AKUT

Das letzte Paradies

Eintritt frei zum Garten Eden dank des großen Gönners im Netz: Nie war Pornhub so beliebt wie heute, die Namen seiner Aktiven nahezu Haushaltsbegriffe. Aber wie cool ist das mächtige Portal wirklich? Und was ist ethischer Porno? Der WIENER checkte die Szene und besuchte Casey Calvert, ihres Zeichens Bachelor der Wissenschaften – und preisgekrönter Pornostar.

Text: Manfred Sax / Fotos: Casey Calvert

„Mein Arschloch und ich, wir sind Freunde“, sagt Casey mit sachlicher Stimme. „Ich liebe es anal, das machte ich schon, ehe ich die Unschuld verlor; und ich liebe große Schwänze, weißt du, dieses Gefühl, so richtig ­gedehnt und ausgefüllt zu werden.“ Sie steht in einem Studio mit kahlen Wänden, Kontrast zum kleinen Schwarzen, das sie trägt, und sie gibt sich guter Dinge, denn: „Heute krieg ich das Beste aller Welten – einen Haufen Blacks, große Schwänze, anal und DP.“


Dieselbe Casey, ein anderer Raum, im Hintergrund eine Bücherwand. „Männliche Sexualität ist genauso nuanciert wie die weibliche“, sagt sie. „Man sagt immer, wie schwer es ist, Frauen zufriedenzustellen, aber mit Männern ist es das Gleiche. Jeder Mann ist anders. Außer, sie haben ­einen kleinen Penis, das wird wohl immer ein Problem für sie sein.

Eingeschüchtert von den Pornohengsten? Total unnötig. Der Grund für die großen Schwänze im Porno ist nicht, weil größer besser ist, sondern weil sie die Kamera besser sieht.“

Noch einmal Casey, ein Zimmer mit Sofa, auf dem sie sitzt. „Es ist sehr unkompliziert bei mir“, sagt sie. „Es macht einfach Spaß, sich selbst zu erforschen und so die Einsamkeit zu genießen. Das werde ich heute machen.“

Dreimal Casey Calvert, an drei Locations, im gemeinsamen Nenner immer Porno. Im ersten Szenario ist die 30-jährige Schönheit aus Gainesville, Florida, als enthusiastische Protagonistin eines Gangbangs mit den Kollegen Isiah Maxwell, Sean Michaels und Rico Strong im Einsatz; ein Video mit Heimat im Portal GoFreeHard.com, das auf Pornhub geladen wurde und dortselbst 1.242.800+ Zugriffe aufweist. Kein Wunder. Unglaublich, was in ein paar Minuten so alles geschehen kann.

Im zweiten Szenario gestattet ­Casey dem WIENER einen Einblick in ihr Büro, wo sie die Branche mit den Augen einer selbständigen Produzentin und Regisseurin betrachtet und wo ihre Zukunft langsam eine interessante Gestalt annimmt, Stichwort „Tits-out Therapist“, wie sie sagt, aber dazu später.

Im dritten Ambiente ist sie für eine Produktion der fulminanten ­Indie-Pornografin Erika Lust im Einsatz, Titel: „Sex & Love in the Time of Quarantine“. Ein kompliziertes Projekt, erzählt die in Barcelona ansässige Schwedin dem WIENER: „Die Szenen mussten in den Wohnungen der Darsteller gedreht werden, das waren sechs Leute in vier Städten, wir schickten ihnen ein Skript mit Guidelines und schnitten dann die Szenen in Barcelona zusammen.“ Thema waren erotische Spiele, die den Lockdown in ein sexy Abenteuer verwandeln. Für Caseys Solosex-Szene sprang Gatte Eli Cross als Kameramann ein, kein Problem, Mister Cross ist ein hochkarätiger, in der „AVN Hall of Fame“ verewigter Pornoprofi.

Es tut sich was am Planeten Porno, auf den Portalen herrscht pausenlos Stoßverkehr, die Protagonisten melden Boom. Erika Lust registriert einen „durchschnittlich 30-prozen­tigen Anstieg der Besuchszeiten auf meinen Portalen“. (1) Bei Casey hat sich der Traffic „nahezu verdoppelt“ (Casey), und der Pornhub-Boom ist ein Kapitel, das die kanadischen Besitzer des Portals – die private Firma Mindgeek – gern mit Statistiken würzen. Seit 2019, als die Marke auf jährlichen 42 Milliarden, also täglichen 115 Millionen Besuchen stand, hat sich der Verkehr bis zu 24 Prozent erhöht (siehe Insights-Grafik).

Foto: Pornhub

Auch imagemäßig präsentiert sich der Gigant im gefälligen Licht, einmal die Spende von 50.000 Schutzmasken an Krankenhäuser, andermal gepostete „Bewusstseins“-Clips, wo Milfs zeigen, wie man sich die Hände wäscht. Sogar das Bäumesterben (Klopapier!) wurde bedacht, da offeriert das Portal „Wood“, also Holz, das ging einfach, „Wood“ ist ein anderes Wort für den Steifen. Im Frühling stellte Pornhub die (gebührenpflichtige) Premiumnische gratis zur Verfügung, mit simpler Botschaft zum Tag: Bleib zuhause, hab trotzdem eine gute Zeit. Gesten eines Riesen, der jene Art Durst löscht, über den in „normalen“ Zeiten niemand redet. Aber heute ist nicht normal. Heute ist jede Berührung eines anderen Menschen riskant. Da wird Pornoland vergleichsweise zum Paradies.

Pornhub-History
„Wer im Jahr 2000 noch kein Aids hat, ist ein Wixer“, prophezeite einst ein fideler Swinger, der die Redaktion besucht hatte. Das Jahr war 1987, die Aids-Paranoia im Hoch, das Porno-­Business auch, in der Garage des ­(damaligen) ÖKM-Chefs Peter Janisch stand ein Ferrari. Eine Zeit der horizontalen Krise, aber kein Vergleich mit heute. Man stelle sich den heurigen Lockdown im Jahr 1987 vor, im TV nur Corona, am Computer bestenfalls Tetris. Du willst dir ein paar einschlägige Magazine zulegen, nur hat die Trafik geschlossen. Dumme Sache, heute unvorstellbar; heute reichen ein paar ins Keyboard getippte Buchstaben, und du hast die Göttin deiner Wahl quasi am Schoß. Alles gratis, großteils dank Fabian Thylmann (41), einem Programmierer, der in den 1990er Jahren NATS (Next Generation Affiliate Tracking Software) entwickelt hatte, eine Software, die Webseitenbetreibern gehobenes Usertracking und Vernetzung gestattete. Es folgte die weitgehend ominöse Story vom rasanten Aufstieg eines unscheinbaren Nerds aus dem Rheinland zum „Zuckerberg des Pornos“. Hier die Kurzversion: Thylmann gründete 2010 das Start-up „Manwin“, ein Hedgefonds (!) drückte ihm 362 Millionen Dollar in die Hand (Thylmann: „Mehr, als ich brauchte, aber zu verrückten Zinsen.“(2)), Ankauf aller erwerblichen Pornoseiten, darunter Pornhub, RedTube und YouPorn, dazu etliche Produktionsfirmen. Die Zahl der weltweiten ­Belegschaft schwoll von 200 auf 1.200 Mitarbeiter an, 2013 führten 80 Prozent aller Pornosuchen zu Manwin. Im gleichen Jahr verkaufte er den Koloss um 73 Millionen Euro an die „Mindgeek“-Kanadier, deren Ziel, absolutes Monopol im Business zu erlangen, an Konkurrent „Xvideos“ (Besitzer: die tschechische Firma WGCZ Holding) scheiterte, der nicht nur 2012 das Kaufangebot Thylmanns (120 Mio. Dollar) abgelehnt hatte, sondern die Kanadier auch 2018 bei der Auktion um das bankrotte Penthouse-Imperium den kürzeren ziehen ließ (Kaufpreis: 11.2 Mio. USD). Damit schaffte Xvideos nahezu unbeachtet den Sprung zur meistbesuchten Pornoseite der Welt, knapp vor dem wesentlich eleganter aufgezogenen Pornhub.

Soll heißen: Planet Porno wird jährlich mindestens 100 Milliarden Mal besucht bei einer Weltbevölkerung von 7.8 Milliarden Menschen. Wir alle sind Wixer, könnte man sagen. Tatsächlich herrscht dieser Tage bei Erwähnung von Pornhub rare Positivität, sind Milfs wie Cory Chase gefühlt fast schon Familie, sie sind so verdammt verständnisvoll. Im Pornoranking der „verifizierten“ Models (Darsteller mit eigener Seite am Portal) schnellte Ms. Chase binnen Wochen von „unter ferner kopulieren“ auf den elften Spitzenplatz. Die Bedürfnisse der Kunden sind heute weniger hardcore, bestätigt Casey Calvert dem WIENER: „Ein Umstand hat sich total geändert. Die Klienten suchen mehr persönliche Verbindung, sie sind eher vanilla (= unaufregend, konventionell, Anm.) drauf.“ Das Pornoportal als tröstliche Pufferzone wider den Wahnwitz der Welt da draußen. Es war mal umgekehrt. Und alles kommt gratis in dein Zimmer! Rührend eigentlich, fast möchte man nach dem habituellen Neun-Minuten-Gig (laut Thylmann die durchschnittliche Besuchszeit (2)) noch einmal den Latz öffnen und etwas Holz zum Wohle Pornhubs beisteuern. Nur ist da noch was. Ein gewisses Unbehagen schwingt ­immer mit, zumindest sollte es das. Eine in der Szene herumgereichte Anekdote illustriert den Punkt: Es gab ein Girl aus Dakota, das ständig auf Pornhub war, aber keinen Darsteller namentlich kennen wollte. Warum? Wenn du ein Reh tötest, meinte sie, willst du dem Tier auch keinen Namen geben, sonst kannst du es nicht essen. Klar, dass die Story unter Darstellern und Filmemachern der Branche populär ist. In ihren Augen sind sie das Reh; die unverzichtbaren anonymen Stützen, ohne die das Geschäft nicht läuft, deren Existenz aber von den FreePorn-Giganten ruiniert wird. Pornhub & Co sind unfair und ­unethisch und teilweise kriminell unterwegs, sagen sie. Ja, es gibt ­so was wie ethischen Porno.

Ethischer Porno
Wie definieren Sie Porno-Ethik, Frau Lust? „Wenn ich einen Film drehe“, sagt die Indie-Produzentin, „kümmere ich mich um die Darsteller. Ich behandle sie nicht wie Sexmaschinen. Jede Szene wird besprochen, alle müssen einverstanden sein. Konsens also, das ist das eine. Frauen haben die Kon­trolle über ihre Körper, Männer sind nicht nur Penisse. Weiters müssen alle Mitwirkenden großjährig sein und einen Up-to-Date-­Gesundheits-Check haben. Und natürlich werden alle fair bezahlt.“ Bezahlung der Darsteller – ein Begriff, für den FreePorn-Portale kaum Antenne haben, weiß auch Casey. Sie ist bei Pornhub als Model verifiziert, hat aber nie ein Video hochgeladen. Dennoch ist sie multipel präsent. „Viele meiner Videos auf Pornhub werden von Firmen hochgeladen, für die ich mal arbeitete. Da verdiene ich nicht mehr mit“, sagt sie. Und beim Hochladen stecken die Tücken in den Details: „Du kriegst eine winzige, winzige Summe, wenn wer auf dich klickt. Aber nur bei selbst geposteten Videos auf der verifizierten Seite.“ Ein unbedeutender Nebenschauplatz, nicht mehr. „Nur bei etwa 20 Prozent dessen, was du auf Pornhub siehst, fällt für die Darsteller etwas ab“ (Casey). Ein großer Teil der anderen 80 Prozent der frei konsumierbaren Filme aber wird illegal von Fans hochgeladen, sind simple Piraterie, Datendiebstahl, Enteignung der Produzenten dieser Filme. ÖKM-Chef Thomas Janisch bekam die Konsequenzen früh zu spüren: „Ein großer finanzieller Schaden. Plötzlich fehlen auf deinen Sites, für die bezahlt werden muss, die Kunden. Klagen wegen Copyright-Verletzung gehen ins Leere, Gerichte fühlen sich nicht zuständig.“ Erika Lust ist ähnlich verstimmt: „Meine Filme werden ständig gestohlen und sind plötzlich gratis zu sehen, oft mit sexistischen Titeln und ohne Credits, niemand fragt um meine Einwilligung. Es enttäuscht mich maßlos.“ Populär unter den Piratenvideos: Rachepornos mit unfreiwilligen Darstellern. Content mit minderjährigen Models kommt vor. Das alles nicht wirklich mit Einwilligung der Portalbetreiber, allerdings halten deren Kontrollsysteme mit dem „Abholzen“ der Piraten-Uploads nicht Schritt, meint ein Insider: „Es ist, als würde man einen Wald mit einem Küchen­messer entforsten wollen.“

„Titten-raus-Therapeutin“
Das Internet mag das Leben der Pornomacher erschwert haben, aber es offerierte auch einen Weg, engere Kontakte mit den Kunden zu knüpfen. Casey Calvert geriet auf so einen Weg. Die Produzentin, Regisseurin und Aktrice mit abgeschlossenem Studium im Portfolio macht maßgeschneiderte Videos für Kunden. Es hat sich so ergeben, erzählt sie dem WIENER. Ihr Einstieg war sanft, sie ist ein „Spiegler-Girl“, das heißt, sie heuerte bei Mark Spiegler an, einem Topagenten der Branche. Im Fetisch-Bereich fand sie bald eine persönliche Nische, zunächst mit submissivem Touch. Für die japanische Kollegin Akira ist die dreifache AVN-Award-Preisträgerin eine der stärksten submissiven Darstellerinnen aller Zeiten.(3) Aber im Lauf der Jahre änderte sich die Szene: „Die Kunden suchen immer mehr den persönlichen Kontakt. Bei den Fetischen war es lange nur mehr vom Gleichen, aber vor allem jetzt wollen sie, dass ich mit ihnen rede.“ Ein Trigger-Moment war der Wunsch eines Kunden, doch ein Video zu machen, in dem sie mit Staubsauger im Zimmer unterwegs ist. Fast schon pervers, aber sie machte es, und der Kunde war happy. Viele Fans wollen Lebenshilfe, „die wollen zum Beispiel Analverkehr mit der Freundin versuchen und möchten wissen, wie das geht“ (Casey). Und apropos Know-how: „Ich mache viele Onanie-Videos, ich sage ihnen, wie schnell oder langsam sie masturbieren sollen.“ Im Ernst? Heißt das, sie erklärt Männern den Penis? Nicht so, sagt sie, „es ist mehr eine Dominatrix-Vibe.“ Das sei ein Trend, Männer erforschen häufiger ihre submissiven Seiten. Aber vor ­allem wollen sie, dass Casey zu ihnen redet, über aktuelle Dinge, „dann mach ich ein Video, in dem ich seine Freundin spiele, die traurig ist, weil sie nicht bei ihm sein kann. Klimawandel und Pandemie sind auch häufige Themen.“ Und einmal verlangte ein Kunde fürs Video nach Maß nur, dass die Pornodarstellerin sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden platziert und sagt: „Du wirst geliebt, die Zeiten sind gerade schlimm, aber es werden bessere Zeiten kommen, Selbstmord ist nicht die Antwort.“ Alles Dinge, die du weniger mit Pornostars, mehr mit Psychotherapeuten in Zusammenhang bringst. „Oh ja, das sag ich auch immer. Pornodarsteller sind Titten-raus-Therapeuten, finde ich. Das hab ich auch drauf, ich kann Empathie.“ An sich logisch. Pornogirls kennen die Untiefen des Mannes viel intimer, als Therapeuten es je verstehen würden. Warum eigentlich den Berufstherapeuten so viel Geld nachwerfen, wenn Casey nur einen Knopfdruck entfernt ist? Alles, was du brauchst, ist ­etwas Fairness. „Genau so, wie du für Spotify oder Netflix zahlst, solltest du auch für Porno zahlen“, sagt Casey. Dann kommt sie zu dir, nämlich genau so, wie du sie willst. Denk daran, wenn du das nächste Mal auf Pornhub wichst.


(1) Erika Lust: X-confessions, LustCinema, EroticFilms – via www.erikalust.com
(2) Thylmann live: www.youtube.com/watch?v=Kj542-yArUI
(3) Akira Podcast: www.stitcher.com/podcast/the-pornhub-podcast-with-asa-akira/e/68214308?­autoplay=true#/