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MemoryLane. Charles Manson live: Alle lieben Massenmörder

Bigger Brother ging nicht: Vor 30 Jahren servierte Amerikas Sensationsreporter Geraldo Rivera einem Rekordpublikum den ultimativen TV-Hit. In „Live aus der Todeszelle“ konfrontierte er die berühmtesten Massenmörder – darunter Charles Manson – mit den Trauergästen ihrer Opfer. Eine mörderische Talk-Show. Der WIENER schnitt mit.

Text: Manfred Sax / Fotos: Erich Reismann

Faksimile der Story, WIENER September 1988. Foto: (c) Billy Sax

Szene: Times Square Studios, New York. Den Hintergrund bildet eine mit 18 Monitoren bespickte Wand. Auf der Bühne rechts harrt ein Auditorium von etwa 60 Studiogästen der Dinge. Links ist ein mannshoher Bildschirm in den Vordergrund gerückt. Eine Signation ertönt. Unter der Ankündigung „Ladies and Gentlemen, die Geraldo-Rivera-Show“ betritt der Showmaster die Bühne, geht dynamisch auf die Kamera zu, blickt hart in einige Millionen Haushalte der Vereinigten Staaten: Geraldo Rivera, Journalist und Amerikas Showmaster der Stunde.

Er fackelt nicht lange rum. „Reden wir mal Klartext“, sagt er und bohrt seinen linken Zeigefinger in die Bildmitte, „Mord wird mehr und mehr zum amerikanischen Weg des Sterbens. Letztes Jahr wurden in den Staaten 20.000 Bürger ermordet. In Chikago allein werden jährlich mehr Menschen ermordet als in ganz Großbritannien! Und jetzt, während SIE hier zusehen, werden wieder gerade fünf Amerikaner um die Ecke gebracht!“

Faksimile der Story, WIENER September 1988. Foto: (c) Billy Sax

Szenenwechsel. Ein Film wird eingespielt. Bild: Schwarzer Junge liegt in Blut gebadet am Boden. „Dieser 16jährige Boy konnte seinen Revolver nicht mehr ziehen“, erzählt Rivera. „Er war ein Dealer. Aber die Zeit, seinen Vorrat an ‘Crack‘ an den Mann zu bringen, hatte er nicht mehr. Eine andere Jugendbande war schneller.“ – Ähnliche Filmsequenzen folgen.

Viele Leichen. Viel Blut. Jede Menge hektischer „Cops“ (Bullen). Wieder Szenenwechsel. Die Kamera fokussiert erneut Rivera und seinen Zeigefinger. „Bei 40 Prozent aller Morde sind Drogen im Spiel“, sagt er schneidend, „die Polizei ist machtlos. Machen wir einander nichts vor: Es herrscht Krieg! Und die ‘bad guys‘ (die bösen Jungs) sind drauf und dran, ihn zu gewinnen!“ – Rivera geht auf einen Studiogast zu. Der entpuppt sich als Ed Koch, Bürgermeister von New York.

„Was zum Teufel wird hier gespielt, Ed?“ fragt Rivera. „Die Mexikaner“, meint Koch. „Mexiko ist für ein Drittel aller Drogendelikte verantwortlich.“ „Was tun?“ bohrt der Showmaster weiter, „wäre die Todesstrafe eine Lösung?“ Die Frage bleibt unbeantwortet. Der große Bildschirm flimmert auf: Direktschaltung in die Todeszelle eines Gefängnisses in Alabama. Ein Mann ist zu erkennen, mit angestecktem Mikro und einem Knopf im Ohr. Rivera nennt ihn „Tommy“, einen um sein Überleben prozessierenden Mörder.

„Kannst du mich hören, Tommy?“ fragt der Showmaster in den Bildschirm hinein.
„Ich höre Sie, Mister Rivera“, erwidert der Mann.
„Warum hast du gemordet, Tommy?“
„Mister Rivera“, stammelt der Angesprochene, „ich hatte ein Problem … ich war betrunken … ich … ich verlor die Kontrolle …“
„Bist du mißverstanden oder BÖSE?“ fragt Rivera.
Tommy holt Luft: „Keins von beiden!“

„Deine Frau will dich tot, Tommy, sie will dich auf dem elektrischen Stuhl, was sagst du dazu?“

Rivera winkt einen weiblichen Studiogast zu sich heran. „Du wirst jetzt überrascht sein, Tommy“, redet er wieder den Bildschirm an. „Dein 13jähriger Sohn sieht sich diese Sendung gerade an. Und deine Frau ist hier im Studio zu Gast.“
Tommy bleibt stumm. Rivera wendet sich der Frau zu: „Was sagen Sie zur Verantwortung Ihres Gatten“, fragt er und hält ihr ein Mikro vor den Mund.
„Er war nicht besoffen“, meint sie. „Er war nur böse.“
„Was soll mit Ihrem Mann geschehen?“
Sie zögert keinen Augenblick: „Ich würde ihn gern auf dem elektrischen Stuhl sehen.“
Abrupt wendet sich Rivera dem Bildschirm zu: „Deine Frau will dich tot, Tommy, was sagst du dazu, aber schnell!“
Tommy kommt nicht mehr dazu. Die Show-Signation ertönt, eine Sekunde später tanzen Salatblätter über den Bildschirm, verfolgt von einer Essigflasche mit Gesicht, die eine Botschaft für Amerika auf Lager hat: „Wir bringen eure Salate zum Singen!“ Werbezeit.

Geraldo Rivera, 75, Reporter, Talkmaster, Trump-Freund; Hardcore-Verfechter der Todesstrafe. Foto: Mark Taylor, Lizenz: CC BY 2.0.

Die Szenen sind nicht Fiktion. Es handelt sich nicht um eine Satire auf den „Club 2“ des Jahres 2000. Es handelt sich um eine „Geraldo Rivera Specials“-Show des Jahres 1988. Um die bisher zugkräftigste. Sie heißt „MORD – live aus der Todeszelle“. „Konfrontations-Talkshow“ sagt man zu Sendungen dieses Typs. Sie ziehen nicht selten ein Drittel der fernsehenden Öffentlichkeit vom Netzwerk rivalisierender TV-Stationen ab. Dementsprechend lukrativ sind die Werbeminuten. Alte Seifenkisten, wie „Dallas“ und „Dynasty“, verblassen gegenüber diesem neuen Sendetyp. Fiktion hat keine Chance gegen Sensationen aus dem „Real Life“. Und im Wettkampf um hohe Einschaltziffern ist „Network USA“ nicht zimperlich. Der TV-Multi NBC buhlt mit ungelösten Kriminalrätseln um Seher. In „Unsolved Mysteries“ werden, ganz „XY“, aber mit mehr Show, Verbrechen nachgespielt. „Fox Television Networks“ stürzen sich auf „Amerikas Most Wanted“ (Amerikas Meistgesuchte), in der Regel Mörder und Sexualverbrecher.

Die Show-Miss Oprah Winfrey lädt „Nuts and Sluts“ (Verrückte und Schlampen) zu sich ins Studio. Und Showmaster Morton Downey hat mit einem Showkonzept Erfolg, das die Beleidigung von Studiogästen zum Hauptanliegen macht. Der Top-Star ist jedoch Geraldo Rivera. Seit er 1986 bei einer gewalttätigen Drogenrazzia der „Miami Police“ mit Kameras live dabei war, nennt man ihn einen gemachten Mann. Und seit der „Al-Capone-Show“ im April ’86 (60 Millionen Zuseher) ist er ein Mann mit Macht.

„Ich brachte meinen Sohn um. Ich möchte die ganze Welt umbringen. Dann meine Familie. Dann mich. So werde ich Gott.“

„Herzlich willkommen zu Verbrechen und Leidenschaft.“ Die Werbeminuten sind vorüber. Geraldo Rivera ist „on the road“. In einem Frauengefängnis. Er spricht mit Engress Harris, einer jungen schwarzen Frau. Das Insert weist sie als „Passion Killer“ aus: Sie hatte ihr Baby getötet.
„Warum mußte ausgerechnet dein Baby für dein Tun bezahlen?“ fragt Rivera leise. Die Frau bekommt Weinkrämpfe. Die Kamera fährt auf Tränengröße an ihr Gesicht heran. „Es tut mir ja leid, so schrecklich leid!“ weint sie. Das Bild gefriert am Monitor, Rivera wendet sich den Studiogästen zu und vermerkt: „Bevor Sie jetzt das Mitleid übermannt, meine Herrschaften, muß ich Sie noch informieren: Diese Lady hat bereits zwei Babys ins Jenseits geschickt!“
Auf „Mord aus Leidenschaft“ folgt das Kapitel „Raubmord“. Eine Überwachungskamera eines Ladens hat einen Mord live aufgezeichnet. Rivera präsentiert ihn, nicht ohne sich für die schlechte Bildqualität zu entschuldigen.

Faksimile der Story, WIENER September 1988. Foto: (c) Billy Sax

Szenenwechsel. Der Showmaster präsentiert eine Frau in der Todeszelle. Via Monitor live in der Todesshow. Sie plädiert auf psychische Unzurechnungsfähigkeit. Sie findet in einem Studiogast einen Verteidiger. Einen Psychologen. Rivera hat aber noch einen Gast zu diesem Fall – den Gatten des Opfers: „Sie schien das Morden zu genießen“, meint dieser. Und findet Unterstützung bei einer 18jährigen Zeugin: „Wenn sie können hätte, wär ich die nächste gewesen“, sagt das Mädchen. Zwei zu eins.

„Diese Hände haben nie jemanden getötet! Ihr habt alle Morde auf mich abgewälzt!“

„Du hast andere morden lassen! Ein Mann mit Mut macht es aber selbst!“

Rivera dreht sich zum Monitor mit der Todeskandidatin um: „Judy, siehst du, wie schwer es ist, dir zu glauben?“ Szenewechsel. Nie ist ein Gespräch länger als eine Minute. Dann gibt Rivera Handzeichen. Filme werden eingespielt. Echte Morde. Echtes Blut. Echte Opfer. Echte Tränen. Echte Werbung.

Und Applaus: Geraldo Rivera präsentiert „den guten Mord“ – einen Ladenhüter, der einen Punk umknallte, weil dieser seine Tageslosung klauen wollte. Einen 11jährigen Buben, live mit Familie als Studiogast, der mit Papis Revolver zwei Einbrecher zur Strecke gebracht hatte. Einen Rachemord, den ein Studiogast so kommentiert: „Ein Mörder hat heutzutage die Chance, die Tat zu bereuen. Ein Opfer nicht.“

Schließlich besucht Rivera selbst die Todeszellen. Er steht am Korridor, vor sich Gitter mit Händen, die er schüttelt. Entschließt sich zum Besuch eines „Halluzinationsmörders“ namens Joseph Kallinger. Ein berühmter Amerikaner mit bleischwerer Stimme.  „Ich brachte meinen Sohn um“, erzählte dieser, Aug‘ in Aug‘ mit Rivera. „Es war eine Opferung. Ich möchte die ganze Welt umbringen. Dann meine Familie. Dann mich. So werde ich Gott.“

Charles Manson 3 Monate vor seinem Tod am 19.11.2017. Foto: California Department of Corrections and Rehabilitation, Lizenz: gemeinfrei.

„Würden Sie mich auch töten?“ fragt der Showmaster.
„Ja.“
„Das ist ja fürchterlich“, sagt Rivera kopfschüttelnd.
„Ja“, sagt Kallinger ruhig.
Fast zwei Stunden dauert die Todes-Talkshow. Sie zeigt mehr Tote als ein Rambo-Film. Mit einem Unterschied: Riveras Morde sind echt.
Die Klimax ist logisch. Rivera präsentiert den Serienmord. „Willkommen zum kranken Gemüt eines Massenmörders“, sagt der Showmaster und führt den Fernseher nach St. Quentin, San Francisco. Dort wartet Amerikas berühmtester Krimineller aller Zeiten auf ihn. Zwei Polizisten öffnen seine Handschellen. Charles Manson, ein schmächtiger Mann mit Hakenkreuz auf der Stirn, setzt sich neben den Master. Einen Hippy-Kult-Führer nennt ihn Rivera. Manson widerspricht: „Ich war kein Hippy! Ich war ein Beatnik, ein Bing-Crosby-Fan!“
Immerhin verantwortlich für den Tod von Sharon Tate und vielen anderen, meint Rivera. Manson beginnt mit den Händen zu fuchteln: „Diese Hände haben nie jemanden getötet! Ihr habt alle Morde auf mich abgewälzt!“

„Du hast andere morden lassen! Ein Mann mit Mut macht es aber selbst!“ schnappt Rivera zurück. Manson beginnt zu lachen: „Ich brauchte niemandem was zu sagen. Die wußten selber, was zu tun war. Ich will dir mal was sagen: ich bin 1951 gestorben! Wußtest du nicht, daß ich schon mit neun im Knast saß? Ich sitz‘ nun seit 18 Jahren. Wenn du zwei Wochen säßest, wärst du schon weich!“

Sharon Tate, Schauspielerin, im Jahr 1967; ab 1968 Gattin des Regisseurs Roman Polanski; ermordet am 9.8.1969. Foto: Gianni Praturlon; gemeinfrei.

Manson schreit. Manson lacht. Geht in der Zelle auf und ab. Beginnt T’ai Chi zu tanzen. Geraldo Rivera bekommt eine gute Show serviert. Doch die Pointe setzt er selbst. „Bist du gut UND schlecht“, fragt er.
„Ja“, meint Manson. „Ich bin ein Mensch!“
Szenenwechsel. Der Showmaster begrüßt einen Studiogast. Doris Tate, die Mutter von Manson-Opfer Sharon Tate. Manson sei kein Mensch, meint sie. Er sei ein Abwegiger und passe insofern genau ins Ende der Sechziger Jahre.

Ob er jemals freikäme, dieser „verrückte, kleine Mann mit dem satanischen Funkeln in den Augen?“ (Rivera)
„Niemals“, sagt Doris Tate. „Ich habe 350.000 Unterschriften, die alle zu mir stehen.“
Die Gäste im Studio klatschen. Talkmaster Rivera und sein Zeigefinger werden von der Kamera eingefangen.

Ein letztes Mal serviert er 50 Millionen Zusehern Klartext: „Mörder in einem Rechtsstaat haben ihre Rechte. Okay. Es wird aber Zeit, zu erkennen, daß auch andere Leute existieren. Hört zu, Leute. Es ist ja nur logisch: Opfer haben auch ein Recht auf ihr Recht! Gute Nacht.“

FYI: Diese Story ist im Originaltext (1988) gepostet. Die offizielle Sprachregelung zur Frage „ß oder ss“ folgte da noch einer anderen, wenn auch nicht sonderlich überzeugenden Logik.