Meinung

Motivation im Rückwärtsgang

Neid ist in der Modebranche weit verbreitet. Und: Neid ist auch genderübergreifend. Geschickt durch scheinheilige Bemerkungen als Kompliment zart verhüllt. Meist geht es um den Körperumfang, das jeweilige Outfit oder die sogenannten Must-haves.

Wer hat als Erster das Neueste, das vor vier Sekunden auf irgend­einer schwachsinnigen Instagram-­Seite aufgetaucht ist? Was? Du noch nicht, du Super-Loser! Solltest du es durch irgendeinen kosmischen Zufall jedoch dein Eigen nennen, sei dir der Neid deiner Mitmenschen gewiss. Statements im hochintelligenten Influencer Jargon wie: „Boahhh, das ist ja voll nais, aber das hat eh voll schon jeder, das gibt’s ja eh schon voll lang …“ folgen.
Angenommen, man neigt zu ausgeprägter Schlankheit. Ja, ich weiß, in unserer Operetten-Bananenrepublik eher selten, es kommt aber hin und wieder doch vor. Man stelle sich folgende Situation vor: Es ist Sommer, man trägt ein kurzes Röckchen, die dürren Beinchen stecken in High Heels. Man ist mit dem Angetrauten in der Innenstadt unterwegs. Entgegen kommt ein – wie soll ich es anders nennen? – blades, auf Grund der Hitze enorm schwitzendes Paar. Sie kommentiert gut hörbar: „Schau, da Oide gibt dem dirrn Kraumpn nix zum Fressen …“

Wie soll man diese Aussage wohl interpretieren? Mitgefühl ob der unterernährten Optik? Eine Anregung, doch mehr in Lebensmittel zu investieren, um so bald wie möglich wie die Verfasserin der Aussage auszusehen? Eine Aufforderung, die ausgemergelten Gliedmaßen zu verhüllen, um die Mitmenschen vor einem derartigen Biafra-Look zu verschonen?


Nein – es ist Neid. Und Neid ist Motivation im Rückwärtsgang. Im Zuge der Nächstenliebe muss man Neid auch großmütig zugestehen – denn was hätten manche Menschen schon, wenn sie nicht einmal ihn hätten?


Elvira Trevira
Fashion is her profession. Sie kolumniert im WIENER und bloggt unter: BLOG-MAG.NET