Motor

Das Kabel lebt

Keine Ahnung, was das bedeutet. Aber so oder so ähnlich kann man den Namen der neuen Elektro-Harley verstehen: LiveWire.

Text: Peter Pisecker

Hä? Eine Harley-Davidson mit Elektromotor? Wer soll das wollen?


Falsche Frage. Sie kommt verlässlich, jeder stellt sie. Sie kommt von Leuten, die etwas von Motorrädern verstehen, und von Leuten, die keine Ahnung haben. Doch eine Harley erkennen auch sie. Meistens akustisch. Lautes Auspuffgeblubber, Vibrationen, Chrom und breite Abstellplatten für die Cowboystiefel. So hat eine Harley zu sein, und nicht anders. Niemals.

Auf Harleys sitzen amerikanische Highway Patrol Cops, die Hell’s Angels, Peter Fonda und Dennis Hopper.

Was sollten die mit einem Elektroantrieb anfangen?

Harley-Davidson sieht das nicht so eng. Eine Harley, das ist eine Fat Bob, eine Road King, eine Electra Glide. Dicke Dinger. Schwere Eisen. Fette Bikes. Und jetzt eben auch die LiveWire. Etwas völlig Neues, Schlankes. Und doch eine Harley.

Klar, vermutlich werden nur wenige davon an Typen verkauft werden, die mit zotteligen Bärten, ärmellosen Lederwesten und einem Bier in der Hand beim Motorradhändler herumhängen. Aber dafür wird man mit der LiveWire neue Käufer anlocken, die bisher nicht im Traum daran gedacht hätten, sich für eine Harley zu interessieren.

Die LiveWire ist das erste elektrische Motorrad der Marke und eines der ersten ernstzunehmenden Elektromotorräder überhaupt. Aber das heißt ja nicht, dass die bisherigen Kunden nicht mehr willkommen wären. Auch Rolls-Royce hat mit der Tradition gebrochen und bietet neuerdings ein SUV an. Ändert das die Marke? Vermutlich. Ist das schlimm? Nö. Bringt es neue Kunden? Aber sicher.

Bald auch bei uns. Die LiveWire steht vor der Markteinführung, Österreich kommt angeblich noch diesen Herbst dran – da sollte sich heuer für Schnellentschlossene noch die eine oder andere Ausfahrt ausgehen. Der Preis: 33.390 Euro.

Diese Harley wird nicht gestartet, sondern eingeschaltet. Und dann ertönt kein grollendes Blubbern von einem großvolumigen V2 zwischen den Beinen, sondern … gar nichts.

Nur ein Pulsieren ist zu spüren, ein langsamer Herzschlag, der aus den Tiefen des Elektromotors emporsteigt. Den hat Harley-Davidson extra hineinprogrammiert, damit eine emotionale Verbundenheit zwischen Mensch und Maschine entsteht. Die Maschine lebt.

Du bist nicht ganz sicher, ob das Ding schon fahrbereit ist, weil du ja nichts hörst. Du drehst vorsichtig mit der Rechten einen halben Millimeter an dem Griff, der bei anderen Motorrädern Gasgriff heißt, und siehe da: Schon drängt sie vorwärts. Jederzeit könntest du jetzt ein Drehmoment von 116 Newtonmeter auf einen Schlag entfesseln, das die 249 Kilo schwere Harley in drei Sekunden auf Tempo 100 feuert.

E-Antrieb also. Für Petrolheads der neue Gottseibeiuns. Igitt, elektrisch – das klingt ja nach nichts, hat viel zu geringe Reichweite, dauernd muss man fürchten, ohne Saft liegenzubleiben, und überhaupt, der Strom kommt bei uns aus der Steckdose, höhöhöhö.

Tatsache ist aber: An der Elektromobilität führt kein Weg mehr vorbei. Sie wird sich immer stärker ausweiten und in vielerlei Formen auftreten, in Hybridfahrzeugen, in Brennstoffzellen-Pkw und (wichtiger noch) Brennstoffzellen-Lkw und -Bussen – und natürlich auch in Zweirädern. China hat vor einigen Jahren, zack-zack-zack, alle Zweitakter kurzerhand aus den versmogten Städten rausgeschmissen und der Bevölkerung „empfohlen“, sie durch E-Roller zu ersetzen. In einem autoritären Staat geht so was.

Hand in Hand mit der Verbreitung der E-Mobilität wird die In­frastruktur in Städten und überland ausgebaut, es wird neue Bezahlsysteme geben, die Batterien werden weiterentwickelt und längere Reichweiten ermöglichen, ohne schwerer zu werden, und darüber hinaus werden sie billiger. All das wird geschehen, wird sind erst in der Anfangsphase. Was noch hinterherhinkt, ist der gleichzeitige Ausbau an regene­rativen Energiequellen, die den Strom liefern, vor allem Photovoltaikanlagen und Windkraftwerke. Aber das wird schon. Es ist keine schlechte Zukunft, die da entsteht.

Ein Elektromotorrad ist heute schon cool. Auf zwei Rädern legt man üblicherweise ohnehin keine 1.000-Kilometer-Strecken in einem Rutsch zurück, die Reichweite ist also nicht so sehr ein Problem, wie sie es für viele Menschen immer noch bei Autos zu sein scheint. Für die LiveWire verspricht Harley-Davidson rund 200 Kilometer, dann muss sie an den Stecker.

Dieses wie ein iPhone durchdesignte Bike ist ein mutiges Projekt eines traditionellen, altehrwürdigen Motorradherstellers. 1903 wurde Harley-Davidson gegründet, 2019 erfindet sich das Unternehmen neu.

Genau genommen schon im März 2010, als die Entwicklung der LiveWire begann. Man gab fünf Technikern ein Budget und ließ sie machen. Sie bauten nach und nach 33 Prototypen eines Elektromotorrads und gingen mit ihnen auf Welttournee. In den USA, Europa, Asien und Australien befragten sie in vier Jahren insgesamt 12.000 Personen, was diese von dem Ding hielten, das sie ihnen ohne Markennamen präsentierten. Die Reaktionen waren neutral bis positiv. Und dann fragten die Harley-Leute die Probanden, was sie sagen würden, wenn dieses Ding von Harley-­Davidson käme.

„Die Leute hielten den Atem an“, erzählt Chefentwickler Glen Koval. „Sie waren begeistert. ,Das wäre supercool‘, sagten sie.“

Koval ist klar, dass die LiveWire sich an eine andere Zielgruppe richtet als herkömmliche Harleys. „Wer für Elektromobilität offen ist, ist jünger, offener für Neues und lebt eher in Städten als der Durchschnitt unserer bisherigen Kunden“, sagt er. Und sie seien begeisterte „early adopters“, probieren gern als Erste Neues aus.

Jetzt komm endlich zum Punkt: Wie fährt sich die LiveWire?

Völlig unkompliziert: Nur am Griff drehen und ab geht die Post. Kupplung und Getriebe gibt’s nicht, das Hinterrad wird über einen Zahnriemen angetrieben, der E-Motor liefert 78 Kilowatt Leistung, das entspricht 106 PS. Und wie die LiveWire abhaut! Der Schub scheint nicht aufzuhören, je mehr du aufdrehst, stufenlos, ohne auch nur einmal eine Zehntelsekunde innezuhalten, eine scheinbar unerschöpfliche Beschleunigung, begleitet vom Sound der Enterprise auf ihrem Weg in ferne Galaxien.

Durch den großen Akku-Ziegel und den darunter montierten Elektromotor ist der Schwerpunkt niedriger als bei einem herkömmlichen Bike mit vollem Tank. Die E-Harley ist wendig und nicht zu schwer. Aufgeladen werden kann sie über Nacht an jeder Steckdose, und sollte doch einmal ein längerer Trip anstehen, ist auch Schnellladung über einen CCS-Stecker möglich.

Beim Zumachen des Drehgriffs setzt die Rekuperation ein, im Sportmodus etwas stärker als im Road-Modus, aber gut dosierbar. Man muss sich allerdings daran gewöhnen, dass es kein Ausrollen gibt – entweder du erzeugst mit deiner rechten Hand Schub oder du erzeugst Bremswirkung, dazwischen gibt’s nichts.

Um das Drehmoment des Elektromotors im Zaum zu halten, kommt die LiveWire mit einem Paket an Sicherheitssystemen daher: mit einer Antriebsschlupfregelung ASR, die auch das Blockieren des Hinterrads im plötzlichen Schubbetrieb verhindert, mit kurvenoptimierter Traktionskontrolle samt Wheelie-Vermeidungsfunktion und Kurven-ABS. Dazu bietet die LiveWire sieben Fahreinstellungen, von denen vier vorprogrammiert sind: Road, Sport, Rain und Range – letztere zur bestmöglichen Ausnützung zur Neige gehender Stromreserven. Drei weitere sind frei konfigurierbar, indem man Parameter wie Power, Regeneration oder „Throttle Response“ so einstellt und kombiniert, wie man’s gern hat.

LiveWire 2018. Spain

Ganz stolz ist Harley-Davidson auf „H-D Connect“: Damit kann der Fahrer sein Smartphone mit dem Motorrad verbinden und erhält so beispielsweise Informationen über den Ladestatus der Batterie, kann sich zur nächstgelegenen Ladesäule navigieren lassen, wird an Servicetermine erinnert, bekommt Händler- und Werkstatt-Standorte angezeigt und kann jederzeit kontrollieren, wo er das Motorrad abgestellt hat. So was ist super für vergessliche Biker.

Peter Pisecker
ist Chefredakteur des auto touring, des Mobilitätsmagazins des ÖAMTC.