E-Mobility

Großes Kino

Das Autokino Wien, das eigentlich in Groß Enzersdorf liegt, ist die derzeit größte Veranstaltungsstätte Österreichs. Für 1.000 Autos zugelassen, könnten so, wenn alle mit VW-Bussen kommen, theoretisch 7.000 Leute gemeinsam Film schauen. Folgerichtig können es am ersten Abend nur 6.997 gewesen sein. Weil wir waren mit dem Porsche Taycan da.

Text: Maximillian Barcelli, Fotos: Eryk Kepski

Und dann ist es fast so wie damals, Sommer 78: Die Frisur sitzt, dein Girl sitzt – nämlich am Beifahrerplatz neben dir –, und würden nicht Abermillionen von lästigen Coronaviren die Welt in Atem halten, könntest du sogar das Fenster runterkurbeln und das Ärmchen lässig rausbaumeln lassen. Wird es heute klappen, das langersehnte erste Mal? „Schatz, mach doch bitte die Massagesitze an.“ Es ist destilliertester Retro­flair, mit dem das Autokino in Groß Enzersdorf, keinen Kilometer von der Stadtgrenze Wiens entfernt, dieser Tage lockt. Binnen Sekunden versetzt es einen zurück in die gute, alte Zeit, die der für diese Zeilen verantwortliche Schreibknecht nie erlebt hat, weil er in den 90ern geboren wurde. Gestört wird die einmalige Atmosphäre nicht einmal vom Streifen, der läuft (Hat man früher doch so gesagt, oder?). Im Gegenteil: Immerhin servieren die Veranstalter an diesem Freitagabend „Grease“. Nur unser Auto erweist sich als stimmlicher Störfaktor. Selbst schuld, wenn man mit der hochtechnologischen Antwort auf allerlei Zukunftsfragen des größten (oder zweitgrößten) Autoherstellers der Welt auftaucht.


Der Porsche Taycan also. Und dann gleich als Turbo S, wo zwei E-Maschinen eine irrwitzige Systemleistung von 560 kW (in alter Währung: 761 PS) zur Verfügung stellen – mehr Power als ein ­Lamborghini Aventador S. Bringt halt wenig im Stau vor der Kassa.Dann lieber mit dem Infotainment vertraut machen. Drehregler für die Radiofrequenz gibt’s natürlich keinen. Dafür aber drei Displays. Vier sogar, sollte man den Beifahrerscreen für wohlfeile 1.054 Euro (oder auch: rund 50 Autokino-­Tickets für zwei) mitordern. Am Zentraltouchscreen kann die ­Frequenz eingetippt werden, und schon trällert Travoltas Entourage „Tell me more, tell me more. Did she put up a fight?“ Bis man sich aber wirklich vollends auf den Film konzentrieren kann, muss noch eine Armada von Innenraumbeleuchtungen in den unendlichen Weiten des Infotainmentsystems gedimmt werden. Und erst beim Tagfahrlicht, das ja den Kinogenuss der anderen beeinträchtigt, ist Hilfe vom Taycan nötig: „Standlicht gedrückt halten, um Beleuchtung abzudrehen.“
Man kenn ja die Vorbehalte, die bisweilen gegen die Elektromobilität in Stellung stehen. Ganz oben fungiert hier bekanntlich die gutturale Reichweitenangst: „Schatz, mach doch bitte die Massagesitze an. Oder kommen wir dann nicht mehr nach Hause?“

So wenig überheblich wie möglich antworte ich der Geliebten, dass unter uns, im Fahrzeugboden, ein 93,4 kWh großer Akku residiert, der dafür sorgt, dass dieses über 2,3 Tonnen schwere Automobil mehr als 300 Kilometer weit fahren kann. „Schatz, wir könnten uns während der gesamten ‚Herr der Ringe‘-Trilogie massieren lassen und würden es immer noch nach Linz schaffen.“ Da hat das Autokino Wien doch tatsächlich ein neues Argument für die Elektromobilität herausgefiltert, merken wir plötzlich: Während sich manch Kinobesucher fragt, ob seine kümmerliche Batterie im Zweier-Golf am Ende noch genug Saft für den Anlasser haben wird (wobei auch das kein allzu großes Problem ist: Die Veranstalter „geben gerne Starthilfe“), leben wir im Taycan wie die Kaiser. Er heizt, er massiert, er offeriert Filmton wie im IMAX – und er sieht dabei mindestens so großartig aus wie Olivia Newton-John nach ihrer Verwandlung zum Bad Girl am Ende von „Grease“. Und weil die Motoren einsatzbereit bleiben, ist man schneller weg, wenn aus dem Nichts ein maskierter Typ an die Scheibe klopft, der dich aber gar nicht um „dein“ 200.000 Euro teures Vehikel bringen möchte, sondern einfach nur Snacks anbietet. Wenn gerade kein mit Mund-Nasen-Schutz bestückter Mitarbeiter die Autos ­abklappert, der eigentlich nur freundlich Snacks (Popcorn, Cola, das Übliche) offerieren will, mich mit seinem unvermittelten ­Geklopfe aber fast zum Risikopatienten mit Herzvorerkrankung gemacht hätte, kann via App bestellt werden. Ausgefuchst! Überhaupt läuft hier wirklich alles kontaktfrei ab: Beim Einlass wird die Karte durchs geschlossene Fenster gecheckt, die Platznummer, an der sich die Snack-Lieferanten orientieren, wird vor die Tür gelegt (ebenso wie die Snacks selbst), und auf die einzige Schwachstelle dieses perfekt kontaktfreien Plans, das stille Örtchen, reagiert das Autokino mit mehreren Mitarbeitern, die quasi im Sekundentakt desinfizieren. Dass wir es snackmäßig beim mitgebrachten Kuchen belassen haben, nahm man uns übrigens gar nicht übel und war insofern kein Fehler, als dass bei der Rückfahrt der Porsche Taycan Turbo S seine Muskeln spielen lassen durfte: Mit überfüllten Bäuchen wäre uns beim Vollstoffgeben ja schlecht geworden …

Derartige Schlauheiten gibt man nur von sich, bevor man dem neuen Super-Stuttgarter standesgemäß ins Leben gestiegen ist. Nüchtern betrachtet ist der Vortrieb des Porsche Taycan Turbo S an Absurdität kaum zu überbieten. Eigentlich marschiert das viel schneller, als du überhaupt denken kannst. Als Fahrer muss man sich richtig an das unschlagbar direkte Ansprechverhalten der Motoren gewöhnen. Schau das Gaspedal einmal blöd an, und du bist deinen Führerschein los. Es gibt zwar auch eine Zahl, die die Beschleunigung beschreibt, nämlich 2,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h, am treffendsten formulieren es jedoch jene aktiv-aggressiven Worte, die nach zehn Minuten Achterbahn vom Beifahrersitz aus gefaucht werden: „HÖR AUF MIT DEM SCHEISS, ICH KOTZE GLEICH!!!“

Nennenswert: Anders als bei Tesla und Konsorten lässt sich der witzige Hunderter-Sprint mit dem ­Porsche muntere zehn, zwölf mal hintereinander ­machen, ohne dass die Batterie um Hilfe schreit. Oder aber gleich die Restreichweite ungut abnimmt. So geht Sportwagen der Zukunft, was sich beim stromenden Porsche mühelos mit dem Schlagwort Limousine vereinigen lässt. Letzteres wirft dann allerdings Fragen auf; Etwa, warum der Einstieg auf den Fahrersitz des Taycan durch eine Luke, so eng wie bei einem Schützenpanzer, erfolgen muss. Es gibt kein würdiges Ein- oder Aussteigen für Menschen über 160 cm Körpergröße, zumal die B-Säule ungefähr auf Höhe der Armbanduhr des sitzenden Fahrers steht und das elektrisch geführte Lenkrad trotz Keyless-Go keine Anstalten macht, sich ins Armaturenbrett zurückzuziehen, wenn das Herrl naht. Platz wäre wohl genug für ein bissel mehr Türen, die im Fond sind nämlich ausreichend groß. Noch ein Längen-Manko gibt es: Das gesamte Taycan-Dach ist aus Glas, so weit so fein. Allerdings fehlt jeder Sonnenschutz, weshalb man schon Mitte Mai um die Mittagszeit ein Spiegelei auf dem Mitteldisplay braten kann. Wie wird das erst im Hochsommer sein?

Autokino Wien
Rund einen Kilometer nach der nordöstlichen Stadtgrenze findet sich in der Gemeinde Groß Enzersdorf der längst kultige Großparkplatz (für 1.000 Autos genehmigt) mit drei Kinoleinwänden. Einst in die Insolvenz getrieben, lassen Corona und Co das Autokino wieder hochleben.
Infos: www.autokino.at

Porsche Taycan Turbo S
Leistung: 625 PS (Overboost: 761 PS)
Drehmoment: 1.050 Nm
Beschleunigung: 0–100: 2,8 s
Spitze: 260 km/h
Gewicht: 2.295 kg
Reichweite (WLTP): 388–412 km
Preis: 189.702 Euro