GENUSS

Alternative Shakten

Wenn im Garten alle Gin Tonic ­trinken, stöhnt der WIENER-Leser: Das ist doch so 2018! Stattdessen gibt’s Cocktails, die bekannte Geschmacksbilder mit anderen Zutaten … äh … mixen.

Text: Roland Graf / Foto Header: Getty Images

In billigen Magazinen für Lesefaule steht gerne eine Zusammenfassung der Artikel in drei Zeilen daneben. Das gibt es hier nicht; um knapp sechs Euronen darf der p. t. WIENER-­Leser (ja, die -Leserin auch!) die gesetzten Worte kundiger Fahrensmänner auf der Achterbahn namens Leben in voller Länge erwarten. Eine Abkürzung erlauben wir uns aber doch: nämlich den Hinweis für alle, die zwei linke Hände an Shaker und Eispickel haben. Cocktails liefert die „Josef“-Bar ab sofort bundesweit(!). Auch einen einzelnen „Old Fashioned“, wer derlei Leibestrost braucht. Schlag nach ­unter www.bottledcocktail.net!


Die kantigen Flaschen, die Andrea Hörzer und Philipp Ernst mit professionell Gemixtem versehen, erweitern aber auch den Getränkekosmos. Der Shootingstar der letzten Jahre im Tumbler kommt beim Wiener Duo etwa als „Styrian Negroni“ daher. Und mit der ge­heimen Erdnuss-Infusion wird der „Old Fashioned“ zu einem „Snickers Old Fashioned“. Dieser Schritt heißt unter Barprofis „Twist“. Eine ein­zige Zutat wird abgewandelt, und schon hat man einen neuen Drink, der aber nicht mit komplett neu zu lernendem Geschmacksinventar aufwartet. Der Mensch ist schließlich Gewohnheitstrinker.

Zum Glück für den passionierten Heimmixer braucht das Cocktail-Rad nicht neu erfunden werden – sondern lediglich zurückgedreht werden. Denn vor dem allgegenwärtigen ­„Negroni“ gab es schon den „Milano-­Torino“, der mit Soda statt Gin auskam. Und ehe alle sich in die skrupulöse Diskussion der besten Zeste für den „Gin & Tonic“ vertieften – von rosa Pfeffer und Gurken reden wir gar nicht –, trank man „Gin Fizz“. Schöner Nebeneffekt für Grillpartys: Man kann sich nicht nur bei Steak-Cuts und Garzeiten als hemmungsloser Nerd gerieren, sondern auch schon beim Aperitif davor. Und so bietet unsere alkoholische Lebens­hilfe nicht nur vier fremd-vertraute Rezepturen für die postcoronare ­Gartenparty, sondern liefert den Smalltalk gleich dazu. Und nie mit den Eiswürfeln sparen!

CANCHÁNCHARA
Kein Sommer ohne Rum! Doch bevor es Daiquiris und Mojitos gab, stärkten sich Kubas Plantagen­arbeiter mit Rum, Limette und Honig aka „Canchánchara“.

Foto: Getty Images

Zutaten:
6 cl weißer Rum
2 cl „Runny Honey“ (= Honig, in heißem Wasser aufgelöst) oder 2 Teelöffel Honig
2,5 cl frischer Limettensaft

Zubereitung:
Alle Zutaten werden direkt im Glas miteinander verrührt. Wird mit Honig gearbeitet, diesen erst auflösen lassen, erst dann Eiswürfel hinzugeben. Nochmals umrühren.

Tipp:
Wer Kalebassen besitzt, richtet stilecht in den ausgehöhlten Kürbissen an. Ebenfalls authentisch sind Tontassen (z. B. vom peinlichen alten Tee-Service, an dem man sich immer die Hand verbrannte). Und, mit Trump’schen Sendungs­bewusstsein hinzugefügt: Kein Cocktail passt besser zu kubanischen Zigarren!


RAMOS GIN FIZZ
Barkeepers hassen diesen Drink vor allem, wenn er für eine Runde gemixt werden soll. Allerdings: Er ist erfrischend wie ein Sorbet – und gehört ähnlich schnell weg (wegen dem Eiweiß wär’s)!

Foto: Getty Images

Zutaten:
6 cl Gin
5 Spritzer (Dashes) Orangenblütenwasser
2 cl Zuckersirup
1,5 cl Zitronensaft
1,5 cl frischer Limettensaft
1 Eiweiß
2 cl frisches Obers
Sodawasser

Zubereitung:
Bis auf Soda und Orangenblütenwasser (kommt später!) alle Zutaten in einen mit Eis gefüllten Shaker geben. Mindestens eine Minute(!) kräftig schütteln und dann ins Glas abseihen. Jetzt mit Soda auffüllen und Orangenblütenwasser auf den – hoffentlich mächtigen – Schaum träufeln.

Tipp:
Orangenblütenwasser bekommt man entweder in der Drogerie oder beim Orient-Gewürzhändler des Vertrauens.


ISLAY MULE
Lassen wir den Damen ihre Gin ­Tonics mit Beeren, Gurken und Blüten – das ist der Longdrink für die Freunde rauchigen Whiskys.

Foto: Getty Images

Zutaten:
4 cl Islay Single Malt
2 Limettenspalten
0,2 l Ginger Beer (nicht Ginger Ale!)

Zubereitung:
Limetten leicht andrücken und mit Eis ins Glas geben, Whisky kalt rühren und mit Ginger Beer auffüllen.

Tipp:
Statt dem für „Mules“ üblichen Kupferbecher, der sich im Sommer schnell aufheizt, lieber einen Keramikbecher (im Notfall: Kaffeehäferl!) nehmen.


SCOFFLAW
Wer „Negroni“ oder die Whisky-Variante „Boulevardier“ mag und gern g’scheit redet: Der „Gesetz-Verspotter“ entstand 1924. Perfekt also als Gedenkschluck anlässlich „100 Jahre US-Prohibition“.

Foto: Cocktail Kit

Zutaten:
4,5 cl Roggen-Whisky (für historisch Korrekte: Canadian Rye, für Patrioten: österreichischer)
2 cl trockener Wermut (z. B. Dolin)
2 cl Zitronensaft
1,5 cl Grenadine
2 Spritzer (Dashes) Orange Bitters

Zubereitung:
Den Whisky mit Wermut, Zitronensaft, Grenadine und Bitters auf Eis shaken, bis die Mischung kalt ist. In ein vorgekühltes Cocktail­glas abseihen und mit der Zitronenschale garnieren.

Tipp:
Wir mixen die Version von Julie Reiner aus dem New Yorker „Clover Club“. Ihr Soundtrack zum Drink: Swingendes von Duke Ellington oder Count Basie.