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Straßenbahn Worst Of: 6er

Sarah Wetzlmayr

Der 6er ist nicht einfach nur eine Straßenbahn, er ist ein Fahrgeschäft.

Der 6er ist die am stärksten frequentierte Straßenbahnlinie Wiens. Wie der 43er kann er durch keine U-Bahnlinie ersetzt werden – er ist sozusagen allein auf weiter Flur. Moderne Niederflur-Exemplare gibt es dafür nur einige, manche Wägen sind sogar noch mit dem gerillten Holzboden ausgestattet, der den dafür typischen und ganz speziell säuerlichen Geruch verströmt. Der 6er ist immer voll – wir wissen es. Positive Seite daran: In keiner anderen Bim hat man so viel persönlichen Kontakt zu seinem Bim-Fahrer, denn nirgendwo anders im Öffentlichen Verkehr hört man den Fahrer so oft: „Bitte von den Türen zurücktreten, Sie verzögern die Abfahrt“ sagen. Gemeint ist natürlich: „Geh Oida, nimm dein Oasch und trog eam aus da Tia“. Diese persönliche Verbindung zum Fahrer, ist etwas das man in einer Zeit der Angst vor der Robotisierung, durchaus schätzen muss. Der Fahrer ist also schon mal echt – das ist gut. Was außerdem echt ist, ist das Dönerfleisch zwischen den Rillen des Holzbodens, der Kaugummi an genau der Stelle der Haltestange an der du dich festhalten willst und der Achselschweißgeruch des Fahrgasts neben dir, der genau um so viel größer ist als du, dass sich das mit der Nase in der Achselhöhle perfekt ausgeht. Der 6er ist der Ort in Wien, an dem Wiener Leben in kondensiertester Form stattfindet: Hier ist der Burggasse-Hipster via Tinder auf der Suche nach der großen Liebe, während ein Drogendealer auf der Suche nach einem guten Deal ist und ein als Familienhund getarnter Drogen-Spürhund den Drogendealer sucht. Alle sind auf der Suche und finden nix – außer – hoffentlich – den Weg durch die dicht gedrängte Menschenmenge nach draußen, wenn der 6er ratternd in ihre Station einfährt. Wer hier mitfährt, der hat sich nicht nur für die Wiener Linien entschieden, sondern auch dafür seine ganz eigene Linie zu fahren (und für eine etwas andere möglicherweise auch noch …).