Peter Cornelius und der echte Rock’n’Roll
Peter Cornelius ist heuer 75 geworden und spielt von Donnerstag bis Samstag drei Abende in der Wiener Stadthalle. Zum Finale der Tour „Zeitlos“ rockt Österreichs erfolgreichster Gitarrist in kleiner Besetzung nachdrücklich an.

Es gibt Lieder, die hört man nicht, die hat man. Die sind einfach da, irgendwo zwischen dem Ö3-Wecker, dem Autoradio am Weg in den Süden und dem Heurigen, wo um halb zwölf einer zur Gitarre greift und genau weiß, dass jetzt alle mitsingen. „Du entschuldige, i kenn di“ ist so ein Lied. „Reif für die Insel“ auch. Und wer in den Achtzigerjahren in Österreich auch nur ein halbwegs funktionstüchtiges Ohr besessen hat, der trägt die zwei Nummern seither mit sich herum wie den Schlüsselbund … ob er will oder nicht.
Dass der Mann, der uns das eingebrockt hat, heuer 75 geworden ist, muss man erst einmal verdauen. Denn auf der Bühne, fast für jeden Song eine andere Gitarre umgehängt und den wilden Haaren, die noch immer machen, was sie wollen, sieht Peter Cornelius nicht aus wie einer, der Jubiläen tränenschwanger feiert. Er sieht aus wie einer, der gleich das nächste Solo spielt. Tut er dann auch.

Vom Bankschalter auf die Bühne
Aber der Reihe nach. Geboren wird er am 29. Jänner 1951 in Wien, genauer in Hadersdorf-Weidlingau, ganz draußen im 14. Bezirk, wo Wien schon ein bisserl Wienerwald ist. Im Pass steht Peter Cornelius Korunka, und gelernt hat er etwas Anständiges, nämlich Bankkaufmann. Man stelle sich das kurz vor: der Cornelius hinterm Schalter, Erlagscheine stempelnd, Überweisungen durchführend. Hat, wie wir heute wissen, nicht lang gehalten.
1973 gewinnt er beim ORF-Talentewettbewerb „Show-Chance“ mit „Die Wolk’n“ (wird auch in der Stadthalle grandios arrangiert gegeben), danach steht er im Ensemble des Musicals „Hair“, mit dem es bis nach Hamburg und Berlin geht. Es folgen die Polydor-Jahre, Singles und Alben mit so schön österreichischen Titeln wie „Hampelmann“, „Fleckerlteppich“ oder „Mit’n Schmäh“. Wienerlied-Nähe, Liedermacher-Ernst, ein bissl Hippie noch im Gepäck. Der große Durchbruch ist das noch nicht. Aber das Fundament.
Der Kaffee ist fertig
Dann kommt 1980, und mit 1980 kommt Michael Cretu. Der Produzent, der später mit Enigma die halbe Welt in mönchische Trance versetzen sollte, macht mit Cornelius das Album „Der Kaffee ist fertig“, und plötzlich interessiert sich auch das Ausland für den Burschen aus Hadersdorf. Noch im selben Jahr erscheint „Du entschuldige, i kenn di“, und was dann passiert, ist Austropop-Geschichte: Platz eins in Österreich, 24 Wochen in der Hitparade, Platz acht in Deutschland, Platz zwei in der Schweiz. Ein Lied im Dialekt, über eine Begegnung, die man lieber nicht gehabt hätte, und ganz Mitteleuropa summt mit. Das muss man sich einmal trauen.
1981 legt er „Reif für die Insel“ nach, als Album Nummer eins in Österreich. Und der Titel macht etwas, das nur ganz wenigen Liedern gelingt: Er wandert aus dem Radio direkt in die Umgangssprache. „I bin reif für die Insel“ sagt heute jeder Büromensch am Freitag um drei, und die wenigsten wissen noch, wem sie das verdanken. Im selben Jahr versucht er es übrigens auch beim deutschen Vorentscheid zum Song Contest, mit „Träumer, Tramps und Clowns“. Platz sechs von zwölf. Hat er auch überlebt.

Streicheleinheiten und Segel im Wind
Die Achtziger gehören ihm dann ziemlich ordentlich. „Streicheleinheiten“ steigt 1984 in Deutschland auf Platz vier, „Süchtig“ hält sich 34 Wochen in den österreichischen Albumcharts, und 1985 kommt „Segel im Wind“, wieder Nummer eins in Österreich, am Schlagzeug sitzt kein Geringerer als Curt Cress (alles Songs ebenfalls im Programm des Abends). Im selben Jahr singt er bei „Austria für Afrika“ mit, „Warum?“ geht ebenfalls auf eins. Wer damals Ö3 gehört hat, ist dem Mann praktisch nicht ausgekommen. Wollte aber auch keiner.
Was ihn dabei immer von vielen Kollegen unterschieden hat: Cornelius ist nicht nur Sänger und Texter, er ist ein richtiger Gitarrist. Einer, der sein Instrument ernst nimmt, und nicht als Möbelstück vor dem Bauch trägt. Georg Danzer holt ihn 1990 für das Album „Wieder in Wien“ an die Gitarre, und Anfang der Neunziger landet er im Umfeld von Cretus Projekt Enigma, wo ziemlich andere Klänge angeschlagen werden. Aber wieder in höchster Virtuosität.
Sieben Jahre Pause, dann Lebenszeichen
Und dann, nach „Lieber heut als morgen“ 1993, ist er einfach weg. Sieben Jahre lang. Keine Abschiedstournee, kein Drama, kein Skandal, der Mann zieht sich zurück. Das Comeback 2001 heißt dann sehr treffend „Lebenszeichen“. Im selben Jahr heiratet er seine Ulrike, und seither geht es in einem ruhigen, stetigen Rhythmus weiter: „Schatten und Licht“, „Wie ein junger Hund im hohen Gras“, „Handschrift“, „Unverwüstlich“. Zum 30-jährigen Bühnenjubiläum spielt er 2005 am Donauinselfest vor 100.000 Leuten, die Live-DVD davon erscheint ein Jahr später. Auch wenn er nicht so im Glamour-Rampenlicht steht wie ein Falco oder der ewige Wolfgang Ambros erinnern Kennzahlen wie diese daran, dass Peter Cornelius einer der erfolgreichsten, österreichischen Musikschaffenden war, ist und bleibt.

Glassplitter, Amadeus, und jetzt die Stadthalle
Und 2026? Da wird nicht gefeiert, da wird gearbeitet. Ende April erscheint das neue Album „Glassplitter“, bei den Amadeus Awards bekommt er heuer die Auszeichnung für sein Lebenswerk, das Goldene Ehrenzeichen der Republik hat er schon seit 2022. Und weil ein 75er für einen Musiker nur eine Ausrede für eine Tournee ist, heißt die aktuelle Runde „!Zeitlos!“: Innsbruck, Linz, Gmunden, Graz, Wiener Neustadt, und jetzt zum Finale in Österreich drei Abende in der Halle F der Wiener Stadthalle, von Donnerstag bis Samstag.
Mit ihm auf der Bühne steht eine schlanke, aber umso schlagkräftigere Besetzung, Bass, Schlagzeug, Keyboards, mehr braucht es nicht. Allerdings ist die Auswahl jener, die die Instrumente bedienen, eklektisch. Das Fundament der Band liefert Willi Langer am Bass, sein unvergleichlicher Sound gepaart mit der Virtuosität des Kremsers, die einem dieser allerdings niemals aufdrängt, trägt das rockige Ensemble guttural durch den Abend. Am Schlagzeug brilliert Christian Stolz, der auf herrlich einfache, aber effektive Art und Weise mit dem Frontmann kommuniziert. Und Keyboarder Robert Schmid begleitet Cornelius bereits seit 35 Jahren, liefert Kraft und Fülle wo es sein muß. Schade, dass er kein einziges Solo lieferte. Oder liefern durfte.
Weil klar ist: die Band, die Arrangements, die Settings, alles ist auf Peter Cornelius und vor allem sein Gitarrespiel zugeschnitten. So gut wie bei jedem Song stellt der Frontmann unter Beweis, ohne Umschweife ein Meister seines Instrumentes zu sein, der auch internationale Vergleiche niemals scheuen müsste. Die Stimme ist altbekannt und auch mit 75 noch sehr präsent, die Texte zwischen den Songs sind präzise und ausdrucksstark, die Erfahrung ist ebenso evident, wie die Tatsache dass Cornelius sein Publikum kennt, schätzt und mag.
Wenn bei Cornelius „Ganz Wien den Blues“ hat, wird das mit einem etwa zehnminütigen Blues-Jam während der Nummer auch gleich unter Beweis gestellt, „Reif“ kommt zunächst als Reggae daher, als das gesetzte Publikum hier an den Bühnenrand stürmt, frisst Cornelius den Sicherheitsmann, der dies aus feuerpolizeilichen Gründen verbieten mag, fast von der Bühne aus auf (nicht ohne alle anderen stantepede aufzufordern, auch nach vorne zu kommen). Die dritte Zugabe, die „Kugel im Flipper“ wird fast schon im Bombast-Rock zelebriert. Und bange warten lässt Peter Cornelius seine Fans gar bis zur vierten Zugabe, nach der er das Publikum nach gut drei Stunden Show (inkl. 20 Minuten Pause) doch noch mit „Du entschuidige …“ glücklich nach Hause gehen lässt.
Es ist kein beliebiges Publikum (gehobeneren Alters, no na), das die Halle F der Stadthalle füllt (die drei Shows sind weitgehend ausverkauft). Es ist genuines Cornelius-Publikum. Fans, Kenner, die auch die Nicht-Hits hoch schätzen. Was ihnen der Meister merkbar hoch anrechnet. Peter Cornelius, seit den frühen Siebzigern im Geschäft (und aber auch zumeist unter den Bestverdienern der Branche, wie der WIENER schon 1982 berichtete), ließ sich nämlich niemals vereinnahmen. Nicht von Trends, nicht vom Zeitgeist und vor allem auch nicht vom Austropop. Bewußt distanziert gab er sich stets von der systemimmanenten Bussi-Bussi-Gesellschaft, ging dennoch seinen Weg, was ihm der eine oder andere im Laufe seiner Karriere auch durchaus übel nahm. Schnell sind Begriffe wie „Schmus“ oder „Schlager“ zur Hand, wenns um Cornelius-Songs geht. Abgesehen davon, dass man den abwertenden Charakter solcher Meldungen hinterfragen sollte: wer bei dieser Show in der Stadthalle war, wird eines besseren belehrt. Das ist solide musikalische, zeitweilig rockige, aber vor allem immer unterhaltsame und bauchige Unterhaltung für Menschen, die echte, handgemachte Musik mögen.
Peter Cornelius & Band – „!Zeitlos!“: 5., 6. und 7. November 2026, jeweils 20 Uhr, Wiener Stadthalle, Halle F, 1150 Wien. Tickets über die bekannten Vorverkaufsstellen.
















