Film & Serie

You – Toxische Romantik

Trotz diverser Anti-Stalking-Gesetze und der Umwälzungen seit der #metoo-Bewegung: Die Mittel und Möglichkeiten einer vernetzten Welt und ganz besonders Social Media bieten gefährlichen Creeps eine ideale Spielwiese für zutiefst verstörende Kreativität. „You“ lotet diese Abgründe auf drastische, aber auch morbide und unterhaltsame Art und Weise aus.

Text: Markus Höller

Eigentlich sollte man Bücherwurm und Supercreep Joe Goldberg durch und durch hassen und ihm alles Schlechte der Welt wünschen. Sein öliger Charme, seine Verlogenheit, das manipulative Wesen, seine perfide Vorgehensweise und vor allem die an der Grenze zum Sadismus angesiedelte Bereitschaft zur Gewalt sind Charaktereigenschaften, die zutiefst abstoßend sind. Nicht unähnlich denen eines der schrecklichsten Serienkiller aller Zeiten, des berüchtigten Ted Bundy. Und dennoch kann man sich seiner intelligenten und präzisen Vorgehensweise kaum entziehen, verfolgt immer weiter mit wachsendem Interesse und ­einer irgendwie beunruhigenden Empathie, wie Joe es schafft, mit seinen verwerflichen Aktionen schließlich das Herz der Ange­beteten zu erobern. Und mehr.


Das liegt zum einen am entwaffnenden Charisma des Hauptdarstellers Penn Badgley, der die Rolle des intelligenten, belesenen und soziopathischen, weil zutiefst traumatisierten, Buchhändlers mit geringer Hemmschwelle perfekt spielt. Zum anderen aber an seinen weiblichen Opfern bzw. deren Umfeld, die auch in der klaren Opferrolle einige wenig schmeichelhafte Charakterzüge offenbaren, sodass man immer öfter mit dem Stalker Joe sympathisiert. Dazu kommt noch, dass seine ­Ziele und auch jene, die ihm unglücklich in die Quere kommen, sich über weite Strecken so dumm, blauäugig und jegliche Red Flags ignorierend verhalten, dass einem als Zuseher beim unvermeidlich bösen Ende ein schadenfrohes „Geschieht dir recht!“ in den Bildschirm ruft. Besonders Objekt der Begierde, Guinevere Beck (Elizabeth Lail) in Staffel eins, agiert streckenweise so dumpfbackig, dass man ihr den Wahnsinnigen im Nacken geradezu gönnt – nur um sich im selben Moment auf unangenehme Weise selbst zu moralischer Ordnung zu mahnen. Denn im wahren Leben sind es nämlich genau diese naiven, fast tollpatschig agierenden Frauen, die einem hyperintelli­genten, persistenten, toxischen Sonderling wie Joe nichts ent­gegenzusetzen haben und zwangsläufig zum Opfer werden.

„You“ ist eine klassische Psycho­thriller-Serie, die, basierend auf dem gleichnamigen Buch von Caroline Kepnes, von Netflix perfekt inszeniert wurde und mit der zweiten Staffel (ebenfalls auf Basis von Kepnes’ Folgeroman „Hidden Bodies“) noch eines draufsetzt. Ideal, um sich vor dem Fernseher über die haarsträubenden Fehlentscheidungen der Opfer aufzuregen, mit dem durch und durch bös­artigen Protagonisten heimlich zu sympathisieren – oder auch, um dem Nachwuchs die Fallstricke und potenziellen Gefahren des digitalen Zeitalters für Privatsphäre und geistige Gesundheit drastisch aufzuzeigen.

Wer nach zwei Staffeln/Büchern nicht genug hat, kann sich auf 2021 freuen: Caroline Kepnes hat Teil drei, „You love me“, für April angekündigt, Netflix die dritte Staffel ebenfalls für nächstes Jahr bestätigt. Nach dem fulminanten Ende und Cliffhanger von Staffel zwei tut das für den inneren ­Voyeur auch wirklich Not!


You by Greg Berlanti & Sera Gamble. Mit Penn Badgley, Elizabeth Lail, Victoria Pedretti, Ambyr Childers; 2 Staffeln; Netflix.