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NUNU KALLER: Sexistische Kackscheiße!

Christian Jandrisits

Nunu Kaller ist Buchautorin, Konsumforscherin, Aktivistin, Bloggerin und Kolumnistin. Ihre Themen reichen von Umweltschutz bis Sozialhygiene, wo sie auch umfassende Expertise mitbringt. Ach ja: Humor kann sie auch sehr gut. Hier ihre Kolumne aus der Frühjahrsausgabe vom WIENER (454)!

Mit großer Freude und einem recht nachdenklichen Text über die immer weiter abnehmende Lesekompetenz und den Niedergang der Printbranche verkündete ich kürzlich online, dass ich ab nun für den Wiener schreibe. Ich – die vor einigen Jahren den WIENER auch noch verächtlich als sexistisches Blattl bezeichnete und nichtmal mit dem jugendlichen Hinterteil anschaute. Doch dann LAS ich den WIENER. 

Und da standen kritische Artikel über diese ganze misogyne Incel-Scheiße, wie sie sonst wo nirgends standen. Da standen spannende Interviews mit interessanten Leuten. Die Auto-Artikel überblätterte ich halt genauso, wie ich früher in Frauenmagazinen die Modestrecken mit ihren Abbildungen magerer Models in unbezahlbarer Designerkleidung überblätterte. In einer Doku lernte ich über die Entstehungsgeschichte des WIENER – Zeitgeist, Kultur, Szene. Leiwand. Ich lernte den Chefredakteur kennen und merkte, wie sehr er genau für diesen ursprünglichen Geist des WIENER brennt. Und mit dem ich mich in den Fällen, wo auch ich mir denke, nooo, des geht besser, auf harte Debatten einlasse – und er sich auch. Ich erinnere mich an ausführliche Streits über Fotoauswahl oder Formulierungen.  

Dass ich mit einer Kolumne – in der ich halt aller Wahrscheinlichkeit nach auch viel persönliche Meinung rauspfeifen werde, wie es Kolumnen halt so an sich haben  – da drin vorkomme, und bei weitem nicht die einzige Frau bin, die Sinnvolles absondert, das find ich schlicht und einfach: Gut. Heidi List, Janina Lebisczcak, um nur zwei zu nennen, sind schon sehr leiwande Frauen, die auch für den Wiener schreiben. Misogyne Kackscheiße ist von uns eher weniger zu erwarten, würd ich sagen. 

Doch genau das war dann der Vorwurf: Unter meiner freudigen Ankündigung dieser Kolumne ging sehr schnell eine Diskussion los, in der genau diese Worte fielen. Der WIENER liefere selbige ab. Es gab viel Hin und Her, viel Emotion, und keine sinnvolle Debatte, aber zwischen den Zeilen wurde auch mir klargemacht: „Du bist keine gute Person, wenn du für den WIENER schreibst, aber du musst halt wissen, was du tust“. Man stelle sich den abwertenden Gesichtsausdruck dazu vor. Ja, das war beleidigend und ja, ich war beleidigt. 

„Du bist keine gute Person, wenn du für den WIENER schreibst, aber du musst halt wissen, was du tust“

ein Online-User

Es folgte eine Online-Debatte wie aus dem Bilderbuch: Es wurde auf einer Position beharrt, es gab nur Siegen oder Verlieren, es war ein Schaukampf. Teile der Kritik waren berechtigt, andere von wenig Substanz. Ich biss mir auf die Finger, um nicht auf gleichem Niveau zu reagieren. 

In einem spezifischen Fall ging man dann von Seiten des WIENER auf die Kritik ein und reagierte im Sinne der KritikerInnen. Die Antwort war jedoch nur „Ich sehe mich nicht dazu verpflichtet, nach meiner Kritik zu überprüfen, ob ihr was geändert habt.“ Tschulligung, wie bitte? Ist das noch Debatte oder kann das weg? 

Wem genau bringen solche Schaukämpfe eigentlich etwas? Zu welcher Lösung sollen sie führen? Was wird davon besser? Ich debattiere und streite für mein Leben gern. Ich liebe es, wenn man sich auf sachlicher und faktischer Ebene gegenseitig quasi in die Papp‘n haut, aber der gegenseitige Respekt, die Augenhöhe, vorhanden bleibt. Ich liebe es, mich mit anderen Positionen zu konfrontieren, zu versuchen, sie nachzuvollziehen und eigene Positionen so lange zu erklären, bis ich den Eindruck habe, ich werde halbwegs nachvollzogen – und beide Seiten gehen nicht mit der gleichen Position aus der Debatte raus, mit der sie reingekommen sind. Aber einfach nur aushauen, und im Extremfall dann auch noch nicht mal die Richtung des Faustschlags ändern, obwohl das Gegenüber längst schon woanders steht: Ohne mich. Das ist widerlich. 

Langer Rede kurzer Sinn: Ich plane jetzt nicht zwingend, in dieser Kolumne sexistische Kackscheiße abzuliefern. Ich hoffe, die LeserInnen, die vom WIENER sexistische Kackscheiße erwarten, können damit leben. Und wenn nicht, ich bin mir sicher, in Incel-Foren findet ihr ganz viel davon. Danke.