STIL

Die unsichtbare Gefahr!

Was wie der Titel eines ur aufregenden Kriminalromans klingt, soll lediglich auf einen der größten Feinde mechanischer Uhren hinweisen: Magnetismus!

Text: Philipp Pelz

Es ist schon erstaunlich, wie viele Komponenten auf so kleinem Raum Platz finden. Winzige Zahnräder, Wellen und Spiralen vollführen ein mechanische Ballett, alles zum Wohle präziser Zeitanzeige. Das pochende Herz jeder Uhr, der Ursprung des Ticktacks, ist die Gangpartie. Dort wird die Kraft der Zugfeder in Sekundenbruchteile portioniert. Wie oft pro Sekunde der Zeiger vorwärts läuft, wird genau hier entschieden. Das hängt maßgeblich von der Halbschwingungszahl der Unruh ab, also der Anzahl der Oszillationen pro Stunde. 28.800-mal gilt heutzutage als Standardmaß moderner Armbanduhren, was wiederum 4 Hz entspricht. In diesem Fall läuft der Sekundenzeiger achtmal pro Sekunde ein Stück vorwärts. Damit dies zuverlässig und mit höchster Genauigkeit vonstatten gehen kann, kommt einem Bestandteil eine besondere Bedeutung zu: der Unruhspirale. Dieses filigrane Teilchen sorgt dafür, dass der Unruhreif möglichst gleichmäßig hin und her schwingt. Dabei soll in verschiedensten Lagen eine Schwingungsweite von etwa 300 Grad erreicht werden. Gleich mehrere Feinde genauer Zeitanzeige versuchen jedoch, den Herzrhythmus zu stören. Dass etwa Schläge einen genauen Lauf nicht gerade unterstützen, ist ­sicher relativ klar. Golfer gelten diesbezüglich als größte Folterknechte mechanischer Fetische. Doch es gibt auch perfidere, unsichtbare Fieslinge. Temperaturschwankungen gehören dazu. Die hauchdünnen Spiralen reagieren auf Unterschiede in der Temperatur recht sensibel. Das liegt daran, dass Unruhspiralen meist aus Metalllegie­rungen bestehen, die wiederum unterschiedliche Schwingungs­eigenschaften bei unterschied­lichen Temperaturen aufweisen. Jede Abweichung von der Zimmertemperatur in beide Richtungen kann die Uhr also schneller oder langsamer laufen lassen. Der Einfluss unseres heutigen Haupttäters sorgt eigentlich ausschließlich für deutlich zu schnell laufende Uhren. Warum? Magnetfelder vermögen Metalle zu magnetisieren. Eine der Eigenschaften von Magneten ist es, dass Metalle ­einander anziehen. Geschieht dies mit einer Spirale, dann klebt sie förmlich zusammen, kann im Fall der Unruh nicht mehr frei atmen. So zappelt die kleine Spirale dahin und lässt Anker und Hemmung viel häufiger auslösen, was wiederum die Uhr viel schneller laufen lässt. Hysterische Angst­mache, sagen Sie. Das kommt doch nie vor! Tja! Tatsächlich sind die Uhrmacher des Landes immer häufiger mit magnetisierten Uhrwerken konfrontiert. Die Invasion unserer ­Lebensbereiche durch elektronische Helferlein, kraftvolle Induktionsherde, aber auch Magnetverschlüsse von Handtaschen, meine Damen, sind in der Lage, Unruhe in die Unruh zu bringen. Glücklicherweise können Geräte feststellen, ob eine Uhr magnetisiert wurde. Durch Gegenfelder kann dem Störenfried der Garaus gemacht werden, und Magneto wird nicht zum Mörder. Doch es gibt auch konstruktive Gegen­maßnahmen mit unterschiedlichen Strategien, und die wollen wir uns anhand von prominenten Beispielen ansehen.

Rolex Air King
König der Lüfte

Der Name Rolex steht seit der Gründung der Marke für äußerst zuverlässige und robuste Zeitmesser. Das Modell „Air King“ verkörpert diese Attribute auf perfekte Art und Weise. Auch hier steht der Pilot im Fokus, erkennbar an dem kontrastreichen, sehr gut ablesbaren Zifferblatt. Unsichtbar, da gut geschützt vom ikonischen Oyster-Stahl-Gehäuse und einem zusätzlich Mantel aus Weich­eisen: das präzise Manufakturwerk 3131. Hier gibt Rolex eine Ganggenauigkeit von +/– 2 Sekunden pro Tag an. Ähnlich wie beim Modell „Milgauss“ garantiert der Hersteller eine Resistenz gegen Magnetfelder bis zu einer Flussdichte von 1.000 Gauss. Auch wenn es schwer fällt, bei einem Preis von annähernd 6000,– Euro von einem Schnäppchen zu sprechen, aber die nahezu baugleiche „Milgauss“ steht für 7.500,– Euro in der Liste.

Material: Edelstahl
Durchmesser: 40 mm
Wasserdicht: 100 m
Preis 5.700,– Euro
www.rolex.com


IWC Pilot’s Watch Chronograph Spitfire
Der Navigator
Seit den 1940er-Jahren beschäftigt sich die International Watch Company eingehend mit Fliegeruhren im Militär­einsatz. Vor allem die Herausforderung von Ganggenauigkeit unter höchsten Belastungen, aber auch das oftmalige Kreuzen von hochmagnetischen Feldern im Flugeinsatz trieb normale Uhrwerke an ihre Grenzen. Eine Entwicklung, die IWC mit dem legendären Modell „Mark XI“ stoppte. Ein Weich­eisen­-
kern um das Uhrwerk, von oben abgedeckt durch das Zifferblatt, schützte das Kaliber vor magnetischen Einflüssen. Eine Technologie, die vielfach vereint auch in der aktuellen „Spitfire Chronograph“ ihre Anwendung findet (oben: Kaliber 69380 mit 46 Stunden Gangreserve).

Material: Bronze
Durchmesser: 41 mm
Wasserdicht: 6 bar
Preis 6.750,– Euro
www.iwc.com