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Wenn der Onkel wieder an die Verschwörung glaubt

Die deutsche Psychologin Sarah Pohl beantwortet in ihrem neuen Buch „Kann man Filterblasen platzen lassen?“ auf 101 Fragen, warum Menschen an Verschwörungstheorien und Fake News hängen bleiben und wie man mit ihnen im Gespräch bleibt, ohne selbst die Geduld zu…

Von WIENER Online Redaktion · 23. Juli 2026 · 3 Min. Lesezeit
Sarah Pohl, Autorin von „Kann man Filterblasen platzen lassen?“

Die deutsche Psychologin Sarah Pohl beantwortet in ihrem neuen Buch „Kann man Filterblasen platzen lassen?“ auf 101 Fragen, warum Menschen an Verschwörungstheorien und Fake News hängen bleiben und wie man mit ihnen im Gespräch bleibt, ohne selbst die Geduld zu verlieren. Das Buch erscheint am 10. August 2026 bei Vandenhoeck & Ruprecht und kostet im österreichischen Buchhandel 22,95 Euro. Wer beim nächsten Familienfest nicht schon wieder im immer gleichen Streit über 5G-Masten oder die Mondlandung landen will, bekommt hier zumindest ein paar Auswege aus dem Kreisverkehr.

Es gibt diesen einen Moment beim Sonntagsessen, den fast jede Familie kennt. Der Onkel legt die Gabel weg, räuspert sich, und dann kommt der Satz, der jedes Gespräch kippen lässt: „Das wird euch ja nicht erzählt, aber …“ Die einen rollen die Augen, die anderen wechseln hastig das Thema, ein paar wenige steigen ein und ärgern sich zwei Stunden später über sich selbst. Am Ende hat sich nichts geklärt, nur der Braten ist kalt geworden.

Genau an diesem Esstisch, bildlich gesprochen, setzt Sarah Pohl an. Die Diplom-Pädagogin und systemische Paar- und Familienberaterin leitet die Zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen Baden-Württemberg (ZEBRA/BW) und hat schon mehrere Bücher über Verschwörungsglauben und radikalisierte Weltbilder geschrieben, darunter „Alles Spinner oder was?“ und „Abgetaucht, radikalisiert, verloren? Die Generation 50+ im Sog der Filterblasen“. Mit „Kann man Filterblasen platzen lassen?“ legt sie nun ein kompaktes Frage-Antwort-Buch nach, 120 Seiten, gedacht für den schnellen Zugriff zwischen Tür und Angel und nicht fürs Regal.

Buchcover „Kann man Filterblasen platzen lassen?“ von Sarah Pohl, Vandenhoeck & Ruprecht
„Kann man Filterblasen platzen lassen?“ erscheint am 10. August 2026. © Vandenhoeck & Ruprecht

Warum hilft der Faktencheck so selten?

Genau da liegt die eigentliche These des Buchs. Pohl argumentiert, dass reine Fakten oder Widerlegungen bei Verschwörungsglauben meistens ins Leere laufen, weil es selten um die Fakten selbst geht. Dahinter stecken oft Ängste, ein Bedürfnis nach Kontrolle oder das Gefühl, von „denen da oben“ nicht mehr ernst genommen zu werden. Wer nur mit Gegenargumenten kontert, bestätigt dieses Gefühl meistens nur noch mehr, statt es aufzulösen. Filterblasen im Netz verstärken diesen Effekt zusätzlich, weil sie genau die Stimmen liefern, die die eigene Sicht bestätigen.

Wann lohnt sich das Gespräch noch, wann nicht?

Das Buch beantwortet in 101 kurzen Kapiteln alltagsnahe Fragen, etwa wie man mit Verschwörungsgläubigen im Gespräch bleibt, ohne selbst mitzuschwimmen, wann ein Gespräch überhaupt noch etwas bringt und wann es klüger ist, eine Grenze zu ziehen. Auch die Rolle von Social Media beim Verbreiten von Fake News nimmt Pohl unter die Lupe, ohne dabei technischer zu werden, als ein Familienessen verträgt.

Ein Buch fürs Regal oder für die Handtasche?

Der Verlag positioniert das Büchlein bewusst als schnellen Nachschlage-Begleiter und nicht als wissenschaftliche Abhandlung: kompakt genug fürs Handtaschenfach, konkret genug fürs nächste Familienfest. Ob das reicht, um tatsächlich eine Filterblase zum Platzen zu bringen, wird sich zeigen. Zumindest für den nächsten Themenwechsel am Esstisch dürfte es schon mal reichen.

Der Onkel wird beim nächsten Sonntagsessen vermutlich wieder die Gabel weglegen. Ob dann jemand am Tisch sitzt, der 101 Antworten im Kopf hat oder wenigstens eine im Buch nachschlagen kann, ist am Ende vielleicht der einzige Unterschied zu diesem Jahr.


Wie schon bei unserem Rückblick auf die größten Corona-Idioten zeigt sich: Verschwörungsglauben ist selten nur ein Randphänomen. Wer sich lieber philosophisch mit schwierigen Meinungen auseinandersetzt, findet Anschlussstoff auch bei Nunu Kaller und ihrem Buch „Sokrates und ich“.