Wenn die Masse ihr Gesicht verliert
Die aus Mödling stammende Künstlerin Sabrina Horak lebt in Tokio und ist bei der Wiener Galerie Suppan Fine Arts vertreten. Ihre Werkserie „Crowd“ verwandelt aus der Vogelperspektive fotografierte Menschenmengen in bemalte Zuschnitte aus Holz und Aluminium.

„Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes“, schrieb Elias Canetti in „Masse und Macht“, „es ist die Masse allein, in der der Mensch von seiner Berührungsfurcht erlöst werden kann.“ Der Wiener Literaturnobelpreisträger beschrieb damit ein Gefühl, das jeder kennt, der schon einmal aus dem Gewühl einer fremden Großstadt aufgetaucht ist: die kurze Panik, bevor sich einzelne Gesichter aus der Masse lösen. Genau diese Sekunde bearbeitet Sabrina Horak seit über fünfzehn Jahren – mit Kamera, Computer und Laubsäge.
Die 1983 in Mödling geborene Künstlerin fotografiert Menschenmengen aus der Vogelperspektive, meist in den überfüllten Bahnhöfen und Straßen ihrer Wahlheimat Tokio. Am Computer wählt sie aus den Aufnahmen einzelne Gruppen aus und ordnet sie zu einer neuen Komposition. Die vektorisierten Umrisse dienen anschließend als Schnittvorlage für Figuren aus Holz oder Aluminium, die Horak von Hand bemalt. Jedes Werk bleibt damit, trotz des digitalen Ursprungs, ein Unikat – irgendwo zwischen Fotografie, Malerei, Skulptur und Installation.

Sabrina Horak, „Crowd VII“, 2009, Acryl auf Holz. © Suppan Fine Arts
Wer ist Sabrina Horak?
Nach ihrem Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien ging Horak nach Japan: erst an die Tokyo University of Art and Design, später mit einem Mext-Stipendium für Figurative Malerei an die Tokyo University of the Arts, wo sie ihr Doktorat in Ölmalerei abschloss. 2017 erhielt sie den Kinutani Kouji Award for Figurative Painting, 2021 das I AM Grant, 2022 zeigte sie in der Tokioter SYP Gallery ihre Einzelausstellung „I’m climbing a mountain and I’m never looking back“. Nach Wien zurückgekehrt ist sie damit nicht, ganz verabschiedet hat sie sich aber auch nicht: Ihre Arbeiten sind seit 2008 Teil der Artothek des österreichischen Bundesministeriums für Kunst und Kultur, aus der öffentliche Institutionen Kunstwerke ausleihen können.
Wo man die Werke sieht
Zu sehen sind Horaks Arbeiten aktuell bei Suppan Fine Arts in der Habsburgergasse 5, unweit der Hofburg. Die Galerie hat sich auf Impressionismus, Moderne und zeitgenössische Kunst spezialisiert und zeigte zuletzt unter anderem Werke von Hermann Nitsch (der WIENER berichtete). Mit Horak rückt sie nun eine österreichische Künstlerin ins Programm, die ihren Weg fernab der heimischen Szene gemacht hat, ohne den Bezug zu Wien zu verlieren. Preise nennt die Galerie auf Anfrage – ein Blick auf die Werke lohnt trotzdem, schon um zu sehen, wie viel Handarbeit hinter der digitalen Ausgangsidee steckt.

Sabrina Horak, „Crowd XI“, 2010, Acryl auf Aluminium. © Suppan Fine Arts
Die Sekunde, die Canetti beschrieben hat, dauert bei Sabrina Horak für immer: ausgeschnitten, bemalt, an die Wand gehängt. Die Masse hat ihr Gesicht verloren, endlich.











