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Wien sperrt wieder auf

Wien erwacht. Wohl verhalten, aber doch mit einem Anflug davon, was uns die letzten 6 Wochen abging: Von Leben. Am 15. Mai sperrten erstmals seit dem Corona-Shutdown die Lokale auf. Der WIENER war dabei.

Unser Ausflug ins neue Leben nach Corona startete gleich mit der derzeit größten Veranstaltungslocation Österreichs: Dem wiedererwachten Autokino Wien in Großenzersdorf. Wie sich das gehört haben wir uns für den ersten Abend nach dem Shutdown fein herausgeputzt. Und das derzeit aufsehenerregendste Auto für den Ausflug nach nach Großenzersdorf gewählt: Den nagelneuen Porsche Taycan.

Die Einfahrt …
… der Standplatz …
… die hintere Leinwand …
… der Filmstart …
… und die Bar, von wo aus die Autos mit Drinks und Popcorn beliefert werden. Volles Haus!

1.000 Autos fasst der Platz mit den drei großen Leinwändern, der sich vor dem Shutdown nicht gerade über massiven Publikumsandrang freuen konnte. Nun aber ist alles anders. Und mit einer Regelung, die bis auf weiteres keine Veranstaltungen ähnlicher Größe zulässt, bietet der Open-Air-Kinosaal, der seine Sounds über eine eigene Radiofrequenz in die Autoradios spült, tatsächlich die größte Veranstaltungslocation Österreichs. Und ebenso tatsächlich war hier nach eineinhalb Monaten ohne Kino-Spaß sogar ein eher angegrauter Alt-Streifen wie „Grease“ mit John Travolta und Olivia Newton-John (1978) gut für ein ausverkauftes Haus. Das junge Event-Team, das den einst insolventen Betonplatz revitalisierte, hat sich ein paar ausgeklügelte Gimmicks überlegt, um sich den Titel „Sicheres Kino“ wahrheitsgemäß umhängen zu können. Das Ticket wird durch die geschlossene Seitenscheibe gescannt, Drinks und Popcorn werden per App bestellt und von brav maskierten Service-Kräften ans Auto gebracht. Nicht weiter verwunderlich, dass bei Hannes Schwarzecker und Markus Cepuder schon die halbe, heimische Veranstalter-Clique anklopft, mit Plänen, den Platz vor der Leinwand zur Bühne umzugestalten. Fix ist noch nix, aber Schwarzecker ist euphorisch. Zu Recht – der Eröffnungsabend ist ein voller Erfolg, das ganze Team ist zu Filmbeginn total aus dem Häuschen. Oder, wie es eine adrette wie quirlige, junge Dame von der Catering-Crew zum Ausdruck brachte: „I brunz mi koid und woam an!“


Von der Peripherie ins Zentrum

Nächste Station: Loosbar. Es ist 22h15, so früh war ich noch nie in der Gegend. Noch vor der Türe (der Gastgarten ist voll) kalter Stress: „Wir sperren gleich zu, Frische Drinks gehen sich nimmer aus.“ Echt jetzt? Aber Patin Marianne, mit der ihr eigenen Grundenergie vor allem damit beschäftigt, unfolgsame Bar-Lehner zum Hinsetzen aufzufordern, gibt ihr Ok und schon eine Minute später steht der beste Long Island Icetea auf dem Tresen. Cheers. Fast so wie immer, die gleichen Leut, die gleiche Stimmung. Aber halt etwas früher als sonst. Um elf ist Schluß, tatsächlich. Im Autokino tanzen die fettigen Rockabellas da noch …

Cheers!

Also dringen wir weiter vor ins Epizentrum der Wiener Nacht, das sich irgendwo in der Triangel Schwedenplatz – Bermudadreieck – Stephansdom befindet. Überall wird gesetzestreu geschlossen, die Leute sind am Heimweg, wie sonst halt eher gegen 3 oder 4 Uhr früh. Allerdings fehlt jedes Gemotze über die frühe Sperrstunde. Im Gegenteil: Die Menschen wirken gelöst, befreit, happy. Und es liegt jene Laune in der Luft, die dereinst vorherrschte, als wir Spätpubertären den Eltern eine Viertelstunde längeren Ausgang rausgerissen hatten – alle Tricks wie die verpasste letzte Tramway oder den verprassten Taxi-Fünfziger bereits ausgenutzt – und diese feierten, als wäre sie ein halbes Jahr.

Um 23h20 ist der Stephansplatz weitgehend leergefegt. Taxis sind Mangelware, Uberisten lauern durch die Straßen schleichend auf Kundschaft. Fehlt nurmehr die abschließende Burenhaut am Würstelstand.

Der vor der Fledermaus hat offen, aber – oh weh: Er nimmt nur Bargeld. Das Standl hinter der Oper, aka „Bitzinger“ hat schon zu, trotzdem tummelt sich hungriges Bar-Volk rundherum wie bestellt und nicht abgeholt. Die Heimfahrt gegen halb 12 fühlt sich dann schon wieder weitgehend so an wie sich Freitagabende die letzten sechs Wochen über angefühlt haben. Bleibt die Hoffnung, das Wetter morgen Samstags lässt mit sich reden und bietet Sonne. Dann wird der Naschmarkt mit Sicherheit seine langersehnte Wiederauferstehung feiern.