problem nicht!

Da sind wir schon beim Menü-­Angebot, das alle zwei Tage wechselt. Beziehungsweise, „bis die Zutaten aus sind“. Denn eingekauft wird eher sparsam – an die Maxime „Zero Waste“ hält man sich am Schottenfeld. Doch der kulinarische Reigen beginnt bereits mit dem Frühstück Julian Lechners. „Hippe Haferflocken“ versprechen dann selbstironisch eine Rosenwasser-Walnuss-Version (6,90 Euro) des Porridge. Grammeln und Stunden-Ei setzt es bei der quasi maskulinen Variante des Hafer-Frühstücks. Der Regent des Abendgeschäfts wiederum, wenn die Kerzen am Tisch Licht spenden, ist Jamil El Azem. Der Kreativkopf hinter der gut bestückten Bar mag Bitterliköre und die unterschätzten Wein-Aperitifs. So stehen etwa der französische Byrrh oder Suze bei ihm hoch im Kurs, auch einen kräftigen Mezcal-Drink schüttelt der Profi (u. a. Albertina-Passage und „Roberto’s“) jederzeit für die p. t. Gästeschaft. Man könnte auch ­sagen: Aus dem „Goldenen Kandl“ ist der „Silberne Shaker“ geworden.


CAFE KANDL
Kandlgasse 12, A-1070 Wien, Dienstag bis Sonntag 8–2 Uhr (Frühstück bis 13 Uhr), www.cafekandl.at

Preise: Das zweigängige Mittagsmenü (11,90 mit Suppe) ist stets fein. Klassiker des Hauses ist das pochierte „Ei No. 1.“ (6,90 Euro), großartig auch das Sandwich mit Rind.

Pflichtkauf: Wer morgens keine Grammel-Haferflocken mag, kann die Wiener Wels-Semmel (5 Euro) ordern, top ist auch die steirische Eierspeise (7,90 Euro).

Ideal für: Qualitätsfetischisten und Co-Working-­Spaces hassende Notebook-Nutzer

Leistungskoeffizient: 84

Preisband: 88