AKUT

Die Hyperaktive

Nunu Kaller ist Buchautorin, Öko­aktivistin, Influencerin, Feministin und noch viel mehr. Die Umtriebige hält sich selbst und ihre Follower auf Trab.

Datum: 12. 9. 2020
Ort: „Café Engländer“, Wien
Interview: Manfred Rebhandl
Fotos: Maximilian Lottmann

wiener: Sie sind eine sehr viel­seitige Person. Gehen wir also ein paar Ihrer Rollen durch, bis wir am Ende zu „Sie sind auch Feministin“ kommen werden …
kaller: Na, das wird sicher früher vorkommen, verlassen Sie sich drauf.


Sie sind also zunächst eine Macherin. Was haben Sie heute schon ­gemacht?
Ich habe ein paar E-Mails geschrieben und zwei Texte. Ich habe gefrühstückt und mein Bade­zimmer nicht geputzt.

Nur Avocados gefrühstückt oder auch ein bissel eine Wurscht?
Das ist sehr spannend, was Sie mich da fragen.

Na klar, Sie sind ja auch Influen­cerin, Sie müssen uns das sagen.
Das finde ich lustig, dass Leute deswegen glauben, Sie hätten Anspruch auf jegliche private Information, wenn man mit einem bestimmten Thema in die Öffentlichkeit geht. Das spielt’s bei mir aber nicht!

Also keine Wurscht?
Nächste Frage!

Einmal nur einen normalen Tag zu durchleben, ohne etwas zu machen oder zu beeinflussen oder zu kampagnisieren – geht das?
Das mache ich ständig. Weil immer im sechsten Gang, das geht nicht. Das kenne ich zwar auch, und ich gehe auch immer wieder gerne über meine Grenzen, aber das ist der Vorteil des Älterwerdens: Man lernt langsam seine Grenzen kennen. Oops. Das ist das erste Mal, dass ich in einem Interview den Begriff „Älter­werden“ verwende.

Dann wollen wir das Thema vertiefen. Wie geht’s Ihnen denn mit dem Älterwerden?
Definieren Sie Älterwerden.

Na ja, Sie sind jetzt auch nicht mehr die Jüngste …
(Lacht.) Da haben Sie recht. Das Leben ist hart als Enddreißigerin. Wie alt sind Sie denn?

Nahe 60, weit über den Berg. Sie haben hingegen das Leben noch vor sich. Blicken Sie mit Freude oder Sorge in die Zukunft?
Pffff. Da will ich Gunkl zitieren: Ein perfektes Leben ist langweilig.

Wen?
Gunkl. Der hat grad ein wunderschönes Interview im „Falter“ ­gegeben.

Mit dem kann ich gar nichts ­anfangen.
Mit dem „Falter“?

Mit dem Gunkl. Sie sind weiters Spontane-Ideen-Umsetzerin – was geht Ihnen gerade für eine Idee durch den Kopf?
Ich finde gerade sehr spannend, dass ich an eine Gruppe von Menschen geraten bin, die sagt, wir warten jetzt nicht auf die Politik, wir suchen selber nach Wegen, wie wir den Menschen aus Moria raushelfen können. Die Chancen, dass wir es schaffen, schätze ich nicht allzu hoch ein. Ich finde es aber wahnsinnig wichtig, Engagement zu zeigen. Nur sudern über die Untätigen da oben bringt ja auch nix.

Man merkt, dass Ihnen das sehr nahe geht. In den sozialen Medien wirken Sie manchmal fast ein bisschen desperat.
Desperat würde ich jetzt nicht sagen, aber ich habe einen sehr hohen Grad an Empathie, das ist richtig, ich gehe aber auch sehr schnell in die Wut. Ich bin also lieber wütend als traurig, denn die Wut aktiviert mich. Und bei Moria bin ich stinksauer, das zeige ich auch. Ich bin eine Extrovertierte und hole mir meine Energie daraus, mit anderen zu kommunizieren. Ich bin definitiv keine Einzelgängerin, was während der Corona-Situation natürlich sehr belastend war.

Belastend bis nahe an die Depression, wie Sie vor zwei Tagen schrieben und wofür Sie auch stark angegriffen wurden.
Es geht mir halt auf die Nerven, dass Menschen, die sehr viel auf sozialen Medien unterwegs sind, und zu denen gehöre ich, immer nur die guten Seiten zeigen. Und so ist es, sorry, einfach nicht. Wer mich angreift, weil es mir nicht gut geht, da ist die Person die Arme bzw. der Troll.

Wie gehen Sie mit denen um?
Genauso, wie ich mit Leuten im richtigen Leben umgehe: Du brauchst nicht in mein Büro kommen und mir einen großen Krapfen hinscheißen, bzw. halt für die Trolle: Ihr braucht das nicht auf meinem Profil tun. Auf Wiederschaun. Ich mag einfach, wenn mir Leute zuhören, wenn ich Dinge bewege, die in meinen Augen sinnvoll sind.

In Ihren wunderbar grünen Augen, wenn ich das so sagen darf, ohne mich einer Feministin gegenüber in Gefahr zu bringen: Darf man Ihnen solche Komplimente machen?
Man darf, und ich kann mich dann entscheiden, ob ich es annehme.

Und?
Ich überleg’s mir.

Als altes Hausmittel gegen jeg­liche Belastung kennt der Österreicher den Wein. Haben Sie ihm verstärkt zugesprochen während der Krise?
Ich hab mir gleich zu Anfang gedacht: Du wohnst allein, wenn du dir jetzt eine Flasche Wein zuhause aufmachst, dann könnte das im Drama enden, also nein. Ich habe nur hin und wieder ein Gläschen getrunken, wenn ich durch mein Fenster mit der Hausmeisterin im Hof geredet habe, „unter Leuten“ sozusagen.

Sie sind auch Konsumkritikerin. Haben Sie Ihre Kleidung heute nach Kriterien der Nachhaltigkeit ausgewählt?
Nachdem ich 2012 mein Buch „Ich kauf nix!“ geschrieben habe, habe ich viele neue, aber fair produzierte Designersachen gekauft, jetzt kaufe ich fast nur noch Secondhand. Habe also die in mir definitiv auch lebende Lifestyle-Tussi mit dem weitaus größeren Anteil des Gerechtigkeitsmenschen in mir zusammengeführt.

Dann kann man sagen, dass Sie ein auf Nachhaltigkeit bedachtes Modepupperl sind?
(Lacht schallend.) Das ist so falsch auf zu vielen Ebenen, dass ich gar nicht anfange, zu antworten.

Sollte man vielleicht manchmal nachsichtig statt nachhaltig sein?
Ich hab ein Problem mit Fundamentalismus, und es ist auch bei „meinen“ Themen nicht gut, wenn ich sie mit missionarischem Eifer verfolge.

Für eine Konsumkritikerin sind Sie ganz schön Facebook- und Insta-süchtig. Wie läuft’s denn dort mit den Männern? Werden Sie oft angeschrieben?
Die Menge der Dick Pics variiert sehr stark.

Haben Sie gerade Dick Pics gesagt?
Dick Pics, ja.

Wie viele kommen denn rein am Tag?
Also sagen wir so: Eine Woche ohne Dick Pics gibt’s nicht.

Dann ist die Sammlung schon recht ansehnlich?
Es gibt keine. Ich lösche alle.

Wieso?
Weil es ur langweilig ist.

Kommen die abgebildeten Prachtstücke erigiert oder schlaff?
Wieso wollen Sie das wissen?

Weil ich vom Männermagazin Sie als Frau nun bitte, uns Männern letztgültig zu sagen, was ein gutes Dick Pic ist?
Ich finde schlicht und einfach nicht, dass es das gibt.

Im Ernst?
Ich finde das extrem respektlos, und es ist im Endeffekt nur ein Machtspiel. Oder glauben Sie ernsthaft, eine Frau sieht ein Dick Pic und denkt sich: Bist du deppert! Den will ich vögeln!

Deswegen verschicken wir sie doch!
Ihr?

Also sie, die Männer. Die anderen …
Ich hab jedenfalls noch nie ­deswegen einen angerufen.

Man hört das ja immer wieder von Frauen, dass sie das nicht so prickelnd finden, aber glauben kann ich es fast nicht.
Ist so!

Gibt’s Fame Dick Pics?
Ich hab noch keines bekommen.

Reden wir über ein anderes Geschlechtsmerkmal: Auf Insta schrieb einer „Frau Kaller hat eine sehr schöne Oberweite.“ Dazu ­sagen wir erstens: Ja …
(Lacht.) … das war jetzt nicht einmal schlecht als Kompliment …

… und zweitens: Wie geht eine Frau damit um?
Man reagiert darauf eigentlich nicht. Aber ich habe diesen Kommentar gepostet, weil er ein perfektes Beispiel dafür ist, wie solche „Komplimente“ dafür genützt werden, Frauen in politischen ­Diskussionen zu delegitimieren. Klassischer Troll.

Das war ein Troll?
Ganz sicher!

Ich tu mir da so schwer. Also, wenn mir eine schoarfe Russin schreibt, dann …
… wäre ich vorsichtig. Es könnte sehr wahrscheinlich keine schoarfe Russin sein.

Sie zeigen sich auf Fotos gerne in schöner Bademode.
Na und?

Ich meine nur, weil Sie ja Feministin sind.
Na und? Sie haben eine vollkommen verengte Sicht auf die Dinge. Feministin zu sein, heißt ja nicht, dass ich hochgeschlossen dasitze und mit allem Ernst die Probleme der Welt diskutiere.

Was ist dann Feminismus? Bitte um eine Erklärung, die wir alle verstehen.
Das ist ganz einfach, passen Sie auf: Feminismus ist der revolutionäre Gedanke, dass Frauen und Männer gleich viel wert sind und gleich behandelt werden sollten.

Der Meinung bin ich auch.
Dann sind Sie Feminist.

Bin ich sowieso. Wann werden wir endlich so weit sein, dass alle gleich behandelt werden?
Ich war schon mal optimistischer, dass es schneller geht als zurzeit. Ich sehe da schon einen sehr festen Backlash in Richtung „Na, meine Frau ist eh zuhause und kümmert sich um das Homeschooling“ jetzt im Lockdown, Zitat eines ÖVP-Politikers. Und die Geschlechterrollen werden wieder strenger, Lieblingsbeispiel Lego: Das waren kleine ­Blöcke, und du konntest alles bauen, was dir eingefallen ist. Und das Werbemädchen war eines in Ringelshirt und Latzhose, so Tom Boy. Und jetzt gibt’s Lego Technik für Buben und Lego Rosa für Mädchen, aber das Freie, mach du selber was, ist weg. Es ist wieder alles rosa und hellblau. Das sehe ich kritisch. Darüber hinaus heißt Feminismus für mich auch, andere Frauen zu bestärken, und das tue ich mit solchen Bildern. Es wird uns Frauen permanent eingeredet, dass sie zu dick oder zu dünn sind, zu laut oder zu leise, zu blond oder zu wenig blond, was auch immer, aber du bist immer falsch …

Das Problem haben wir Männer auch, dass wir zu klein oder zu groß sind …
Ja, aber das sieht man auf der Straße nicht, und Sie werden in der U-Bahn deswegen nicht beschimpft. Dabei ist es völlig okay, wie wir alle sind.

Wir sind also beide Feministen, die sagen: Ein schönes Foto ist ein schönes Foto.
Natürlich. Ich lass mir auch als Feministin nicht das Gefühl für die eigene Sexyness wegnehmen.

Setzt man das dann auch um …
… Ich habe noch nie meine Brüste für ein Projekt eingesetzt, falls Sie darauf hinaus wollen!

Aber die grünen Augen?
Das ist mir zu klischeebehaftet. Ich agiere, wie ich agiere. Aber ich habe schon oft gehört, dass ich zu direkt, zu laut bin.

Ist der Mann im Allgemeinen in ­einem guten Zustand? Was meinen Sie als Frau?
(Lacht schallend.) Ich glaube nicht. Sehr viele Männer werden von Gleichberechtigung stark ­verunsichert.

Merken Sie es am Flirtverhalten der Männer?
Es gibt einerseits die, die die starke Frau in mir knacken wollen, Motto: Die schaffe ich, die kriege ich klein – was noch selten einem gelungen ist. Und die anderen sind die, die von mir gerettet werden wollen.

Was beeindruckt Sie an Männern? Teure Uhren, schnelle Autos?
Nein. Mich beeindruckt man mit Intelligenz, Witz und Selbstironie.

Wenn wir schon von Männern reden, dann von allen Varianten inkl. der Variante Bundeskanzler. Wie g’fallt Ihnen der?
Als Mann würde ich ihn auf der Straße nicht einmal wahrnehmen, der ist so genau gar nicht meine Kategorie.

Auch nicht, wie er geht?
Vor allem das nicht.

Sie waren gerade als Umwelt­aktivistin auf den Philippinen, als Ihnen die Idee zum Buch „Fuck Beauty“ kam.
Jetzt kommt sicher die Frage, warum ich fliege.

Nein. Warum Ihnen die Idee dazu kam.
Also ich war dort im Anschluss an eine große Konferenz, bald hab ich gemerkt, dass die Philippinen ein bisschen das Mallorca der Chinesen sind, die sind dort in Scharen herumgelaufen, von oben bis unten eingepackt und dann noch einen Riesenhut drauf gegen die Sonne. Schwimmen können die alle nicht, also hat man sie noch in Rettungswesten gepackt und zusammengehängt, und so sind die Schnorcheln gegangen. Und ich, groß, blond, europäisch, mitten drin. Das Tauchen war herrlich, aber außerhalb vom Wasser hab ich mich unwohl gefühlt, mein Körper hat ja die Tendenz, dass er im Sitzen ein bisschen auseinanderfließt. Da hab ich mir eben beim Sitzen an einem Tisch gedacht: Fuck, du bist da in der wunderschönsten Gegend der Welt, und du fühlst dich trotzdem unwohl wegen deinem Körper? Was ist denn das für ein Schas? Wie deppert bist du eigentlich? In diesem Moment haben sich meine Sinne wieder nach außen orientiert.

Wobei wir vom österreichischen Männermagazin ja wissen, dass der heimische Mann nicht auf die Magermodels steht, sondern auf Barbara Karlich.
Das ist auch eine wunderschöne, großartige Frau!

Sie sind also auch Buchautorin. „Wenn man sich selbst liebt, strahlt man das aus und erlebt schönere Dinge“, schreiben Sie. Das klingt nach Hausfrau, die sich ein bisschen Mut machen will.
Es ist mir völlig wurscht, ob es eine Hausfrau, eine Bankerin, eine Rektorin ist – es gilt für jeden Menschen auf der Welt. Übrigens auch für Männer. In dem Moment, in dem dein Fokus weggeht von der Angst, wie andere dich sehen könnten, nimmst du anders wahr.


Nunu Kaller
wurde 1981 in Niederösterreich geboren und wuchs in Wien auf. Dort studierte sie Anglistik, Publizistik und Geschichte, danach arbeitete sie zwei Jahre bei der Tageszeitung „Die Presse“. Später war sie Campaignerin bei Global 2000 und Greenpeace. 2013 veröffentlichte sie ihr erstes Buch „Ich kauf nix“, das mittlerweile in 6. Auflage erhältlich ist. 2018 schrieb sie „Fuck Beauty!“ und setzte sich darin kritisch mit dem Thema Schönheit und Frauen auseinander.