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Manfred Rebhandl im Interview

Manfred Rebhandl empfängt zum Interview in seiner Hood, dem Nibelungenviertel im 15. Wiener Gemeindebezirk hinter der Stadthalle. Wäschemädel und Mistkübler winken ihm zu, während er über sein neues Buch und die schönen Krawatten redet, die er zu Dutzenden besitzt.

Datum: 2. 3. 2020
Ort: Kulturcafé Kriemhild, 1150 Wien
Interview: Mariandl
Fotos: Maximilian Lottmann

mariandl: Darf ich Sie zu Beginn unseres Gespräches auf ein Achterl einladen?
rebhandl: Jetzt schon ein Achterl? Hören Sie, ich bin kein Nachmittagstschecherant, aber gut, bitte ein Achterl halt. Ich hab mich ja gestern angesoffen wie ein Radierer, und zwar da drüben hab ich mich angesoffen in dem neuen Nobelrestaurant „Franzundjulius“, kennen S’ das? Ein tolles Omelette haben die zum Frühstück, mit so einem Spinat an der Seite, wirklich ­exquisit, dazu Orangensaft und alles. Sie können da drüben frühstücken, Sie können Mittagessen mit Schinkenfleckerln, Sie können eine Jaus’n haben, Sie können alles da drüben haben, und hier im „Café Kriemhild“ selbstverständlich auch. Ich glaube, ich finanziere da im Nibelungenviertel alleine zwei Ober im Monat. Kennen Sie sich aus da im 15.? Na, ich seh schon, Sie kennen sich nicht aus da im 15. Bezirk, wo die feinen Leute wohnen, das merke ich gleich. Da oben wohnt der Herr Bezirksvorsteher, da drüben wohnen ein paar andere Partei­granden oben am Juchee vom ­Genossenschaftsbau. Die trinken natürlich lieber den Champagner vom Meinl am Gaben drinnen, die Jahrgangscuvée kostet, was weiß ich, 160 Euro, und die normale Flasche immer noch 80, glaub ich. Für Sie einfach nicht leistbar, da müssten Sie schon ein Roter sein oder ein Kriminalschriftsteller, damit Sie sich das leisten können.


Was macht ein gutes Kaffeehaus für Sie aus?
Ein gutes Kaffeehaus muss man besuchen können von in der Früh bis nach Mitternacht. Da wird das Wasser ausgetauscht, man kann Zeitungen lesen, und man kann Menschen treffen. Manchmal trifft man halt auch leider welche wie Sie, die ich nicht so gerne treffe wie etwa die da drüben, küss die Hand. Die hat mir gerade zugezwinkert, haben Sie das gesehen?

Die dort drüben?
Nicht die dort drüben, die da drüben! Aber das eine sag ich Ihnen: Die ist keine für eine Nacht, das braucht Vorbereitung bei der, Verständnis, ein bisserl ein Make-­up und eine Schlafmaske, wie man sie im Flugzeug trägt. Und am Ende kriegt sie ein Ildefonso, wenn es schön war. Oder eine Mignonschnitte. Bis vorhin hab ich mich fantastisch unterhalten mit den Damen, die da in der ­Allee mit den Hundsis Gassi gehen, aber Sie haben die ganze gute Atmosphäre jetzt runter­geholt auf Eiszeit mit Ihrem Schal, der ist ja furchtbar. Ist der türkis? Sie schauen insgesamt furchtbar aus, da schmeckt einem ja die Torte nicht mehr, wenn man Sie so anschaut. Meine Krawatte hingegen ist eine Mischung aus Bohème der Vorstadt und Intellektualität, eine einmalige Mischung. Ich kriege Dankesbriefe für meine Krawatten, habe Dutzende davon!

Für Ihre Frisur auch?
Für meine Frisur nicht, was soll die Frage überhaupt? Ich hab halt nicht mehr Haare, aber die Damen fahren mir natürlich trotzdem gerne durch mein Haar, wenn Sie schon so deppert fragen. Aber angehen tut Sie das natürlich einen Schas. Seh’n Sie, die da drüben, eine Hofratswitwe, die steht auch auf mich, küss die Hand! Der Gatte hat jahrelang für den Rüstungskonzern gearbeitet, ein Schwarzer, heute Türkisener, da kommt was zusammen über die Jahrzehnte, es gilt natürlich die Unschuldsvermutung. Jetzt macht sie alle zwei Wochen eine Kreuzfahrt und nimmt mich alle vier Wochen mit, Spitzbergen, Hawaii, Costa Cordalis, Grüß Ihnen Gott! Wir sind nach wie vor per Sie.

Was haben Sie da im Sackerl?
Ich war gerade beim Hofer drüben, wo ich Ildefonsos und Mignonschnitten für die Damen kaufen wollte, aber die sind leider alle ausverkauft, und der Gemischte Satz auch. Ich weiß gar nicht, was ich mehr brauche: Die Mignonschnitten oder den Gemischten Satz. Wegen der fehlenden Mignonschnitten wahrscheinlich den Gemischten Satz, aber der ist ja ausverkauft.

Haben Sie auch Angst vorm Coronavirus?
Was für eine dumme Frage! In Österreich kann ja gar niemand Corona kriegen, weil wir ja unseren wunderbar starken Bundeskanzler Dr. Sebastian Kurz haben. Was glauben Sie denn, was der mit dem Corona macht, wenn der über die Grenze will? Klatsch, Klatsch, Zickezacke Ritscheratsche, den schmeißt er filetiert zurück über die Grenze! Der Dr. Kurz hat doch die Coronaroute längst geschlossen! Ewiger Dank an den Herrn Dr. Kurz, jetzt kann ich da in Ruhe herumsitzen, schauen S’, die da drüben, die steht auch auf mich! Küss die Hand! Ihr Hundsi heißt übrigens Herbert, wuff, wuff. Komm her, Herbert, magst eine Knackwurscht? Die ist nämlich nicht ausverkauft.

Darf ich einwenden: Erstens gibt es mittlerweile 16 bestätigte Fälle von Corona in Österreich, zweitens ist der Herr Bundeskanzler kein Doktor, weil er ja weder was studiert noch gelernt noch jemals etwas Richtiges gearbeitet hat.
Sehen Sie, zwei Mal Fake News! Fake News! Wie wenn irgendwo auf der Welt jemand, der nichts kann und nichts gelernt hat, ­Bundeskanzler werden könnte! Fake News!

Na gut. Wie schaut Ihr Tages­ablauf aus?
Das geht Sie wirklich einen Schas an. Aber ich schlafe, bis es weh tut, was schon Fußball­gott Carsten Jancker als sein Hobby bezeichnet hat, da bin ich ganz Rapidler. Dann esse ich ein Menüdschi im „Gasthaus Mader“ drüben, entweder das Schweinsbraterl oder das Cordon, jeweils mit Sagi …

… Was ist Sagi?
Na geh bitte, wissen S’ echt nicht, was eine Sagi ist? Sprechen Sie überhaupt Deutsch? Eine Salatgarnitur ist das natürlich! Manchmal ess ich aber auch einfach nur den panierten Toast, den es dort auch gibt, aber passen S’ auf mit dem panierten Toast, da kriegen S’ schnell Sodbrennen.

Okay, und dann?
Dann leg ich mich wieder nieder, was glauben Sie? Anschließend mache ich Social Media, und dann schaue ich eigentlich die ganze Zeit „Two and a half Men“ und „Simpsons“. Dazu ein, zwei Flascherl Gemischter Satz, falls er nicht ausverkauft ist. Schaun S’, die da drüben steht auch auf mich, das ist die Erbin von der „Gosse“, einer Gratiszeitung, eine fesche Frau, sehr fesch. Für Sie natürlich unerreichbar, weil so, wie Sie ausschauen mit Ihrem türkisen Schal, schaut Sie ja ­sicher keine an.

Herr Rebhandl, Sie haben gerade einen neuen Krimi herausgebracht, SOMMER OHNE HORST. Worum geht’s?
Es geht im Wesentlichen ums ­Einschmieren in meinem Buch, verstehen’s? Um’s Popotschieinschmieren im Schwimmbad. Eine Kulturtechnik, die ein bisserl aus der Mode gekommen ist, weil du ja heute schon dem Strafrichter vorgeführt wirst, kaum, dass du eine anschaust oder ihr ein bisserl zuzwinkerst. Aber in meinem Buch wird noch eingeschmiert, dass das Tiroler Nussöl nur so in die Liegewiese hineinrinnt. Und der Chef von den Einschmierern im Schwimmbad ist eben der ­Bademeister Horst, der ein bisserl ausschaut wie der große Bruder vom Hulk Hogan. Er hat einen Arsch aus Eisen, auch wenn ihm natürlich die Haut mittlerweile ein bisserl hinaushängt aus dem Bademeistertanga und er sich die Haare nachfärben muss – er geht ja schon auf die 60 zu. Einziger Fehler, der sich in seinen Bauplan eingeschlichen hat: Er neigt zum Heuschnupfen, hat also eine ­Hatschi-Allergie.

Und dieser Bademeister verschwindet plötzlich in Ihrem Buch?
Er ist ja der beste Freund von meinem Helden, dem Superschnüffler Rock Rockenschaub, Rock wie der Felsen. Der zieht sich im Sommer immer die grüne Rapid-Hose aus den 80er-Jahren an, die er noch besitzt, neben den einmalig schönen Schenkeln, die er auch besitzt, und fährt hinaus ins Bad, wo er gepflegt seine Ruhe haben will. Die Ruhe ist ihm sehr wichtig. Da habe ich eine Figur entworfen, die im Prinzip ganz anders ist als der von mir so geschätzte Bundeskanzler Dr. Kurz, der es ja wie ich überhaupt nicht leiden kann, wenn sich einer in Wien auf die faule Haut legt. Aber in meinem Buch ist das quasi die Pflicht: Der unbedingte Wille zum faulen Leben, zum Herumliegen in der Wiese, zum Nasenbohren und Däumchen drehen. Aber dann natürlich großzügig sein bei den Ausgaben in der Kantine, Stichwort: Herrengedeck, Würstel mit Saft, „Darf’s noch ein Apfelstrudel sein? Freilich, aber mit Schlag!“

Die Figuren in Ihrem Buch haben also nichts mit Ihnen persönlich zu tun?
Überhaupt nichts! Ich bin, wie ja gesagt, wertkonservativ und katholisch, mein Held Rock Rockenschaub aber ist mehr so ein linkes Gfrastsackl, der in unserem Kanzler mehr so eine Kriegswitwe sieht, die das Geld zusammenhält, als hätte sie sieben Jahre lang ohne Schweinsschmalz kochen müssen! So einer könnte natürlich nie auf der Liegewiese herum­liegen, wie schaut denn das aus, wenn einer immer so hektisch herumsteht und die ganze Zeit herumschreit: „Da muss ich noch was zusperren! Und dort drüben muss ich noch was schließen!“

Klimaaktivistin Greta Thunberg kommt auch vor in Ihrem Buch?
Selbstverständlich kommt die wunderbare Greta Thunberg vor! Ich verehre sie, habe großen Respekt vor ihr! Es kommt ja selten vor, dass jemand auf der Welt in allem recht hat, aber Greta Thunberg hat wirklich in allem recht. „Die Jugend ist und bleibt immer unsere Zukunft“, wie schon der große WALULISO gesungen hat, dieser Meinung bin ich auch. Ich kann nur hoffen, dass die kleinen Zwutschgerl es hinkriegen auf der Erde, meinen Segen haben sie. Manchmal schäme ich mich ja selbst schon so, dass ich ein ­alter weißer Mann bin. Es ist so furchtbar, wie deppert wir sind.

Darf ich fragen, wo das Geld herkommen soll, wenn alle im Bad herumliegen?
Was für eine dumme Frage schon wieder! Von den Reichen natürlich, die uns das Geld weggenommen haben! Also her mit dem Schülling!

Aber die Reichen haben sich ihr Geld doch hart erarbeitet?
Darf ich mich kurz für einen mehrjährigen Lachkrampf ­zurückziehen?

Na, wo kommt das Geld der Reichen sonst her?
Ausbeutung vielleicht? Betrug vielleicht? Sklaverei, Korruption, Verbrechen vielleicht? Schmiergeldzahlungen, Steuerbetrug, Steuerhinterziehung vielleicht? Wie lange haben wir Zeit?

Ihre Bücher gelten als politisch eher unkorrekt?
Haben Sie Halbblinder noch nie die Bücher von unserem hervorragenden Philosophen Pfaller gelesen, vom Herrn Doktor Pfaller? Soll er es Ihnen eintätowieren, dass die politische Korrektheit nur von den Neoliberalen und Reichen geschürt wird, damit wir über nichts anderes mehr reden als über Apfelspalten oder Schweinsschnitzi im Kindergarten, während sie uns in aller Ruhe das Geld aus den Taschen ziehen und mit ihren Containerschiffen auf die Caymaninseln bringen können?

Sollten Sie mit Ihrer Sprache nicht sensibler umgehen? Sie ­haben als Mann sogar die ­sex­begeisterte Ermittlerfigur ­Kitty Muhr geschaffen, dürfen Sie denn das?
Auch wenn ich nicht schwarz bin, kann ich selbstverständlich in der Dusche „Is it because I’m black?“ vom großartigen Syl Johnson singen, und jeder Schwarze kann selbstverständlich „Ganz in Weiß“ singen, das ja wiederum vom Roy Black ist, also haben Sie es noch immer nicht verstanden? Als Literat darf ich alles!

Was ist das Wichtigste beim Schreiben?
Man muss hochkonzentriert sein. Aber hochkonzentriert muss man sowieso immer sein, Wurscht, ob als Hebamme im AKH, als Zwiebelschälerin in der ausbeuterischen Tourismusbranche oder als Krimischreiber in der schwer ­unterbezahlten Krimischreiberbranche. Darum bin ich ja dafür, dass endlich für uns alle mehr Netto vom Brutto der Reichen bleibt, also Zwiebelschäler und Krimischreiber aller Länder – vereinigt euch!

Und dann?
Her mit dem Schülling! Servus, Erika!

Wer war das schon wieder?
Wer das schon wieder war, fragen Sie? Na, das war die Frau Doktor Erika vom „Café Kriemhild“, wo wir gerade sitzen, die Chefin!

Die hat Sie aber vorher nicht ­begrüßt.
Die soll mich vorher nicht gegrüßt haben? Die hat mich schon begrüßt, wie ich gekommen bin! Ungefähr zwei Dutzend Menschen haben mich schon gegrüßt, seit ich da sitze! Also, das muss vorkommen in Ihrem Artikel: Jedermann kennt den Herrn Rebhandl hier im Nibelungenviertel, ja? Der Herr Doktor Rebhandl geht durch die Allee in der Markgraf-Rüdiger, wo die Mistkübler ihm zuwinken und die Wäschemädel ihre Lieder für ihn singen. Ich bin ja eigentlich eine Volks­figur, drum schreib ich ja auch so gute Bücher über das geknechtete Volk. Ich liebe das geknechtete Volk, und das geknechtete Volk liebt mich. Am liebsten täte ich überhaupt gleich Volker heißen. Manfred ist aber auch ein sehr schöner Name. Wenn alles gut geht, heißen bald wieder mehr kleine Zwutschgerl im Kindergarten Manfred. Mohammed und Manfred und ein paar Kevins. Wir leben ja da ­heraußen 398 Nationen oder was weiß ich, wie viele, friedlich zusammen, und alle lieben mich. Und ich liebe sie auch alle. Leider ist der David gerade gestorben, unser Schuster da oben in der Hütteldorfer, ein einmaliger Mensch, Gott hab ihn selig. Der hätte mein Buch auch geliebt, aber jetzt wird es leider ein Sommer ohne David. Ist Ihr Schal wirklich türkis? Sie schauen wirklich furchtbar aus, können wir jetzt zahlen?


Manfred Rebhandl
Jahrgang 1966, lebt als freier Autor in Wien. Er liefert Reportagen für deutschsprachige Zeitungen und regelmäßig die Interviews für den WIENER. Außerdem schreibt er Krimis um die Ermittler Biermösel, Kitty Muhr und Superschnüffler Rock Rockenschaub, der am Wiener Brunnenmarkt ermittelt. Mit ihm erschien gerade der fünfte Band SOMMER OHNE HORST (haymon Taschenbuch).