AKUT

Ich stelle auf null

„… und warum wir als Menschheit trotzdem immer wieder durchkommen. Also wie schon bei der Sommerausgabe auf einen positiven Outlook achten …“, so lautete das Briefing für die aktuelle Ausgabe vom WIENER seitens des Kollegen Markus Höller. Und das nach einer Woche, in der es so war, dass nichts mehr war, wie es schien. Also die Farben einer Ampel bedeuteten je nach Bundesland oder Gebäuden was Anderes. Ein alter Kollege ist verstorben, zu jung, doch mit vermeintlich erfülltem Leben, dann kam heraus, dass er viele einsame Jahre gehabt hatte vor seinem furchtbaren Befund. Dann traf ich eine alte Schulfreundin, nach Jahrzehnten. Wir redeten über eine verhasste Lehrerin, von der ich noch Jahrzehnte Albträume hatte. Die Freundin blickte mich erstaunt an und erklärte mir, das sei schade, denn die Lehrerin erzählte bei jeder Gelegenheit von ihrer Schülerin (= ich), aus der trotz vollkommener Aussichtslosigkeit punkto emotionaler Reife und Talent irgendwas geworden ist. Aha, dachte ich mir. Und ein paar Tage später las ich dann noch über Adolf Loos, diesen Giganten der Architektur, um mich an seiner Kunst zu ­weiden. Und stolperte dann über seinen Pädophilenprozess. Ich blätterte weiter im Buch mit den Bildern seiner Bauten. Sie waren so schön. Doch leider mir dennoch verdorben. Und nun sitze ich daheim, die ganze Familie am Schoß, die Schule unter Quarantäne. So, und nun zum positiven Outlook:

Nachdem wohl nicht nur das Wenige, auf das ich in den letzten Tagen so gestoßen bin, nicht so ist, wie ich dachte, sondern wohl alles andere auch, stelle ich auf null. Zurück zum Start. Nichts ist noch da. Alles wird neu und bewusst nochmals angeeignet, aber mit dem Gemütszustand und dem Wissen von heute. Ich lerne meine Eltern kennen, die echt schräg sind, aber jetzt weiß ich es zu handeln, und sie sind schon auch lieb. Meine Schwester ist gar nicht so eine blöde Kuh, die Süßigkeiten vor mir versteckt – sondern sie hilft später ganz vielen Menschen und auch mir. Wenn wir wegziehen von Tirol, überrede ich meine Eltern, dass wir irgendwas Kleines zum hin und wieder Zurückkehren behalten, damit ich die nächsten 30 Jahre nicht mit Heimweh verbringe.

Ich werde die Musik von Prince entdecken und von Nick Cave, von den Beatles und noch viele Hunderte tolle Lieder zum ersten Mal hören. Ich werde meine Teenagersportlerinnenkarriere in ein halbwegs gesundes Erwachsenenleben überleiten lassen und nicht so wahnsinnig viel in Bars herumhängen. Oder beides, also sporteln und herumsitzen. Meine Männer kennenlernen. Vielleicht den einen oder anderen auslassen. Meine Kinder bekommen. Nicht den Fehler begehen, keine Hilfe zu suchen bei der Betreuung. Meine Freundinnen an meine Seite holen, manche vielleicht früher, damit wir mehr Zeit miteinander haben. Ich setze mich zur Omi in die Küche und zwinge sie, mir das beizubringen, was sie kann. Ich werde nie, nie wieder die Augen verdrehen, wenn sie von früher erzählt. Ich werde einen Tick schneller studieren. Und vielleicht auch nur zwei Sachen und nicht dauernd was anderes. Ich fahre mit nach Bosnien ins Kriegsgeschehen, um zu helfen. Diesmal bin ich nicht zu feige. Ich lerne das Basssolo von Paul Simons „Graceland“. Ich werde wieder den coolen Record-Company-­Job ergreifen und Leute wie Mick Jagger und David Bowie kennenlernen. Und die Kohle dafür werde ich nicht auf den Schädel hauen und dann fünf Jahre danach mit nichts dastehen. Ich plane eine Zeitreise und werde Maria Callas hören in der Mailänder Scala. Ich werde mich vor vielen Leuten sprechen trauen. Und ich freue mich so auf mein erstes Auto! (Ich weiß ja noch nichts vom Klimawandel.) Also. Alles war immer auch gut, und wird es auch weiter sein, man muss wohl nur ums Schlechte herumdenken. Das ist doch ein positiver Outlook – right, Markus?



Heidi List
Wenn sie nicht liest oder Musik hört, arbeitet die zweifache ­Mutter selbstständig als Kommunikationsmanagerin und freie Autorin.