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Archiv 1995: Das Teufels-Gen

Während Österreichs Exekutive mit Amtshilfe deutscher Supercops versucht, endlich die Briefbomben-Bestie zu schnappen, glaubt ein deutscher Kriminologe zu wissen, was Menschen zu derart blindwütigen Verbrechen treibt: ein Programmfehler der Natur beim Aufbau der Gene. Peter Hiess auf der Spur von geborenen Killern.

Seit das Kulturvolk österreichischer Nation von Ariergesichtern in Atem gehalten wird, die Roma in die Luft sprengen und die Republik mit Briefbomben terrorisieren, steht ein altes Thema neu zur Diskussion: der humane Defekt von Blutbademeistern. Doch SO spannend die Frage, so verlegen die Fachwelt um jede Erklärung, wenn sich scheinbar biedere Zeitgenossen als Zombies entpuppen. Was steht dahinter, wenn sich der über viele Jahre gute Nachbar plötzlich als Todfeind erweist, auf Kinder schießt, blindwütig vergewaltigt und ganze Dörfer ausrottet wie im ehemaligen Jugoslawien? Was geht in Serienkillern wie Jack Unterweger vor? Was in Triebtätern wie dem bis heute unbekannten dreifachen Mädchenmörder von Wien-Favoriten? Und wie konnte der 1993 verhaftete Amerikaner Jeff The Iceman Conrich liebevoller Familienvater sein, obwohl er sein Geld als Mafia-Exekutor verdiente und in zwei Jahrzehnten 56 Leben ausgelöscht hat? Gesichert ist nur, dass eine Menge grauenhafter Gestalten ganz und gar nicht dem tierhaften „Verbrechertypus“ entspricht, den einst der italienische Kriminologe Cesare Lombroso postulierte. Das Böse ist nicht erkennbar, und seine wahren Beweggründe sind rätselhaft.

Was den prominenten deutschen Kriminologen Prof. Armand Mergen offenbar nicht ruhen ließ. Denn gleich auf den ersten Seiten seines neuen Buches „Das Teufelschromosom. Zum Täter programmiert“ (Bettendorf-Verlag) beschreibt er den Fall des Psycho-Killers Richard Speck, der in den sechziger Jahren in Chicago acht angehende Krankenschwestern überfallen und zu Tode gemartert hat. Dann folgt die Überraschung des Autors: „Speck hatte ein Y-Gonosom zu viel.“ Zur Erklärung: Mergen geht von der These aus, dass manche Menschen – Minner allesamt – genetisch so programmiert sind, dass sie bereits als potentielle Verbrecher zur Welt kommen. Ihr Pech: die Chromosomen-Konstellation XYY. Ein brisantes Gemisch nach Meinung des Wissenschaftlers, das nicht zwingend zum Erbsünder machen muss. Wird’s aber schlagend, erklärt das Dreigespann XYY für Mergen abnormes Sexualverhalten, mangelnde Triebkontrolle und entsetzliche Aggressivität. Kritiker halten diese Theorie – die in Variationen schon seit einer Forschergeneration durch die Fachliteratur geistert – freilich für porös und zugleich auch gefährlich. Zu frisch ist die Erinnerung an die furchtbare Nazi-Erbgesundheitslehre für Biologen, um sich schon wieder auf die Beschäftigung mit „krankem Erbgut“ von Randgruppen einzulassen. Andererseits: Weil das Thema für Lehre und Forschung tabu ist, kann Mergen in seinem Buch nur eine Handvoll nachgewiesener XYY-Straftäter anführen. Bei den meisten Mördern, über die er schreibt, wurde schlicht und einfach keine Chromosomen-Analyse erstellt. Chromosomen – die „Bausteine des Lebens“ wurden Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt. Sie befinden sich in den Zellen jedes Lebewesens auf unserem Planeten. Der menschliche Zellkern enthält 46 paarweise angeordnete Chromosomen: konkret 22 Paare sogenannter Autosomen und ein Paar Gonosomen (Geschlechts-Chromosomen). Erste sind bei Mann und Frau gleich, im letzten Paar unterscheiden sie sich: Der normale Mann weist da ein X- und ein Y-Chromosom auf, die normale Frau zwei X-Chromosomen. In Kurzform: XY steht für maskulin, XX für weiblich. Unterschiede in der Anzahl der Autosomen führen zu schweren körperlichen und psychischen Störungen. Mongoloide beispielsweise haben ein Chromosom zu viel. Weniger gravierend wirkt sich ein Plus oder Minus der Geschlechts-Chromosomen (Fachjargon: Gonosomen-Aberration) aus. Die Betroffenen sind durchaus lebensfähig, fallen zum Großteil nur durch einen geringeren Intelligenzquotienten und Lernschwierigkeiten auf. Die ersten Studien über Geschlechts-Chromosomen haben allerdings ganz anderes ergeben. Sie wurden in psychiatrischen Kliniken und Gefängnissen durchgeführt, da man an solchen Orten relativ mühelos größeren Gruppen Blut- und Hautzellenproben entnehmen konnte. Und bei der Auswertung schien’s damals, als sei der Teufel im Spiel. Denn die Resultate deuteten auf einen klaren Zusammenhang zwischen einer bestimmten Abweichung der Gonosomen-Zahl und kriminellem Verhalten hin: Unter männlichen Inhaftierten fanden sich auffallend viele XYY-Typen. Wissenschaftler zogen daraus voreilig den Schluss, dass sich Männer, die mit einem zusätzlichen Y-Geschlechts-Chromosom geboren werden, eher als andere zu Lustmördern entwickeln. Mittlerweile ist die moderne Humanbiologie wieder davon abgekommen, eine zwingende Kausalität zwischen kriminellem Wahnwitz und genetischem Erbe zu konstatieren. Mit ein Grund dafür, dass die frühen Untersuchungen an Strafgefangenen und Geisteskranken kaum repräsentativ waren. Mehr aber noch die Tatsache, dass selbst das exotische Sample trotz aller Auffälligkeiten nicht einmal ein Prozent aller Menschen mit Gonosomen-Aberrationen ausmacht. Prompt konnten bei späteren Studien an XYY-Jugendlichen, die nie kriminell aufgefallen waren, bestenfalls Probleme im sprachlichen und motorischen Bereich festgestellt werden. Alarmier

ende Verhaltensstörungen hingegen wurden nicht häufiger beobachtet als bei XY-Männern. Aufgrund dieser Erkenntnis wurde die These vom genetisch determinierten „Verbrechertypus“ bald von der „Milieutheorie“ verdrängt, die kriminelle Neigung zu Gewalt auf die Lebensbedingungen zurückführt, denen ein Täter in jungen Jahren ausgesetzt war. Gefährdet sind demnach Menschen, die im Kindesalter zu wenig (oder auch zu viel) mütterliche Liebe bekamen, misshandelt und/oder sexuell missbraucht wurden, in einem kriminogenen Elternhaus aufwuchsen oder schon früh in Heimen landeten. In vielen Fällen trifft diese Diagnose punktgenau zu, etwa auf Jack Unterweger, der sich im Vorjahr in seiner Zelle erhängte. Seine Vita: Sohn eines amerikanischen Besatzungssoldaten (den er nie kennenlernt) und einer Gelegenheitsprostituierten. Mit zwei Jahren kommt der Bub zu seinem Großvater nach Kärnten, wo er geprügelt wird und Opa beim Sex zusehen muss. „Ich habe davon geträumt, ihm die Haut vom Leib zu ziehen“, bekennt Unterweger später. Der Rest seiner Kindheit ist ein einziger Alptraum aus Pflegefamilien und Heimen. Mit 16 wird er erstmals kriminell – und wegen Diebstahls verurteilt. Später treibt ihn sein Frauenhass – Reaktion auf die Lieblosigkeit der Mutter – zu ganz anderen Taten. Das Ergebnis ist bekannt: ein erdrosselter Teenager, neun erwürgte Prostituierte. Ähnlich der Lebenslauf von Charles „Satan“ Manson, dem wohl berühmtesten Mörder der jüngeren US-Kriminalgeschichte. Auch er war ein uneheliches Kind und schlief als Bub im Bett, in dem es seine Mutter mit häufig wechselnden Freunden trieb. Bereits als Zwölfjähriger schlug sich Manson allein durch. Mit 33 hatte er mehr als die Hälfte seines Lebens hinter Gittern verbracht. Als er dann in die Love & Peace-Szene der späten sechziger Jahre entlassen wurde, gründete er seine mörderische Hippie-Family, der (unter anderen) die Schauspielerin Sharon Tate zum Opfer fiel. Nach seiner Verhaftung hatte Manson Richtern und Reportern nur eines mitzuteilen: „Diese Gesellschaft hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Ich bin ein Produkt eurer Institutionen.“ Was wahrscheinlich ist, doch nicht gewiss. Weder Manson noch Unterweger wurden je auf überzählige Chromosomen untersucht. – Der Deutsche Ed Kemper wiederum war offenbar bereits als Kind sadistisch veranlagt. Er verstümmelte die Puppe seiner Schwester und brachte die Hauskatze um. Mit 15 erschießt er seine Großeltern, zu denen ihn die geschiedene Mutter abgeschoben hatte, weil sie mit dem Halbstarken nicht mehr fertig geworden war. Nach fünf Jahren wird Kemper aus einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher wieder entlassen. Die Folge: Sechs Autostopperinnen fallen dem Lustmörder zum Opfer, der schließlich auch noch seine Mutter erschlägt und enthauptet. „Ich habe ihr alles ins Gesicht geschrien, was ich ihr mein ganzes Leben lang sagen wollte, und zum ersten Mal wurde ich nicht dabei unterbrochen“, erklärt Kemper später vor Gericht. Der Psycho-Killer hasste seine Mama und kam gleichzeitig nie von ihr los. Ein Beziehungsschaden freilich, unter dem weltweit Millionen Söhne leiden, ohne deshalb zu Monstern zu werden. Was zeigt, dass auch der soziologische Denkansatz nicht taugt, um alles Übel zu erklären. Autor Armand Mergen gelangt zum gleichen Schluss: „Zu welchen Irrungen die Beschränkung auf Kriminalbiologie geführt hat, ist bekannt. Aber auch der fetischisierte Soziologismus hat die Kriminologie nicht weitergebracht. Daher glaube ich, dass nur die interdisziplinäre Integration der methodische Weg der Zukunft sein kann.“ Soll heißen: Mörderische Anlagen, wie XYY vielleicht, stecken möglicherweise in vielen. Und auch soziale Traumata werden selbst in einer besseren Zukunft weiterhin arme Kreaturen belasten. Zum Bomber und Blutverbrecher aber machen beide nicht. Andernfalls wäre der freie Wille des Menschen eine Illusion.


Verbotene Forschung

In den USA verhinderten Minderheitenvertreter einen Kongress zum Thema Gene und Gewalt. Vor zwölf Jahren lud die University of Maryland Amerikas Fachwelt ein, über genetische Faktoren der Kriminalität zu konferieren. Ein heikles Thema – besonders in den USA, wo (jugendliche) Schwarze einen überwiegenden Anteil der kriminellen Bevölkerungsschicht stellen. Zur Erforschung dieses Phänomens sind ausschließlich soziologische Ansätze gefällig. Wer auch nur daran denkt, die Ursache für Gewalttätigkeit in den Genen zu suchen, gilt und schaut als Rassist. Kein Wunder also, dass bereits Monate vor der geplanten Veranstaltung im Oktober erste kritische Stimmen laut wurden.

In einer Nachrichtensendung des Senders Black Entertainment Television warnte etwa ein Psychiater, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis für genetische Ursachen von Gewalt gebe. Die Entscheidung, eine solche Konferenz abzuhalten, zeugt von einem Rassismus, wie wir ihn von den Nazis kennen*, polterte der Wissenschaftler – und ging noch einen Schritt weiter: „Die Studien sollen als Vorwand dienen, Teile der Bevölkerung mit Psychopharmaka auszuschalten. Folge des Vorwurfs: empörte Proteste afroamerikanischer Aktivisten beim staatlichen Gesundheitsamt NIH (National Institutes of Health), das daraufhin beschloss, eine bereits bewilligte Subvention in der Höhe von 78.000 Dollar zurückzuhalten. Prompt musste die Uni-Tagung abgesagt werden.

Die betroffenen Wissenschaftler freilich wollen diese Art von Zensur nicht hinnehmen. „Sind Forschungsprojekte erst einmal genehmigt, dürfen Zuschüsse dafür doch nicht einfach gesperrt werden*, knurrt Robert Rosenzweig, Präsident der Vereinigung amerikanischer Universitäten. „Wenn derartige Eingriffe in die akademische Freiheit einreißen, werden sich viele Kollegen nicht mehr trauen, Projekte vorzuschlagen, durch die sich irgend jemand beleidigt oder diskriminiert fühlen könnte.“ So vernünftig, wie dieser Einwand gegen die „politisch korrekte“ Unkultur auch klingt – bisher blieb er vergebens.