GENUSS

Mezcal – Schnaps für die Verdammten

Nirgendwo sonst gibt es ihn und nirgendwo wird rustikaler gebrannt als in Mexiko: Der Mezcal befriedigt als „Hipster-Schnaps“ die Retro-Sehnsucht. Alle Achtung für die Agave!

Text: Roland Graf

Lange wehrt sich der Konsul. Zwar taumelt er beschwipst durch die Allerseelen-Feierlichkeiten von Cuernavaca, doch einen Schnaps lehnt Geoffrey Firmin immer beharrlich ab: „Mezcal ist für die Verdammten“. Dann schon lieber fünf Tequila! Erst am Ende kippt der Alkoholiker auch Mezcal in der Cantina. So will es die Dramaturgie in „Unter dem Vulkan“, dem großen Trinker-Roman von Malcolm Lowry, der durchaus selbst wusste, wovon er schrieb. Doch die Zeiten haben sich ­ge­wandelt, seit das Kultbuch („Wenn unsere Zivilisation zwei Tage nüchtern wäre, würde sie am dritten an Gewissensbissen sterben“) 1947 erschien. Der Witz, den Lowry nicht mehr mitbekam: Ausgerechnet der schlechte Ruf des Mezcal hat ihn heute zum globalen Superstar der Bar werden lassen.


Ein Farmer am Agavenfeld in der Nähe einer Mezcal-Destillerie in Mexiko, Tequila. Foto: (c) Getty Images

Denn der Agavenbrand steht mit seiner schwankenden Aromatik und den urtümlichen Produzenten für alles, was die Spirituosen-­Industrie nicht (mehr) liefern kann. Da wäre zunächst das nach wie vor klar beschränkte Produktionsgebiet. Während Gin und mittlerweile auch Whisky in Idar-Oberstein genauso gebrannt werden können wie in Ohio, gilt das für den „bad boy“ der Agavendestillate nicht. In der Theorie umfasst das Gebiet unter regio­nalem Markenschutz neun mexikanische Bundesstaaten, tat­sächlich kommen 87 Prozent der ­Welt-­Produktion aber aus Oaxaca.
Ein Landstrich von der Größe ­Österreichs monopolisiert damit einen Brand. Denn selbst wenn außerhalb Mexikos Agaven de­stilliert würden, hieße das weder Mezcal noch Tequila. Das haben sich die Mexikaner schon vor Jahrzehnten schützen lassen.

Noch lieber hört man in der ­City-Bar aber die Geschichten von der rustikalen Produktion des meist rauchigen Brands (von dezent bis Islay-Whisky-Torf-Rauchstärke): Braungebrannte Mezcaleros, die ihre Mühlen mit Eseln betreiben, nachdem sie die ­Agavenherzen mit der Machete geerntet haben, brennen Schnaps in Öfen aus Ton. In „Mezcal – der Film“ wäre Charles Bronson die Idealbesetzung gewesen. Und mit jedem Schluck reitet in Gedanken Pancho Villa durch die Bar. Tatsächlich hat sich bis heute einiges aus der alten Brenner-Romantik erhalten; etwa wenn für den Pechuga, eine Art Weihnachtsversion des Mezcal, reife Früchte und Geflügel­brüste (!) in den Geist-Korb der Brennanlage kommen.

Prost mit Mezcal, des Hipsters liebster Rausch. Foto: (c) Getty Images

Längst experimentieren daher Bars mit dem Ur-Tequila, der mit seiner weichen Art und den prononcierten Frucht- und Rauchtönen in ­einem „Old Fashioned“ statt Whisky ebenso funktioniert wie als Ersatz des Gringos Wodka im „Moscow Mule“. Da heißt das russische „Maultier“ dann nach dem tierischen Helfer der Mezcaleros stolz „El Burro“. Wiens erste „Mezcaleria“ findet sich seit einigen Monaten im achten Bezirk, zu den zwölf verschiedenen Sorten reicht das „El Feo“ (elfeo.at) stilecht Tacos und Quesadillas.

Und mittlerweile schleichen sich auch weitere Agavenspiri­tuosen an – 28 Arten stehen ­Mexikos Brennern zur Verfügung. Sie brauchen allerdings Geduld mit den Pflanzen. Denn erst mit mindestens acht Jahren gibt die Agave ihr Herz (die piña) her, und sie tut es nur einmal. Aktuell steht etwa Raicilla hoch im Kurs. Er stammt von der ­Sorte Maximiliana und ­erinnert Österreicher somit auch an ­Maximilian II., den Kaiser von Mexiko. Ein bisserl haben wir also auch mit dem Hipster-Brand zu tun. Auch wenn’s dem toten Habsburger nichts mehr nützt.

Rauch-Schokolade

Weiße Schokocreme! Der erste Schluck Raicilla erweist sich als angenehm weich, die Pfefferschärfe meldet sich mit leichtem Tabakrauch erst später – der könnte so auch Gin-Freunden schmecken.
Estancia Distillery, Raicilla, 56 Euro, drsours.de

Estancia Distillery, Raicilla. Foto: (c) Hersteller

Schwarze Hand

Die erdige Optik mit den schwarzen Fingerabdrücken passt zum Inhalt: ­Leder, der Honigton der Agave (Espadin ist die wichtigste Sorte für Mezcal!) und viel Rauch prägen diesen maskulinen Brand.
Marca negra, Espadin, 59,90 Euro, killis.at

Marca negra, Espadin. Foto: (c) Hersteller

Hendl-Früchtchen

Der mit der Hühnerbrust: Die ungewöhnliche Zutat merkt man weniger als die Früchte, vor allem Ananas ist zu schmecken im salzig-rauchigen Pechuga. Das verleiht ihm auch bei 49 % Sanftheit.
Del Maguey, Pechuga, 179,90 Euro, weisshaus.at

Del Maguey, Pechuga. Foto: (c) Hersteller

Wildfang-Saft

Erdig und rauchig zugleich, bringt hier der 20-%-Anteil an ­Arroqueño-Wildagave (mindestens 20 Jahre alt, ehe geerntet wird!) die unverkennbare, honigähnliche Agavencharakteristik ein.
Alipús, San Miguel Tió Jesús, 59,90 Euro, mezcaleria.de

Alipús, San Miguel Tió Jesús. Foto: (c) Hersteller