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Work-Life-Balance auf Österreichisch – Dirk Heinrichs Kolumne im #W434

Klar ist das Parkett der Wirtschaft nicht immer eines zum Tanzen. Aber mit ein bisserl mehr Lebensfreude als Beigabe sind auch beinharte Verhandlungen um ein Alzerl angenehmer. Und das schreibt hier ein gebürtiger Germane!

Nach knapp 48 Jahren im Lande habe ich die österreichische Kultur zwar nicht mit der Muttermilch, aber über alle anderen köstlichen Flüssigkeiten dieses so wunderbaren Landes eingesaugt.
Während dieser Dekaden in Österreich habe ich im Zuge meiner beruflichen Laufbahn vieles erlebt, und das Meiste davon in überaus angenehmer, das Leben erlebender, genussvoller Manier.
Der Österreicher hat nämlich wie ganz von selbst eine Art und Weise gefunden, neudeutsche Begriffe wie „Work-Life-Balance“ in einen derart lebensbejahenden Kontext zu verwandeln, dass daraus eigentlich eine Management-­Doktorarbeit kreiert werden müsste, was leider noch fehlt. Ihr Leitsatz könnte lauten: Der Mitarbeiter, also der Mensch, kann und soll im Zuge aller zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der Motivation, miteinander statt gegeneinander inspiriert und wohlgefällig die Ziele erreichen, die es nun mal zu erreichen gilt.
Wer schon jemals die schnöden Räumlichkeiten eines Meetingraumes gegen den inspirierenden Schanigarten eines Kaffeehauses eintauschen konnte, wird die Besprechungsergebnisse sicher besser verinnerlicht haben. Folgerichtig sei an internationale Konzerne der Hinweis gerichtet: Wer auf dem Wiener Parkett seine Ausbildung genießen durfte oder bestand, der ist weltweit kulturell sattelfest.

Wie viele gute, böse, jedenfalls wichtige Entscheidungen von internationaler Tragweite im Zuge einer hervorragenden Melange, eines gepflegten Achterls oder beim Verzehr einer knusprigen Schweizerhaus-Stelze im Zusammenspiel mit einem stickstoffgezapften Budweiser (dem richtigen also, und nicht dem US-Abklatsch) in heimeliger Wohlfühlatmosphäre getroffen wurden, ist wohl kaum nachzählbar. Aber es sind sicherlich sehr, sehr viele, bekanntlich angefangen vom österreichischen Staatsvertrag.


Wir, und ich nehme mir die Freiheit heraus, mich hier vollumfänglich integriert zu fühlen, haben dieselben Ziele wie „ihr“, aber da der Weg dorthin auch das Ziel ist, hat sich der Österreicher für die Variante entschieden, es angenehmer und nicht ganz so ernst wie der Rest der Welt anzugehen. Österreich, und hier im Speziellen Wien, sind auch deshalb seit Jahren an der Spitze der lebenswertesten Länder und Städte weltweit. Wir sind dazu noch enorm erfolgreich und man kann hier als Unternehmen richtig gut Geld verdienen. Okay, in Summe wird es immer zu wenig sein, aber wohltuenderweise gilt auch in dieser Hinsicht hierzulande das Postulat: Wen juckt’s?

Warum sind österreichische Top-Manager und Facharbeiter international so erfolgreich? Sie sind, neben deren fachlich notwendigen Kompetenzen, famos in den Bereichen Führung und Empathie, Assets, die zusammenhängen und immer wichtiger werden. Österreicher „können“ einfach besser mit Menschen, so scheint es jedenfalls. Und das ist ein wohl unbestreitbarer Mehrwert für jedes Unternehmen, weil „Menschen folgen Menschen“ und nur selten Unternehmen.

Klar ist auch „Sudern“ ein der hiesigen Landeskultur immanenter Bestandteil, aber auch ein wichtiger Teil der Seelenhygiene. Epochale Fürsprecher und Begleiter dieser Erscheinung, wie Helmut Qualtinger oder Falco, haben derlei sogar kulturell auf die Spitze getrieben und somit der Welt nähergebracht.

Man könnte also zusammenfassen: Wir wollen eh auch das Gleiche wie ihr, hoch hinaus, die Ersten sein, die Besten und so weiter. Aber wir sind der Meinung, das geht auch ein bisschen leiwander als nur mit Krampf. Der unbestrittene Ernst des Arbeitslebens wird durch diese landestypischen Eigenschaften nicht nur erträglicher, sondern sogar in einen Mehrwert verwandelt.
Lassen Sie uns alle daran festhalten und dieses Erfolgsmodell noch weiter verbessern.


Dirk Heinrich, Managing Partner bei Heinrich-Kalmbach & Partner, coacht, trainiert und berät Führungskräfte und deren Teams, hält Keynotes und moderiert Change-Teams im A-CH-D-Raum. Zu den Kunden zählen u.a Sony, Microsoft, Ingram Micro, ARS, Leaseplan, WKO, Media-­Saturn, Schrack-Seconet, ACP-X-tech.