Motor

Space Cowboy

Zero Motorcycles bringt mit der Zero SR/S seinen ersten elektrischen Sporttourer auf den Markt und zeigt, dass die einzige Sollbruchstelle zum Erfolg lokal emissionfreier Einspurigkeit nicht mehr das Konzept selbst ist, sondern im Sattel thront.

Text: Gregor Josel

Als Kind der 1980er zog man beim pubertären Schwanzvergleich in Sachen individueller Mobilität nur mit gut aufgemotztem Mopettchen nicht den Kürzeren. Wer mit der Puch-Turbosport oder der Schalt-­Vespa in der 50-ccm-Klasse die für einen 16-Jährigen vollkommen utopische und deshalb heilige Dreistelligkeit am Tacho erreichte, war ein Held! Ganz egal, ob auf der Geraden nach der Ortsausfahrt oder auf der mobilen Prüfwalze der Landesregierung beim quartalsmäßigen Moperl-Planquadrat.


Kollateralschäden wie diese musste man einfach einkalkulieren, und wenn man Glück hatte, reichte bei der nächsten Vorführung des ge­tunten 50-ccm-Wimmerls in der Landesprüfstelle ein Drahtwaschel im unfassbar, ganz arg viel zu lauten Auspuff, um die gesetzliche Lautstärkengrenze nicht zu überschreiten und das Gefährt wieder bei rund 40 km/h einzubremsen. Okay, es hing natürlich auch davon ab, ob der Ing. Schagerl – man kannte sich ja inzwischen beim Namen – mit oder ohne Alkfahne Dienst hatte.
Das hat sich dann auch in späteren Jahren nicht wesentlich geändert, und selbst heutzutage, also einige Jahrzehnte später, scheint es in der Motorradwelt noch immer durchaus wichtig zu sein, sich in Sachen Auspuffsound individuell und möglichst eindrucksvoll zu ­inszenieren. Koste es, was es wolle. Kann man machen, muss man aber nicht, denn es gibt bereits sinnvolle Alternativen wie die Marke Zero Motorcycles!

Mit Zero ist inzwischen seit 14 Jahren ein Elektromotorrad-Pionier aus Kalifornien am Markt, der langsam, aber stetig eine Durchdringung am Markt schafft mit seinen rein elektrisch angetriebenen Modellen. Speziell in den letzten beiden Jahren haben die Elektro-­Amis mit dem Naked Bike der SR-Modellreihe und einem Touringmodell für Aufsehen gesorgt. Für 2020 legt Zero nochmals ordentlich nach und hat unlängst im schönen Südfrankreich ein neues Sport-Touring-Modell namens SR/S präsentiert, das das Zeug zum Topseller der Marke hat. Und all das ohne das übliche Motoren-­Gedöns, frei von Vibrationen und Abgasen. Kann das gutgehen in der so motoraffinen Motorradwelt? Ich sage ganz eindeutig Ja, denn wenn E-Mobilität in Sachen Zweirad so aussieht und performt wie die neue Zero SR/S, dann gibt es eigentlich keinen wirklichen Grund mehr, am Verbrennungs­motor festzuhalten, auch wenn es derzeit noch ein paar Einschränkungen gibt.

Doch konzentrieren wir uns zunächst auf die augenscheinlichen Assets der neuen Zero SR/S. Was den Zero-Designern hier in Sachen Optik gelungen ist, ist ein wahres Gustostückerl an emotionalem Motorrad-Design. Am Tank könnte hier genauso ein klingender italienischer Markenname sitzen, dieses Design ist pure Leidenschaft und macht auf den ersten Anblick Lust, dieses Teil zu fahren. Zeitlos elegant, im Sinne der großen Sport-­Tourer-Ikonen im Zweiradbereich, sehr sportlich und modern, die Linienführung ist inspiriert von der Raumfahrt. Zwei kleine Kritikpunkte wären in Sachen Design allerdings die etwas grobe Verarbeitung der Verschraubungen des Windschilds und der Rückspiegel sowie die nicht ganz so hochwertig anmutenden Bedienelemente, die nicht ganz auf Augenhöhe mit dem so hochwertigen Designansatz des Motorrads sind. Die Sitzposition ist auch für großgewachsene Fahrer bequem und gleichzeitig
sportlich.

Soweit so gut, alles wie gewohnt auf einem üblichen Motorrad. Doch mit dem Einschalten der Zündung und des Killswitches ­neben dem Gasgriff beginnt nun die Reise in eine komplett neue und tatsächlich extrem spannende Motorradwelt. Denn mit dem ersten Dreh am Gasgriff setzt sich das Motorrad nahezu vollkommen geräuschlos in Bewegung und setzt dann ab dem ersten Moment ein brachiales Drehmoment von 190 Nm frei aus dem 110 PS starken und selbstentwickelten ZF-75-10-­Motor, der wirklich schön in der Schwinge verbaut ist. Wenn das Motorrad dann mit diesem Drehmoment brachial und vollkommen ohne Leistungsunterbrechung auf bis zu 200 km/h beschleunigt, dann vergisst man zunächst ganz schnell, dass damit keinerlei Geräuschkulisse verbunden ist. Außer dem Fahrtwind, der einem um den Helm bläst. Es ist ein gänzlich neues und freies Fahrgefühl, so komplett ohne Böllern aus dem Auspuff wie ein Raumschiff über Landstraßen zu gleiten. Es ist eigentlich das purste Erleben von Fahrfreude, das man sich vorstellen kann, für mich per­sönlich war der nicht vorhandene Motorsound das Allerletzte, was mir bei diesem Motorrad fehlen würde! Ganz im Gegenteil, es ist tatsächlich befreiend, dieses ­Gleiten.

Ein großer Fehler wäre es, die Zero SR/S am Ende des Tages trotz ihres schier unfassbaren Power-­Angebotes nicht ganz für voll zu nehmen. Sie ist ein voll- und hochwertiger Sport-Tourer, der in Sachen Handling, Fahrwerk, Performance und Fahrgefühl den Vergleich zu den Platzhirschen im Segment nicht scheuen muss. Man kann, so man möchte, für ungläubige Blicke sorgen, wenn man die üblichen Verdächtigen auf der Bergpassage so gänzlich lautlos nach hinten durchreicht.

Kommen wir nun last, but not least zum Batteriethema, das man ja im Falle der E-Mobility nach wie vor gerne als Totschlagargument benutzt. Die SR/S, die standardmäßig über eine 14,4-kWh-­Lithium-Ionen-Batterie verfügt und damit bis zu 253 Kilometer schaffen soll, kann mit einem ­Akku-Tank auf eine Reichweite von bis zu 315 km erweitert werden. In der Premiumvariante ist auch ein Rapid-Charger an Bord, der das Bike in knapp einer Stunde wieder auf rund 95 % lädt. In der Praixs und bei beherzter erster Ausfahrt an der französischen Côte d’Azur schaffte die Zero SR/S in der Standardversion ohne Akku-­Tank knapp 150 Kilometer. Wobei noch genügend Restreichweite im Akku war, um noch einige Kilometer runterzudrehen. Somit ist die Zero SR/S durchaus alltagstauglich und auch perfekt ausgestattet für die durchschnittliche Wochenendausfahrt. Plant man ein wenig vor und pausiert nahe einer Typ-2-­Schnellladestation, ist eben mit entsprechendem Nachladen beim Kaffeestopp oder der Mittagspause eine Reichweite von mehr als 300 Kilometern vollkommen problemlos zu schaffen. Und zuhause steckt man das Bike einfach an der ganz normalen Schuko-Dose an, wo der Ladevorgang dann in rund neun Stunden erledigt ist. Klar, derzeit muss man seinen Trip mit dem E-Bike noch gut planen, doch für den durchschnittlichen Wochenend-Biker, der das Motorrad auch im Alltag nutzt, sind das Ladethema und die Reichweite eigentlich keine „Ausrede“ mehr. Dass Innovation ihren Preis hat, ist auch klar, und somit ist die neue Zero SR/S mit einem Einstiegspreis von 21.720 Euro nun kein echtes Schnäppchen. Doch wer die Anschaffungskosten den Erhaltungskosten gegenüberstellt, der wird merken, dass sich die Anschaffung spätestens bei 10.000 Kilometern rechnet, im Vergleich zu konkurrierenden Verbrennermodellen. Zu guter Letzt bleibt also nur die ­Frage an einen selbst, wie sehr man bereit ist, für umweltfreundlichen Motorradspaß auch ein wenig die eigenen Gewohnheiten über Bord zu werfen.

Zero SR/S
Leistung: 110 PS / 190 Nm Drehmoment
Antrieb: Z-Force 75-10 Wechselstrommotor, Zahnriemen
Bremsen: ABS, Doppelscheibe
vorne 320 mm, Vierkolbenzangen-Anlage
Sitzhöhe: 787 mm
Gewicht: 229 kg
Preis: ab 21.720 Euro