STIL

Nix mit Ticktack!

Im WIENER-Uhrenspecial huldigen wir Uhrenfreaks vorzugsweise dem Verlangen nach mechanischen Zeitmessern. Doch auch auf der dunklen, elektronischen Seite der Macht gibt es auch Licht; wir zeigen die interessantesten nichtmechanischen Uhrwerke.

Text: Philipp Pelz / Foto Header: Maximilian Lottmann

Das Messen von Zeit beschäftigt die Menschheit nicht erst seit der Apfel-Uhr. Die erstaunlichsten Apparate wurden im Laufe ebendieser entwickelt. Zunächst hatte das nicht viel mit Mechanik zu tun. Da begnügte man sich mit einem Stab, einer Skala und einer glühenden Kugel, die um die Erdscheibe wanderte. Im historischen Zeitraffer fliegen Turm­uhren, das Nürnberger Ei und ­Taschenuhren geistig an uns ­vorüber, bis wir schließlich bei Armbanduhren anlagen. All die genannten Typen sind Zeugen der Fortschritte in der Miniaturisierung. Innovative, immer präzisere Produktionstechniken ermöglichten es erst, eine Kirchturmuhr aufs Handgelenk zu schrumpfen. Technische Kleinode waren bald dazu geeignet, nicht bloß die ­Uhrzeit anzuzeigen. Zusätzliche Funktionen erleichterten einem das Leben, etwa durch Kalenderanzeigen, Stoppfunktionen, Wecker oder akustische Zeitangaben.


Doch an einer Stelle ging die Entwicklung kaum noch weiter. Konstruktionsbedingt waren Unruhschwingungen, also die Frequenz, mit der die Unruh oszilliert, von 2,5 bis 5 Hz möglich. Prinzipiell gilt: Je schneller die Schwingung, desto genauer die Uhr. Zur Erhöhung der Schwingungszahl war also eine gänzlich andere Konstruktion vonnöten. Nach mehreren Jahren vielversprechender Versuche kam schlieІlich im Jahr 1960 die erste Stimmgabeluhr von Bulova auf den Markt. Dabei wurde eine Gabel mithilfe von Elektromagneten in Schwingungen von 300 bis 720 Hz versetzt. Die schwingende Gabel griff wiederum direkt ins Räderwerk ein. Die erste elektrisch angetriebene Armbanduhr war geboren. Doch hier war die Reise noch nicht vorbei. Schon bald, nämlich Ende der 60er-Jahre, schritt die Entwicklung eines noch schnelleren Schwingers rasant voran: des Quarz.

Im Jahr 1969 kam nach mehreren parallelen Entwicklungen die erste ­massenproduktionstaugliche Quarzuhr von Seiko heraus. Das System versetzte einen speziell geformten Quarz durch elektrischen Strom mit 32.768 Hz in Biegeschwingung. Die integrierte Elektronik teilt fleißig durch 2 hoch 15, bis es zu einem Sekundenimpuls kommt, welcher die Zeigerbewegung durch Schrittmotoren anregt. Liegt die Champions League der mechanischen Uhren bei einer Abweichung von wenigen Sekunden pro Tag, so schaffen die elektronischen Schnellschwinger wie die Longines „Conquest V.H.P.“ Gangergebnisse mit Varianzen von bis zu fünf Sekunden pro Jahr! Damit könnte man sich doch eigentlich zufrieden geben, oder? Natürlich nicht! Tatsächlich gibt es viele Bereiche, in denen eine nochmals präzisere Zeitmessung notwendig ist. Neben martialischen Anwendungsgebieten fallen einem zum Glück auch friedliche Fälle ein, etwa sportliche Wettkämpfe oder etwa in der Raumfahrt, wo tatsächlich allerkleinste Zeiteinheiten relevant sind. Was kann also noch genauer sein?

Wie wäre es mit Atomuhren? Die Technologie dahinter ist faszinierend komp­liziert und schwer zu verstehen. Definition gefällig? Bitte sehr: „Die Sekunde ist das 9.192.631.770-Fache der Periodendauer der dem Übergang zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustands von Atomen des Nuklids 133Cs entsprechenden Strahlung.“ Gepackt in ein Kastl mit allerlei Elektronik-­Schnickschnack kommt dann irgendwann ein Sekundenimpuls heraus. Ist so eine Genauigkeit jedoch auch praktisch nutzbar? Ja! In Funkuhren etwa. Diese sind in der Lage, Zeitsignale der global verteilten Atomuhren zu empfangen und zur Synchroni­sation ihres Quarzwerks zu verwenden. Der Quarz-Pionier Seiko empfängt mit der neuesten Generation der „Astron“-Uhren ebenfalls Signale, und zwar aus dem Weltall. GPS Satelliten senden nicht nur ihre Position, sondern auch Zeitsignale der integrierten Atomuhren.

Smartwatches holen sich die Zeit wiederum woanders her. Dazu ist jedoch auch eine ­externe Information nötig, welche in diesem Fall aus dem Internet kommt. Ist die schlaue Uhr nicht verbunden, verwaltet ein Quarzwerk die zuletzt vorhandene Information bestmöglich. Es gibt also viele Arten der nicht­mechanischen Zeitmessung. Alle haben eines gemeinsam: Sie sind höchst präzise und zeigen einfach ungemein genau die Zeit an. Das ist sicherlich faszinierend, jedoch verschließt sich die Technik meist vor äußeren Einblicken. Selbst wenn der Blick aufs Innere ­möglich ist, fängt man mit diesem kaum etwas an. Ein mechanisches Uhrwerk vermag seine fast schon archaische Technologie dem Menschen viel näher zu bringen. Wie beruhigend ist es, das gleichmäІige Schwingen der Unruh durch einen Sichtboden zu beobachten oder dem Ticken zu lauschen. Und noch eines ist klar: Elektronische Technologien sind sehr jung und raschen Änderungen unterworfen und erreichen manchmal sehr rasch die Obsoleszenz. Moderne, jedoch auf uralten Prinzipien basierende mechanische Armbanduhren werden auch in vielen Jahrzehnten noch reparierbar sein.

Weltempfänger

Das schwarzwäldische Schramberg, Heimat von Junghans, galt einst als Weltmetropole der Uhrmacherei. In früheren Zeiten war Junghans nämlich der größte Uhrenproduzent des Planeten, wenn auch hauptsächlich von Weckern, Wand- und Tischuhren. Nach schweren Jahren arbeitet man sich unter neuer Führung beständig wieder nach vorne und erzeugt hervorragende Produkte, die ihren Preis auch absolut wert sind. Dies gilt gleichermaßen für die neueste Entwicklung der „Mega“-Funkuhren-Serie. Sensible Empfänger verarbeiten die Signale von weltweit platzierten Atomuhren. Der integrierte ewige Kalender läuft bis ins Jahr 2400. Interessant: Der Sekundenzeiger schreitet in Halbsekundenschritten voran. Ohne Funkempfang ermöglichen Android- und iOS-­Apps eine  Synchronisation mit der Internetzeit. Highest Tech aus Germany!

Info unter www.junghans.de, Preis 1.190,– Euro


Atomuhr. Echt jetzt?

Ja, tatsächlich haben die Ausnahmeuhrmacher von Urwerk mit ihrer „AMC“ etwas Unglaubliches kreiert. Angelehnt an die berühmten „Montre Symphatiques“ von Breguet fungiert hier jedoch eine veritable Atomuhr als Referenz. Eine Armbanduhr kann daran angedockt, aufgezogen und mit der Atomuhr synchronisiert werden. Genial! Fast noch genialer ist die Gestaltung des dynamischen Duos. Sieht die atomare „Master Clock“ aus, als wäre sie einem Bond Film der 60er entsprungen, so kommt die mechanische „Slave Watch“ äußerst futuristisch herüber, ganz im bekannten Urwerk-­Stil. Um so etwas besitzen zu können, sollte man allerdings auch über die finanzielle Potenz eines Bond-Superschurken verfügen. Der Preis liegt nämlich nicht weit von 3 Mio. Euro entfernt.

Urwerk, Atomolith und AMC

Info unter www.urwerk.com.


Smartes Obst 

Die mittlerweile fünfte Iteration der schlauen Apple-Uhr kann natürlich auch die Zeit anzeigen. Im Gegensatz zu klassischen Zeitmessern stellt man sie nicht über eine Krone ein, auch wenn sie sogar eine besitzt. Verbindet sich die Uhr mit dem ­Internet, holt sie sich die Zeitinformation von ebendort, ähnlich wie ein Smartphone. Das ist natürlich auf Reisen sehr praktisch, stellt das System doch sofort auf die jeweilige Zonenzeit um. Steht gerade kein Netz zur Verfügung, so wird auch hier ein Quarz zur Verwaltung der Ist-Situation herangezogen. 

Info unter www.apple.com, Preise ab 449,– Euro


Ein würdiger Nachfolger 

Mit der Lancierung der Seiko „Astron“ im Jahr 1969 läuteten die japanischen Meister eine gänzlich neue Ära ein, welche die arrivierten Schweizer Institutionen der Uhrmacherei in ihren Grundfesten erschüttern sollte. Diese Grand-Seiko-Quarzuhr präsentiert sich als würdiger Nachfolger des damaligen Meilensteins. Wie bei allen Grand-Seiko-Modellen der noblen Zweitmarke des Uhrengiganten werden bloß feinste Ingredienzien zum Bau der Uhr verwendet, innen wie außen. Zeitgemäße 40 mm Durchmesser, ein unverwüstliches Stahlband und eine Wasserdichtigkeit von 10 bar runden das Bild stimmig ab.

Info unter www.seiko.at, Preis 3.100,– Euro