Interview

Harald Sicheritz: Erfolgreich in der Quarantäne

Seit knapp dreißig Jahren dreht Harald Sicheritz die erfolgreichsten Filme des Landes, von „Muttertag“ über „Hinterholz 8“ bis zu zahlreichen quotenstarken „Tatort“-Krimis oder „Vorstadtweiber“-Episoden. Nun kommt seine neue Komödie „Baumschlager“ in die Kinos. Thomas Stipsits spielt darin seine erste Hauptrolle.

Interview: Manfred Rebhandl / Fotos: Maximilian Lottmann

Herr Sicheritz, Sie waren als 30-Jähriger schwer krank. Hat das Ihr ­Denken geschärft in Richtung: Wenn ich schon weiterlebe, dann will ich jedenfalls erfolgreich sein in dem, was ich tue? So unmittelbar nicht, aber es war schon eine Zäsur. Bis dahin war das Leben für mich unbeschwert, ziemlich Rock ’n‘ Roll. Und auf einmal lag ich im Krankenhaus mit der Diagnose „Knochenkrebs“ und bekam eine Prothese eingesetzt, die vom Unterschenkel bis zum Becken reicht. Das war 1988 noch eine medizinische Pioniertat. Heute baut man künstliche Knie ähnlich problemlos ein wie Hüftprothesen. Obendrein wurde mein Körper acht Monate lang mit einer quasi mittelalterlichen Chemotherapie bearbeitet, die nach heutigem Wissensstand ziemlich „mörderisch“ war, wenn man das so sagen kann.

Was macht so eine Krankheit mit einem? Bei mir war die Krankheit durchaus sinn­stiftend. Was einen nicht umbringt, macht einen ja auch lebenslustiger. Man leistet sich seltener den Luxus von Sinnkrisen. Und ich entdeckte damals Dinge, die ich vor der endgültigen Löffelabgabe noch unbedingt machen wollte. Bis dahin war ich ja „nur“ begeisterter Rockmusiker.

Mit der Band Wiener Wunder. Das haben Sie ernst genommen? Natürlich. Und, was heute schwer vorstellbar ist: Wir konnten schlecht, aber doch davon leben! Wir hatten viele Auftritte, allein im U4 haben wir sicher zehn Mal gespielt.

Diese Zeit in Wien wird heute von vielen verklärt. Das war auch eine super Zeit. Ich kann mich erinnern, dass ich im Winter 1980 mit meinem damals wie heute besten Freund Lothar Scherpe – der Keyboarder vom Wiener Wunder und jetzt ein führender Filmmusik-Komponist – im Auto nach Berlin gefahren bin. Wir gingen gleich mal ins berühmte Szenelokal Dschungel, und da war wirklich alles anders: Coole Musik, die wir nicht kannten. Kurzhaarige Menschen, die angezogen waren wie in einem futuristischen Film. Das war schon richtungsweisend. Wir haben uns zwar weiterhin an Jazz und Bluesrock orientiert, aber unsere Texte waren fortan deutsch – alles andere wäre im Wiener Sog der Neuen Deutschen Welle eher gelangweilt hingenommen worden.

So eine schöne Zeit kommt nie wieder …  Ich bin ganz und gar nicht sentimental. Es macht mich unangenehm betroffen, wenn mir jemand Sympathischer gegenübersitzt und sagt, die beste Zeit seines Lebens sei irgendwann gewesen. Oh, wow, wie schade ist das denn! Wie tragisch. Ich versuche tatsächlich, jeden Tag so hinzukriegen, dass er ein tauglicher letzter sein könnte. Das gelingt manchmal schlechter, manchmal besser. Aber wenn man diese Kalender­weisheit bewusst verfolgt, ist sie ein gutes Lebensmotto: Wenn man etwas wirklich machen will, dann möglichst sofort.

Verspüren Sie da dieses „innere Brennen“, von dem viele Künstler reden? Nein, das hätte ja etwas von „müssen“. Und dass ich etwas Zwänglerisches hätte, wäre mir bis jetzt nicht aufgefallen. Meine Umwelt wird allerdings bestätigen, dass ich relativ hartnäckig bin.

Unangenehm hartnäckig? Nein. Ein alter, erfahrener Schauspieler sagte erst vor Kurzem zu mir: „Das habe ich noch nie erlebt, dass jemand so leise so viel weiterbringen kann.“ Eines der schönsten Komplimente, die ich je gekriegt habe. Ich denke, nur die Dummheit braucht Lärm. In meiner ­Familie herrschte ein streitlustiges und konflikt­freudiges Klima. Aber die Dialoghoheit gewann man nur mit Inhalt und nicht mit Lautstärke. Es war wichtig, Pointen aus den gar nicht wunderbaren Verhältnissen rauszuprügeln.
Das hat Sie geschult fürs Schreiben von Komödien? Für meine Filme ist mir der Begriff „Satire“ lieber als „Komödie“, aber – ja. In beiden Genres geht es um den Humor, den man selbst pflegt. Und den man trainieren kann wie einen Muskel. Ich bin der deutlich Jüngste von drei Geschwistern. Obendrein war von Vorteil, dass ich schon früh an gewissen Beschädigungen laborierte – man hat mich, vielleicht aus Mitgefühl, immer eher ausreden lassen als unterbrochen.

Was waren das für Beschädigungen? Ich habe meinen Krebs als Krankheit eher ignoriert, um mich auf mein beschädigtes Bein zu konzentrieren. Und schon als Kind musste ich zum Beispiel zwei harte Jahre lang ein Gipskorsett tragen, wegen einer Oberarmzyste und nachfolgender Knochenmarkstransplantation. Das war eine veri­table Beschädigung. Aber sie hat mich zum Lesen gebracht, sehr viel anderes konnte ich ja nicht machen. Später bin ich am BRG 4 in der Waltergasse, einer wunderbaren ­Schule, trotzdem zu einem achtbaren Tormann aufgestiegen.

Wer war Ihr Idol? Sepp Maier? Nein. Ich mochte die deutsche Fußballer-Seele, wie sie damals war – im Gegensatz zu heute – gar nicht, in ihrer schwach begründeten Überheblichkeit. Die Generation der Beckenbauers, Breitners und Maiers, die war einfach nichts für mich.

Stattdessen? Wie hieß dieser geniale Sowjet­russe? Lew Jaschin!

Ihre Stärken im Tor? Ich war reflexstark, auch ein Elferkiller. Das Herauslaufen war wegen des Betonbodens am Schulplatz relativ schwierig, auch war ich nicht der beste Fänger. Jedenfalls habe ich pro Monat ein Paar Knieschützer verbraucht, was das Familienbudget schon belastet hat.

Diese Hände waren einst Tormannhände. Er war reflexstark auf der Linie, beim Herauslaufen verbrauchte er oft mehrere Paar Knieschützer im Monat. Der Fußballplatz in der Schule im 4. Bezirk war aus Beton.

Sie wollten dann unbedingt einen Film machen nach Ihrer Krankheit. Wie haben Sie sich geschult? Haben Sie „Drehbuchschreiben für Fernsehen und Film“ von Syd Field gelesen? Field hatte ich natürlich auch zu Hause, den musste man einfach lesen. Aber ich hatte als Redakteur und Gestalter beim legendären ORF-Jugend­magazin „Ohne Maulkorb“ viele Möglichkeiten, mich mit der Praxis des Filmemachens zu beschäftigen. Ich wusste also schon, was ich wollte, als ich Mitte der Achtziger die Kabarettgruppe Schlabarett kennenlernte. Zudem war ich mit Andreas Vitásek zur Schule gegangen und unter den wenigen, die den ersten Auftritt von Josef Hader sahen. Die erzählten alle keine Geschichten auf der Kleinkunstbühne, die stellten etwas dar – und zwar auf ziemlich virtuose Art und Weise.

Und irgendwann Anfang der 90er-Jahre sahen Sie das Schlabarett-Programm „Muttertag“. Das war schicksalhaft. Kann man so sagen. Wie die Akteure dabei alle Rollen spielten, Alte und Kinder, das gefiel mir. Daraus entstand der Wunsch, das ernsthaft in filmische Realität zu übersetzen, ohne abstrakte Stilisierung.

Damals wusste noch keiner, was ein ­Kabarettfilm ist. Waren die Schlabarettisten selbst gleich begeistert? Die konnten von mir überzeugt werden und fanden das dann auch spannend. Ob sie vor der Kamera gut sein würden, das musste ausprobiert ­werden. Das Projekt wurde dann von den Förderstellen dreimal abgelehnt – was sicher auch daran lag, dass Erwach­sene Kinder spielen sollten. Aber ich war mir so sicher, dass das geht! Heute weiß ich, dass es vor allem für Jugendliche besonders interessant ist, ihr Leben von Erwachsenen dargestellt zu sehen. Das hat etwas inte­grativ Tröst­liches. Das war ein unerwarteter Kollateral­benefit.

Es gab auch Feinde: „So ein Schaas! Frechheit!“ Oh ja, die gab es, und das hallt bis heute nach. Am Anfang war ich fassunglos, die Kritik war ja ultrahart. Was ich aber sehr interessant fand: Die Feinde waren so leiden­schaftlich! Aber am Ende hat man als Kunstschaffender meines Zuschnitts ­ohnehin nur einen sehr launenhaften Verbündeten – das ganz normale Publikum.

War die Kritik schmerzhaft? Kurz. Dann wird die Haut schnell dicker. Bis heute wirkt aber nach, dass meine Filme bei wichtigen Branchen-Events nicht zugelassen werden. Feuilleton-Chefs, Festivalleiter und nervenschwache Bildungsbürger im Allgemeinen gehören nicht zu den Menschengruppen, die gern sehen, was ich tue.

„Gipfelzipfler“ war dann aber tatsächlich nicht so gut, oder? Auch unter seinem Wert geschlagen, finde ich! Das war ein Experiment, war nie als klassische TV-Serie gedacht, sondern als etwas mit hohem Spontangehalt. Heute würde man das erfolgreich auf YouTube stellen.

Schielen Sie auf den programmierten Erfolg? Das geht ja gar nicht. Ich erzähle einfach gern Geschichten, deren Form und Inhalt die Leute verunsichern, provozieren und im besten Fall dumme Vorurteile erschüttern. Ich versuche, meine Filmfiguren vielschichtig und identifikationstauglich zu gestalten.

Ein paar Filmzitate und was Sie damit verbinden: „Sagen Sie nichts gegen Masturbation! Das ist Sex mit einem Menschen, den man wirklich liebt!“ Woody Allen! Ich finde, dass er aufgrund der Möglichkeiten, die man ihm bis heute bietet, völlig zu Recht etwas Exemplarisches machen kann – nämlich fast alles, was ihm einfällt, umzusetzen. Das war und ist gut für die Filmkultur ­dieser Welt. Eine wunderbare Mischung aus ­Humor und Ernsthaftigkeit.

„Das muss das Boot aushalten!“ „Das Boot“?

Richtig. Waren deutsche Karrieren wie die von Wolfgang Petersen für Sie vorbildlich? Vorbilder habe ich in dem Sinn überhaupt keine. Als Kunstschaffender ist man von allem beeinflusst, was man erlebt. Auch von einem schlechten Film kann ich ziemlich viel lernen. Noch viel mehr natürlich von Filmen, die ich für makellos halte. Die schaue ich dann gern fünfzehnmal an. Der letzte, bei dem es mir so ging, war „Relatos salvajes“ („Wild Tales“), ein argentinischer Film, der für mich keine Fehler hat. „Seven“ von David Fincher ist auch so ein Fall.

Private Probleme sollte man in der Therapie abhandeln, und nicht auf einem Filmset. Darum steht Sicheritz dort nie herum und macht auf „Chef“, sondern führt Regie mit leiser Stimme.„Haben die Lämmer aufgehört zu schreien?“ „Schweigen der Lämmer“. Ich habe bei Genrefilmen keine Berührungsängste. Mit Maayan Oz, der wunderbaren israelischen Autorin, die meinen neuen Film „Baumschlager“ geschrieben hat, habe ich bereits ein weiteres Drehbuch für einen Genre-Film fertig. Irgendetwas in der Gefühlswelt zwischen Quentin Tarantino und Guy Ritchie – Motto „Jeder gegen jeden“.

Na gut, dann gleich Tarantino. „Ich bin vielleicht ein Bastard, aber ich bin kein verdammter Bastard.“ Wie schwer ist es, gute Dialoge und One-Liner zu schreiben? Ich glaube, jeder Dialog hat in der Pointenführung etwas Mathematisches. Was einem aber die gefühlvolle Auswahl unter den Möglichkeiten nicht erspart. Was Tarantino angeht, halte ich „Pulp Fiction“ für seinen deutlich besten Film, der ist in der Erzählung am stärksten, danach … na ja. Wo ich in letzter Zeit wirklich gebannt davorsaß und das Gefühl hatte, ich lerne auf die schönstmögliche Art, das war die dritte Staffel von „Fargo“. Da war ich am Ende richtig euphorisiert und dachte: Es geht ja! Wie klug, feinsinnig und komisch das ist!

„Wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs.“ „Blues Brothers“. Manchmal sind es die einfachsten Ideen, die am besten funktionieren: Zwei Typen in schwarzen Anzügen, Sonnenbrillen, ein altes Auto, Musik vom Feinsten. Sehr gut.

„Hier spricht Ripley, letzte Überlebende der Nostromo. Ende der Durchsage.“ „Alien“. Großartiges Erlebnis auf der Riesen­leinwand im Gartenbaukino.

Apropos „Gartenbaukino“. Ihr Verhältnis zur Viennale war schwierig? Kann man so nicht sagen. Ich habe nie eine Diskussion mit Herrn Hurch darüber geführt, ob er einen meiner Filme spielen würde. Aber es verband uns ein Verhältnis auf Augenhöhe, was man sich in meinem Fall selten leistet (lacht). Wir haben einander geschätzt, er schrieb mir zu jeder Einladung zwei, drei handschriftliche Zeilen dazu.

„Ich will das haben, was sie hatte!“ „Harry und Sally“? Die Orgasmusszene?

Richtig. Was ist für Sie die beste Komödie? Das werde ich oft gefragt und ich denke immer ernsthaft darüber nach. Ist ja zunächst die Frage: Was ist eine Komödie? Jedenfalls ist „Das Appartement“ von Billy Wilder ein wunderbarer Film.

Ein unglaublicher Film! Genau. Und über den sagen manche Menschen, er sei eine Komödie. Ich sage hingegen, dieser Liebesfilm arbeitet mit komödiantischen Mitteln. Die Filme von Almodóvar finde ich gut, oder „Night On Earth“ von Jim Jarmusch. Auch wenn man zum Beispiel Finnland nicht kennt, hat man nachher einen gewissen Zugang zur finnischen Seele, und das ist schon etwas wert. Und ganz wichtig: Ich gehöre jener Generation an, die in den 70er-Jahren mit „Monty Python“ sozialisiert wurden.

„Jeder nur ein Kreuz!“ „Das Leben des Brian“ gehört sicher zu meinen Lieblingsfilmen. Das ist ihr ausgeschlafenster Film, der hat so viel Wahrheit.

Und er ist sehr respektlos. Für eine ­Komödie auch nicht unwichtig, oder? Sie sprechen da etwas an, was in meiner Arbeit immer ein Leitmotiv ist  – dass man natürlich nicht zimperlich sein darf im Umgang mit Tabus! Auch Brachialkomödien können etwas Befreiendes haben für junge Leute, „Wayne’s World“ ist ja zum Beispiel von der Betriebs­temperatur her nicht so anders als „Muttertag“. Das befreiende Lachen und das ­Humortraining durch Anarchie sind total wichtig.

Man fängt ja als Kind irgendwann an, „Gacksi, Bumsi, Lulu, Scheiße“ zu sagen … … und schon ist etwas passiert!

Feuilleton-Chefs, Festivalleiter und nervenschwache Bildungsbürger im Allgemeinen gehören nicht zu den Menschengruppen, die gerne sehen, was er tut. Für sie hat er ein bisschen Mitleid übrig.

Sie werden nächstes Jahr 60. Danny  Glover sagt in „Lethal Weapon“: „Ich bin zu alt für diesen Scheiß.“ Wird groß gefeiert? Und gibt’s etwas, wofür Sie langsam zu alt sind? Das ist für mich kein Thema. Ich habe eine ganz schlechte Selbstwahrnehmung. Mir geht es immer genau so, wie es mir gerade geht. Ich fühle mich daher tendenziell alterslos. Aber ich habe nichts gegen Geburtstage und feiere gerne, wobei sich mir die Sinnhaftigkeit des völligen Kontrollverlusts schon früh nicht erschlossen hat. Lieber ein angeregtes Gespräch bei einer Flasche Wein oder einem feinen Rum.

Mel Gibson sagt in demselben Film: „Ich habe ihn entkoffeiniert.“ Wie halten Sie das Arbeitspensum durch, wie pushen Sie sich? Mit Kaffee? Ich schlafe vor allem viel. Unter acht Stunden geht nichts, wobei die Tageszeit egal ist. Meiner Erfahrung nach hält einen das gesund. Stephanie Sargnagel hat neben anderen schönen Sachen mal gesagt: „Ich glaube, mein Hirn besteht nur aus dem Belohnungszentrum.“ Das ist auch bei mir ziemlich ausgeprägt! Ein gutes Verhältnis zu sich selbst ist wesentlich. Wenn man sich selbst nicht leiden kann, ist es doch eine freche Zumutung, das von anderen einzufordern.

Wie sieht´s mit Yoga aus? Irgendwann erzählte mir die Dame meines Herzens, dass sie Yoga toll findet. Ich meinte, ich ver­stünde davon nichts. Und dass ich mich, wenn es mir zu viel wird, hinlege und an gar nichts denke. Da lachte sie und sagte: „Genau daran arbeitet sich der Yogaschüler mit Mühe ab!“

Machen Sie lieber Fernsehen oder Kino? Beides gleich gern. Ich höre, die größte Medienorgel, die man auf der Welt bei Erstausstrahlungen bespielen kann, sei ein „Tatort“-Krimi. Habe ich schon oft und gern gemacht. Aber das Kino, der „Tempel der Träume“, klar, da geht nichts drüber! Ich gehöre nicht zu den Pessimisten, die sagen, das Kino wird sterben. Es wird immer ­Leute geben, die sich gern etwas gemeinsam mit vielen anschauen, auf einer möglichst ­großen Leinwand.

„Ich bin der König der Welt!“, heißt es in „Titanic“. Sind Sie der Film-König von Wien? Nein. Ich bin ein einsamer Nischenbewohner. Zumindest haben mich die Gralshüter der Filmkunst unter Quarantäne gestellt. Ich sitze auch nicht umgeben von kapitalistischen Attributen auf einem Filmset und mache auf „Chef“. Ich habe bei meinen subalternen Tätigkeiten kennen­gelernt, wie furchtbar das ist, wenn jemand seine privaten Probleme nicht in der Therapie abhandelt, sondern auf einem Filmset.

„In den entscheidenden Momenten deines Lebens warst du immer ohne Taschentuch.“ Kenn ich nicht.

„Vom Winde verweht“. Darf man weinen im Kino? Ich bin sowieso nahe am Wasser gebaut, wie mein lieber Freund Ernst ­Hinterberger gesagt hätte. Ich halte mich für ziemlich empathiefähig, ich weine auch leicht – am liebsten beim Lachen.

Waren Sie Hinterberger sehr nahe? Nur so viel: Er hat gern darauf hingewiesen, dass ich von allen Regisseuren, mit denen er gearbeitet hat, der einzige Wiener sei. Das war mehr als eine Tatsachenfeststellung. Das war ein Ehrenzeichen.

 

Harald Sicheritz
wurde 1958 in Stockholm geboren und wuchs in Favoriten auf. Er war Mitglied der Band Wiener Wunder, aber nach einer schweren Erkrankung mit dreißig entschloss er sich, Filme zu machen. „Muttertag“ war ein erster sensationeller Erfolg, auf den weitere noch sensationellere folgen sollten: „Hinterholz 8“ ist bis heute der österreichische Film mit den meisten Zuschauern. Auch fürs Fernsehen arbeitet der Autor und Regisseur, machte „MA2412“ mit Düringer und Dorfer oder führte Regie bei den „Vorstadtweibern“ oder dem heimischen „Tatort“. Er lebt kinderlos in Wien und Laxenburg.

Film-Info
Baumschlager

„Da gibt es endlich Frieden im Nahen ­Osten, und dann weiß keiner so recht, was man damit anfangen soll. Dann doch lieber zum altbekannten Krieg zurückkehren, für den es aber einen Sündenbock braucht. Praktischerweise hängt dieser dubiose ­Österreicher in der Gegend auf den ­Golanhöhen herum.“ So steht es im Pressetext zum neuen Film von Harald Sicheritz. Dieser Österreicher heißt Baumschlager, er ist ein liebenswerter, leicht tollpatschiger UN-Offizier, der plötzlich zum Spielball zahlreicher Interessen wird. „In erster Linie aber erzählt Baumschlager die Geschichte dreier Frauen, die jeweils ­ihren eigenen Plan mit Baumschlager haben, während er selbst nur will, dass alle um ihn herum glücklich sind …“ Sicheritz verfilmte ein Drehbuch der von ihm hoch geschätzten Israelin Maayan Oz. In seiner ersten Hauptrolle ist Thomas ­Stipsits zu sehen, gedreht wurde in Israel und Österreich. Kinostart: 22.9.2017; Regie: Harald Sicheritz; mit: Thomas Stipsits, Gerti Drassl, Meyrav Feldman, Moran Rosenblatt, Sólveig Arnarsdóttir, Antatole Taubman u.v.m.
Foto: Dor Film / Filmladen