AKUT

Gefangen im Netz der toxischen Männlichkeit

Franz J. Sauer

Steckt wirklich in jedem Mann ein Mörder? Oder haben die viel zu vielen Femizide der letzten Jahre andere Ursachen? Der Versuch einer Relativierung.

Text: Franz J. Sauer / Fotos: Irene Schaur

Keine acht Tage ist das Jahr 2022 alt, da passiert schon der erste Femizid des Jahres. Ein Mann erschießt seine am Esstisch sitzende Frau von hinten, geplant, gezielt in den Hinterkopf, das blutige Ende einer Ehe. Der Täter zeigt sich umfassend geständig. Nach der Rekordzahl von 31 Femiziden 2021 in Österreich, geht die grausige Serie also gleich ohne Verschnaufpause weiter. Social Media kocht dementsprechend über: „Wann hören die Männer endlich auf, uns Frauen zu töten?“ „Männer gehören alle weggesperrt.“ „Zwangskastration.“ „Ausgangssperre für Männer nach 20 Uhr.“ „Man kann sich als Frau einfach nie mehr sicher fühlen.“ Nicht nur die „üblichen Verdächtigen“ posten in schriller Wut über das scheinbar einzige, gemeinsame Vielfache der schrecklichen Taten, das da lautet: In jedem Mann steckt ein Mörder, die Frage ist nur, wann er zuschlägt.

Erlaubst du dir als Mann, hier auch nur sachte zu widersprechen, wirst du sofort zum Komplizen. Selbst die Feststellung, dass ein Mensch, der seine Frau eiskalt am Esstisch erschießt, wohl mehr Probleme haben muß, als bloß ein Mann zu sein, erntet nettestenfalls ein „vielleicht, aber …“. Überhaupt steht Pauschalieren in der blaßblauen Schlagzeilen-Schlacht mit Kommentarfunktion fix am Plan. Als TV-Moderator Roman Rafreider etwas derangiert eine ZiB moderiert und damit Thema des Tages bei Twitter und Co wird, sind die Paralellen zwischen einem Glaserl zu viel und dem Frauentöten schnell gezogen; Rafreider war nämlich schon einmal vom Dienst im TV suspendiert worden, damals, weil er von seiner Ex-Freundin wegen angeblicher Gewaltandrohung angezeigt worden war. Dass die Staatsanwaltschaft nach eingehender Prüfung des Sachverhaltes keine Anklage erhob, sprach den Fernseh-Feschak im Facebook-Land keinesfalls vom Verdacht des potentiellen Frauenmörders frei. Schließlich „wüßte man ja, dass Gerichte in Österreich grundsätzlich frauenfeindlich agieren.“ Case closed, der Social Media-Gerichtshof hat geurteilt.

„Würde ich fremdgehen, würde ich einen Notar mitnehmen.“ sagt Mag. Mirsad Musliu und meint diese Polemik scheinbar nicht so unernst, wie sie klingen mag. Er ist Strafverteidiger in Wien und hat sehr oft mit Causen zu tun, in denen es um Gewalt an Frauen geht. Gezielt frauenfeindliche Tendenzen kann er in seinem Gerichtsalltag allerdings kaum erkennen, eher im Gegenteil. Wann und warum aus einvernehmlichem Sex plötzlich eine Vergewaltigung wurde, ist für Behörden und Gerichte am Beginn der Ermittlungen ebenso schwer einzuschätzen, wie das für eine Migrantin eventuell verlockende Motiv, ihren Ehemann einer Gewalttat zu bezichtigen, um einen von ihm unabhängigen Aufenthaltstitel zu bekommen, (was in Österreich bereits Gesetz ist und in Deutschland von Opferschutz-Organisationen dringlichst gefordert wird). Dazu kommt, dass der Begriff Femizid im medialen Getöse inklusive Social Media ziemlich engagiert durchlauferhitzt wird, was eine ungute Art von Druck auf Behörden, Exekutive und Gerichte aufbaut. „Dass man sich als Richter bei einer unklaren Beweislage nicht verkühlen mag, also keinen Täter zu viel laufen lässt, der nachher womöglich zum Mörder wird, ist nur zu verständlich.“

Es gibt keine toxische Männlichkeit, es gibt eine toxische Menschlichkeit. Erst Evolution, Soziologie und Biologie machen mehr Männer zu Tätern.

Dr. Thomas Köffler ist Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde und Personzentrierter Psychotherapeut mit Schwerpunkt auf Männer- und Beziehungsthemen in freier Praxis. Er lebt und arbeitet in Wien. www.thomas-köffler.at

Was genau ist ein Femizid?

Es sind vor allem die statistischen Ausschläge nach oben, die den Femizid zu einem verläßlichen Schlagzeilenbringer machen. Schließlich befindet sich Österreich mit 31 Fällen 2021 und 24 Fällen im Jahr davor stets solide im Spitzenfeld der Femizidquote, gemessen an Einwohnern europaweit. Eine statistische Relationsverschiebung, die Österreichs bekanntester forensisch-psychiatrischer Gerichtsgutachter, Prof. Reinhard Haller, ins rechte Bild rückt: „Wir haben in Österreich generell wenige Fremdtötungen, vor allem kennen wir keine männerdominierte Bandenkriminalität, die in anderen Ländern statistisch zum Tragen kommt. Aber auch das Zustandekommen der bedauerlich hohen Zahlen an Frauenmorden muss man sich genauer ansehen. Während früher viel mehr Sexualmorde, vor allem an Prostituierten, oder Raubmorde, etwa an alleinstehenden Frauen, an der Tagesordnung standen, haben die zwischenmenschlichen Gewalttaten innerhalb von Beziehungen stark zugenommen. Was den Fokus auf die Gewalttätigkeit der Männer rückt, die in diesem Umfeld signifikant brutaler und folgenschwerer ist, als bei Frauen, etwa im Verhältnis 9:1.“ Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Form der gegenständlichen Gewalttaten merklich verändert hat. Das reine Affektdelikt ist zunehmend in den Hintergrund getreten, das Rachemotiv in den Vordergrund, womit wir beim geplanten Mord sind, der „vorsätzliche Tötung einer Frau durch einen Mann aufgrund ihres Geschlechts bzw. aufgrund von ‚Verstößen‘ gegen die traditionellen, sozialen und patriarchalen Rollenvorstellungen,“also beim Femizid.

Männer können mit Kränkungen viel schlechter umgehen als Frauen, ihr Hauptproblem ist die tief verwurzelte Angst vor Liebesentzug.

Prof. Reinhard Haller ist forensischer Psychiater und war als Gerichtsgutachter in den aufsehenerregenden Kriminalfällen um Jack Unterweger oder Franz Fuchs tätig. Er lebt und arbeitet in Feldkirch. www.reinhardhaller.at

Mord oder Totschlag?

Aus nachvollziehbaren Gründen wollen Strafverteidiger diese an sich eindeutigen Straftaten oft in die Nähe eines Totschlag rücken, eine Strategie, die in Österreich allerdings so gut wie nie greift, weiß Mag. Christina Salzborn, Vizepräsidentin des Landesgerichtes für Strafsachen in Wien, zu berichten: „Paragraph 75, StGB lautet hierzulande: ‚Wer einen anderen tötet ist mit Freiheitsstrafe von 10 bis 20 Jahren oder lebenslänglich zu bestrafen.‘ Für Mord braucht es demnach keiner Planung, es ist also auch derjenige gemeint, der seiner Frau im Streit ein Küchenmesser reinrammt. Die ‚allgemein begreifliche, heftige Gemütsbewegung‘, von der Paragraph 76, StGB (Totschlag, anm.) spricht, ist hier eher schwer herbeizuargumentieren, auch wenn es oft versucht wird.“

„Da herrscht in Deutschland Nachholbedarf“ beklagt Inge Bell, deutsche Menschenrechtsaktivistin und zweite Vorsitzende der Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“. Tatsächlich gab es im Jahr 2008 in Deutschland ein aufsehenerregendes Gerichtsurteil, bei dem ein eindeutiger Fall von Femizid als „Totschlag“ verurteilt wurde. „Dieser Totschlag wurde damit begründet, dass der Täter sich durch die Tat selbst dessen beraubt hat, was er eigentlich nicht verlieren wollte (Anm. Die Frau hatte zuvor angekündigt, ihn verlassen zu wollen und die Kinder mitzunehmen).“ Der Skandal dabei: Wenn sich ein Mann durch den Mord an seiner Frau dessen beraubt, was er nicht verlieren will, nämlich seiner Familie, dann hat er diese zuvor besessen. „Der BGH hat mit diesem Urteil das alte patriarchale Besitzdenken, dass der Mann die Frau, die Kinder, die Familie besitzt, bestätigt. Eine Katastrophe.“

Nicht nur die Männlichkeit der Angeklagten ist all diesen Fällen gemein. Es zieht sich vor allem die Beziehung als roter Faden durch.

Mag. Christina Salzborn ist Richterin, Vizepräsidentin des Landesgerichtes für Strafsachen Wien und Leiterin der Medienstelle. Sie lebt und arbeitet in Wien.

Patriarchale Strukturen

Das Aufbrechen der althergebrachten, patriarchalen Strukturen ist den Erfahrungen von Reinhard Haller zufolge mit ein Grund, für den fatalen Anstieg der Femizide. „Eine Partnerschaft wird stärker zum Machtkampf, je mehr sich die Partner auf Augenhöhe bewegen. Früher war die Rollenverteilung klarer, das Konfliktpotential daher berschränkt. Dadurch, dass sich die Frau aber zunehmend autonomisiert, keimt ein männliches Hauptproblem stärker auf: Die tief verwurzelte Angst vor Liebesentzug. Männer können mit dieser schweren Kränkung viel schlechter umgehen als Frauen. Sie besprechen es mit niemandem, weil sie es nicht zugeben können, diese Urangst vor Liebesmangel zu verspüren. Das entspricht nicht dem Bild, das von ihnen erwartet wird. Also neigen sie dazu, es irgendwann durch Aggression nach außen zu kanalisieren.“

Eine Beobachtung, die auch der Erfahrungsschatz von Mag. Christina Salzborn deckt: „Der Angeklagte stellt die Tat letzten Endes so dar, als wäre sie Ultima Ratio gewesen, der letzte Ausweg aus seinem Dilemma, aus einem jahrelangen Kampf.“ Sätze in der Tonalität von: „Ich wollte, dass sie endlich still ist!“, oder „Ich war 365 Tage im Jahr der Arsch.“ sind keine Seltenheit in der abschließenden Selbstreflexion der Täter vor Gericht. Folgerichtig ist hier auch wenig, bis keine Reue zu verorten. Der Täter nimmt, wenn er den Entschluß zur Tat fasst, bewußt in Kauf, das Leben seiner Frau und seiner Kinder – die ja dadurch Mutter und Vater verlieren – wie auch sein eigenes, nachhaltig zu zerstören. Alles nur um die althergebrachten Machtverhältnisse wieder herzustellen. Dem gesunden Menschenverstand fällt dazu ein: Er hätte sich auch einfach von seiner Frau trennen können. Oder?

Tief im Unterbewusstsein spielen die traditionellen Mann-/Frau-Bilder noch immer eine große Rolle und tauchen dann wieder in der inszenierten Welt auf.

Dr. Christian Mikunda ist Medien-Dramaturg und Lehrbeauftragter an der Universität Wien. Er lebt und arbeitet in Wien. www.mikunda.at

Trennung als Tabu

„Vielen Tätern kommt diese Möglichkeit nicht einmal in den Sinn“ erklärt Dr. Thomas Köffler, Personzentrierter Psychotherapeut mit Schwerpunkt auf Männer- und Beziehungsthemen, aus Wien. „Trennung ist besonders für Menschen, deren Beziehung von außen betrachtet längst toxisch erscheint, deshalb keine Option, weil ihnen die Situation, in der sie sich befinden, aus ihrer Kindheit unbewußt bekannt ist. Jeder Mensch tritt bei seiner Geburt zum allerersten Mal in Beziehung, man ist darauf angewiesen, positiv aufgenommen zu werden. Und da passiert‘s – meist schon im ersten Lebensjahr.“ Selbst wenn man dazu neigt, hier und jetzt die Augen zu rollen, weil in der Psychotherapie scheinbar alle Ursachen für später abnormales Benehmen in der Kindheit zu finden sind – die Abläufe im gegenständlichen Fall sind fast von mathematischer Kongruenz. „Alle Menschen haben das unbewußte Verlangen, in einer Beziehung das zu kriegen, was sie als Kind nicht bekommen haben. Eine gesunde, „heilsame“ Beziehung erfüllt diese Erwartung, tut sie es nicht, geht sie halt in die Brüche. Bei den Abhängigkeitsbeziehungen aber, jenen also, die nach einer Verliebtheitsphase kippen und Gefahr laufen, toxisch zu werden, ist die Hoffnung, dass alles doch noch gut wird, sprich, die eigenen Erwartungen erfüllt werden, so groß, dass man die negativen Gegebenheiten, jene also, die man schon einmal in abgewandelter Form von Vater, Mutter, Bezugspersonen unbewußt erlebt hat, herunterspielt. Weil: Es muss doch irgendwann alles gut werden!“ Es entsteht eine regelrechte Sucht nach der Wunschvorstellung, und je weniger man dieser näherkommt, desto größer wird die Abhängigkeit mit ihrem destruktiven Aggressionspotential. Was umgekehrt auch erklärt, warum so viele Frauen ihren Partner nicht sofort verlassen, wenn er das erste Mal zugeschlagen hat. Thomas Köffler: „Die Psyche versucht immer, irgendeine Beziehungsstrategie zu finden, die Defizite füllt und daher gut tut.“

Kulturelle Faktoren

Fasst die Frau schließlich doch den Entschluß, sich aus der toxischen Beziehung zu lösen, löst sie sich damit oft auch aus finanziellen oder gesellschaftlichen Abhängigkeiten, was den zurückgelassenen Partner oftmals nicht nur ob der Urangst vor Liebesverlust vor den Kopf stößt. „Ich habe immer gearbeitet, für alle gesorgt, ihr gesunde Kinder geschenkt. Trotzdem hat sie mich verlassen.“ Ein weiterer Satz, den Christina Salzborn und Mirsat Musliu so, oder ähnlich formuliert, aus ihrem Berufsalltag kennen. Vor allem dann, wenn im Schwurgericht ein Dolmetsch für den Angeklagten zugegen ist – keine Seltenheit dieser Tage, was man hierzulande in offiziellen Kreisen allerdings ungern thematisiert. Ein erschütterndes, weithin bekanntes Beispiel für einen Fall von Femizid, in dem mutmaßlich auch der kulturelle Hintergrund des Täters eine Rolle spielte, lieferte der Fall jenes gebürtigen Ägypters, der seine Ex-Freundin bei einem Brandanschlag auf ihre Trafik so schwer verletzte, dass sie letztlich verstarb. Der Mann, der zwar die faktische Tat, niemals aber die Tötungsabsicht gestand, wurde mittlerweile zu lebenslanger Haft verurteilt und in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen. Während dem Ermittlungsverfahren wies er Berichten zufolge öfters da-raufhin, dass es hier ja „nur um eine Frau ginge“, sein Schlussatz vor Gericht, nachdem er das Urteil bereits angenommen hatte, sorgte ein weiteres Mal für Fassungslosigkeit: „Es tut mir leid, dass sie mich dazu brachte, dass ich das tun mußte.“

In Deutschland ist man ein paar Schritte weiter im Bestreben, den kulturellen Hintergrund der Täter und Opfer in die Beurteilung der Gemengelage einzubeziehen, stellt Aktivistin Inge Bell fest: „Wir wissen sehr wohl, dass wir es bei Femiziden oftmals mit Tätern und Opfern zu tun haben, die in einen patriarchal-fundamentalistischen Gesellschaftssystem herkunftsbedingt eingebettet sind. Speziell für Taten in diesem Umfeld brauchen wir dringend den Begriff Femizid, um die Taten auch als das zu bezeichnen, was sie sind: Nämlich Mord. ‚Beziehungsdrama‘ oder ‚Eifersuchtstat‘ greift hier viel zu kurz. Besonders, wenn das Schuldbewußtsein aufgrund von Herkunft oder religiöser Vorbildung fehlt oder zu gering ist.“ Viel restriktiver als hierzulande wird in Deutschland auch jeder Kuluturrelativsimus abgelehnt. Inge Bell: „Es darf nicht sein, dass bei Femizid oder innerfamiliären Gewalttaten an Frauen der religiöse Hintergrund als mildernd in Betracht gezogen wird. Da sind alle deutschen Frauenrechtsorganisationen strikt dagegen. Und es gehört auch in der deutschen Rechtsprechung immer mehr der Vergangenheit an.“

Dem stimmt auch der Wiener Anwalt Mirsad Musliu zu: „Dass man nicht tötet, ist überall bekannt. Und wenn er aus einem Land kommt, wo er keine Schulbildung bekam, dann hat er zumeist den Koran gelernt. Und auch der verbietet das Töten. Also gibt es hier keine Diskussion.“ Rein als Kulturproblem will der Strafverteidiger, der selbst aus Mazedonien stammt, die steigende Anzahl an Femiziden in Österreich aber nicht sehen: „Ich glaube nicht, dass der unmittelbare Impuls zur Tat ein Kulturproblem ist, beziehungsweise die Herkunft dabei eine ausschlaggebende Rolle spielt. Ein Mann mit Migrationshintergrund mordet nicht früher oder kocht schneller über. Worauf die Kultur und die damit verbundene Bildung aber sehr wohl einwirken, ist die Vorgeschichte der Tat.“ Statistisch gesehen ist es für einen Mann mit Migrationshintergrund das größte Reizthema, von seiner Frau betrogen, verlassen oder hintergangen, gesamtheitlich also in seiner Ehre verletzt zu werden, während einem hier geborenen Österreicher eher der Verlust der Obsorge für seine Kinder als Auslöser für eine Wahnsinnstat reicht.

Ich hinterfrage den Begriff der toxischen Männlichkeit. Denn die Bezeichnung ‚toxisch‘ würde das Thema pathologisieren. Toxische Verhaltensweisen sind aber keine Krankheit, die man entschuldigen kann.

Inge Bell ist Menschenrechtsaktivistin, Unternehmerin, zweite Vorsitzende der Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ und erste Vorsitzende der bayerischen Vertretung der Hilfsorganisation SOLWODI. Sie lebt und arbeitet in München. www.ingebell.de

Gefährlicher, junger Mann

„Am gefährlichsten sind etwa 20 bis 25jährige Männer. Da ist das Konzert der Hormone auf Höchstniveau, gleichzeitig sind sie körperlich am stärksten, wissen demgegenüber aber noch am wenigsten, wie sie mit ihren Gefühlen, Ängsten und Emotionen umgehen sollen.“ Der Psychiater Reinhard Haller nennt damit just jene Gruppe von Menschen als potentielle Täter, die auch an einer anderen Front des Alltagslebens heutzutage einem hohen Druck ausgesetzt sind: Jenem der Medien, wie Medien-Dramaturg und Publizist Christian Mikunda erklärt: „Junge Männer werden heute von dem Idealbild, das die Medien oder auch die Werbung von ihnen zeichnet, unter einen kaum erfüllbaren Erwartungsdruck gesetzt. Die öffentliche Kommunikation, immer schön befeuert von Social Media auf allen Kanälen, erwartet, dass ein junger Mann heutzutage einen definierten Körper hat. Wenn er ihn dann herzeigt, ist er ein Idiot, wenn er‘s nicht macht, gilt er als schlampig oder scheu, wenn er beim ersten Date bezahlt, ist er ein Macho, wenn er‘s nicht tut, ist er kein Gentleman und so weiter. Frauen, so wird kommuniziert, wünschen sich einen sehr männlichen, harten Mann, durchaus den althergebrachten Idealen entsprechend, der aber gleichzeitig mit einem großen Schuss Selbstironie und Weichheit ausgestattet ist. Beruflicher Erfolg hat ihm ebenso wichtig zu sein, wie eine ausgewogene Work-Life-Balance, sprich ausreichend Zeit für die Frau und, in weiterer Folge, die Familie. Er muß also ein doppeltes Image verkörpern, gleichzeitig schwach und stark sein. Das kann sich nicht ausgehen.“ Tatsächlich vermögen solche Ideale aus einigen wenigen Männern tatsächlich bessere zu machen, wenn die Voraussetzungen stimmen. „So ist es heute etwa nicht ungewöhnlich, wenn in Dubai Scheichs mit ihren Frauen durch die Malls spazieren und dabei die Männer die Kinderwagen schieben – was im patriarchalen Arabien noch vor wenigen Jahren undenkbar war.“ berichtet Mikunda. Das Gros der Angesprochenen hält dem Druck allerdings nicht stand. Und steigt früher oder später aus dem sich immer schneller drehenden Karussel aus. Das Ergebnis: Incels beispielsweise. Womit die Richtung zum Femizid zumindest geistig schon mal eingeschlagen wäre.

Jeder Straftat liegt eine andere Vorgeschichte zugrunde, auf die der kulturelle Hintergrund des Täters durchaus Einfluß nimmt.

Mag. Mirsad Musliu ist Verteidiger in Strafsachen und betreibt gemeinsam mit Mag. Nikolaus Rast eine Anwaltskanzlei in Wien. www.rm-law.at

Was tun also?

Danach gefragt, was man nun dieser schrecklichen Entwicklung entgegenhalten könnte, sind sich alle befragten Experten recht einig. So rät Psychologe Haller dazu, sich präventiv stark auf die Täter zu konzentrieren, so man ihrer habhaft wird, wenngleich die Dunkelziffer nach wie vor das größte Problem der Sachlage darstellt: „Es muß sich endlich ein anderes Männerbild etablieren. Eines, in dem man Emotionen zeigen kann, auch mal der Schwache sein darf. Wenn man in der Geschichte zurückblickt, weit zurück, dann war das ja schon einmal so. Im alten Griechenland durften homerische Helden wie Achilleus so viel weinen, dass ganze Flüße entsprangen, die heute noch durch Kleinasien fließen.“ In der kurzfristigen Prävention rät Haller dazu, wachsam zu sein, so lange wie nur irgend möglich mit dem potentiellen Täter im Gespräch zu bleiben und von jegliche Art von Beschimpfung oder Beschämung Abstand zu nehmen. „Idealerweise kommt die Hilfe von außen, jemand, der den Betroffenen aus seiner Abwärtsspirale herausreißt“ sekundiert Thomas Köffler.

Auch Anwalt Mirsad Musliu sieht als einzigen Ausweg: „Reden, reden, reden, beraten, beraten, beraten. Und das Umfeld beiziehen, besonders bei kulturell bedingt engen und großen Familienkonstrukten. Bevor man mit Polizei oder Wegweisung droht, noch einmal das Gespräch im großen Kreis suchen. Und im Umfeld wachsam sein.“

Christian Mikunda wünscht sich in der Inszenierung des Männerbildes jene Diversität, die nun endlich im modernen Bild der Frau Fuß fasst. Auch hier gilt: „Der Druck muss raus, der doppelte Imagefächer, der einst das Frauenbild kaputt gemacht hat, indem er eine liebevolle Mutter, die aber auch im Bett eine Hure und im Beruf erfolgreich sein muss, verlangt hat, muss endlich auch bei Männern weg.“

Aktivistin Inge Bell fordert einen generellen Relaunch des verqueren Bildes von Männlichkeit und der darin noch immer verankerten, patriarchalen Grundstruktur. „Das reicht ja viel weiter als bloß bis zum Mann, der in der Öffentlichkeit nicht weinen und keine Schwächen zeigen darf. Auch das klassische Bild der zickigen, stets eifersüchtigen, meist schutzbedürftigen Frau, dem viele meiner Geschlechtsgenossinnen glauben, entsprechen zu müssen, entstammt einer patriarchalen Weltordnung, die den Geschlechtern fixe Rollen zuweist. Da gilt es, in frühester Kindheit aufzubrechen, den Druck gar nicht erst aufkommen lassen. Letztenendes sind Männer, die gewalttätig gegenüber Frauen werden, meist auch nur Opfer des Patriarchats.“