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Der Trostficker – Er ist immer zur Stelle, wenn die Stelle frei wird

Er hat den Instinkt eines Spürhunds, den Charakter eines Maulwurfs und die Moral eines Aasgeiers. Und er ist immer dann zur Stelle, wenn die Stelle frei wird.

Text: Johnny Maré

Ich bin nicht so der Beziehungstyp, das ist mir zu anstrengend: der Alltag! „Am Sonntag zu deinen Eltern oder zu meinen den Kuchen essen?“ Nö, ist nix für mich. Ich häng lieber vor der Glotze. Dort hatte ich genug Zeit, mir Wissen um die Frauen ­­an­zu­eignen. Regel Nummer eins: ­Verständnis ist alles. Ich studierte die eine Folge von „Two and a Half Men“, in der Charlie Harper die ­ganze Zeit sagt: „Ich verstehe.“


Und zwar zu den Frauen. Charlie treibt das Spiel so weit, dass er sich sogar mit Judith anfreundet, der verhassten Ex seines Bruders Alan. Sie kommt weinend bei der Tür he­rein, Sorgen plagen sie, Unverständnis schlägt ihr entgegen. Aber da ist ein Mann, der ihren Sorgen und dem Unverständnis mit Bierruhe begegnet: Charlie Harper. Was auch immer sie sagt, worüber auch immer sie sich beklagt, Charlie lügt sie an: „Ich verstehe.“

Foto: Oliver Gast, Model: Marion Mandl, Hair & Make Up: Manja Mietho

Ich habe auch verstanden: Ge­heucheltes Verständnis ist wichtig, wenn es um Frauen geht. Gespieltes Verständnis ist die Vorstufe zum Trost von Frauen. Charlie Harper würde es vielleicht so formulieren: Verständnis kommt vor dem Trostfick.

Der Trostfick ist meine Spezialität. Das Wort kann man als Suchbegriff sogar schon auf Pornoseiten ein­geben. Isoliert betrachtet – ohne Trost nämlich – bringe ich Verständnis zunächst meinem besten Freund entgegen, nennen wir ihn Mike. Er ist als erfolgreicher Fotograf in der Werbebranche tätig. Regelmäßig versorgt er mich bei Bier, Fußball und hochgelegten ­Beinen mit Infos über seine jewei­ligen Beziehungen. Nennen wir eine davon Mimi, klassische On/Off-Geschichte. Mimi war eine ­heiße Brünette und ebenfalls in der Werbebranche tätig. Sie arbeitete sich gerade von Praktikum zu ­Praktikum hoch bis zum … nun ja, nächsten Praktikum.

Irgendwann würde es mit Mimi in der Werbebranche sicher bergauf gehen, aber die Sache mit ihr und Mike ging irgendwie den Bach hi­nunter. Das roch ich als Trostficker wie ein guter Spürhund den Schweiß des erlegten Tieres. Mike zeigte mir immer seltener geile Fotos von ihr, beklagte sich stattdessen immer häufiger, dass sie ständig „etwas ­unternehmen“ wolle, er aber nicht; dass sie Yoga machen wolle, er aber lieber „ins Gym“ gehe; dass sie ­gerne Serien schaue, er aber lieber Fußball; dass sie mit ihrer besten Freundin gerne in die Forelle tanzen gehe, Mike aber Tanzen, Mimis beste Freundin und die Forelle hasse.

Das Wort „Trostfick“ kann man als Such­begriff ­sogar schon auf Pornoseiten ­eingeben.

Und dann erzählte er mir eines Tages, dass er zu dem Shooting nächste Woche in Mailand diese neue Praktikantin mitnehmen müsse, „ist rein beruflich“. Davon werde er Mimi aber nichts erzählen, und das würde ich doch verstehen, oder? Und ob ich verstand!

Zufall war es dann keiner, dass Mimi mir in der Forelle genau an dem Tag über den Weg lief, als Mike auf dem Weg zu diesem Shooting in Mailand war. Ich wusste ja, dass sie immer am Dienstag nach dem Yoga mit ihrer besten Freundin Sara noch dorthin ging. Ich kannte sie von Mikes Fotos, aber es war trotzdem hilfreich, dass er mir noch ­verraten hatte: „Sie ziehen sich ­immer an wie Nutten!“

Wenn zwei Frauen, die sich wie Nutten anziehen, unterwegs sind, dann freuen sie sich immer über einen, der ihnen einen Drink ­spendiert. Bald fanden wir eine überraschende Gemeinsamkeit: „Du kennst Mike?“ – „Dann bist du Mimi?“ Kollektives „OMG! Die Welt ist so klein!“ Sofort fing sie an, sich zu beklagen: „Der ist ja gerade in Mailand, aber mit mir fährt er nie weg!“ Und ich sagte: „Ich verstehe.“ Ich verstand einfach alles, worüber sie sich aufregte, und spendierte dazu einen Drink nach dem anderen, bis wir endlich beim Thema waren: „Mike ist für Sex ­immer zu müde! Verstehst du das?“ Ich versicherte ihr aus ehrlichem Herzen: „Das kann ich überhaupt nicht verstehen!“ Dabei sah ich ihr tief in die Augen.

Foto: Oliver Gast, Model: Marion Mandl, Hair & Make Up: Manja Mietho

Ich musste dann nur noch beiläufig fallen lassen, dass Mike ja „diese neue Praktikantin“ nach Mailand hatte mitnehmen müssen, wovon sie natürlich keinen blassen Schimmer hatte. Dass mein Bauch nicht so gut trainiert war wie der von Mike, machte ihr gar nichts mehr aus, als sie sich heulend an mich lehnte. Ich fragte: „Schaust du gerne Serien?“

Ich war ihr Trostficker für diese eine Nacht, dann sahen wir uns nie wieder. Mike kam aus Mailand zurück und die nächsten Wochen jammerte er mich bei Fußball, Bier und hochgelegten Füßen voll, weil Mimi ihn nun endgültig verlassen hatte. Von mir hatte sie nichts erzählt. Er jammerte auch über die neue Praktikantin, die zwar „schon geil“ sei, aber auch „irgendwie sehr kindisch“. Ich fragte: „Wie meinst du das genau?“ „Na ja, sie kichert ständig beim Sex.“ Ich sagte: „Ich verstehe.“

Und stellte es mir eigentlich sehr interessant vor, wenn eine beim Sex kicherte. Irgendwann wollte ich wissen: „Hast du geile Fotos von ihr?“