Film & Serie

Binge-TV: After Life

Jakob Stantejsky

Ein Leben für den Hund. Sein Job als Lokalredakteur ist an Tristesse nicht zu überbieten und das Leben setzt noch eins drauf: Tonys Frau stirbt an Krebs. Zeit, sich umzubringen, aber wer füttert dann den Hund? Ricky Gervais gibt den Misanthropen mit solch herzzerreißender Verve, dass man wirklich meinen könnte, sich einfach gar nichts mehr zu scheißen, verleiht Superkräfte.

Text: Franz J. Sauer / Fotos: Natalie Seery/Netflix

Ricky Gervais ist einer der bedeutendsten Comedians Großbritanniens. Er ist Multimillionär, seine Stand-up-Shows sind weltweit ausverkauft, seine Podcasts werden millionenfach runtergeladen. „The Office“, jene Sitcom im Dokumentarstil, mit der Gervais um die Jahrtausendwende seinen Durchbruch hatte, ist weltweit bekannt, fand mit „Stromberg“ und „The Office“ internationale Ableger. Lange Zeit wurde Gervais stets mit seinem Office-Alter-Ego „David Brent“ identifiziert, eine Rolle, von der er sich längst emanzipiert hat. Sein Markenzeichen ist Sarkasmus. Tiefer, zynischer, bitterböser Sarkasmus.


Bloß diese Eigenschaft nimmt Ricky Gervais mit, wenn er in die Rolle des Kleinstadt-Lokalreporters Tony Johnson schlüpft. Für die „Tambury Gazette“ jagen er und der verfressene Fotograf Lenny Tag für Tag auf, um die Sensationen ihrer Ortschaft, oder, das was deren Bürger dafür halten, in die Zeitung bringen. So kann es schon mal passieren, dass ein Wasserfleck an der Wand aussieht wie Kenneth Brannagh, oder ein dicker, arbeitsloser Bub sein Übermaß an Freizeit dafür nutzt, das Synchron-Spielen zweier Blockflöten in seinen Nasenlöchern übt.

Man kann also durchaus nachvollziehen, warum sich Tony die Kugel geben mag. Aber es ist erst der Tod seiner geliebten Frau Lisa, die ihm den Lebenswillen raubt. Sein Inertialsystem verschiebt. Und den Hund als einzigen Grund dafür zurücklässt, am Leben zu bleiben. Schließlich kann sich das Tier ja nicht „selber die Dosen öffnen“.

Tony und Lisa hatten dereinst sehr viel Spaß mitsammen, wie Videoaufnahmen aus der Vergangenheit zeigen. Nun sieht Tony kompromisslose Misanthropie als einzige Möglichkeit an, den Alltag irgendwie zu überleben. Und geht seinen Mitmenschen mit seinem zelebrierten Selbstmitleid gehörig auf die Nerven.

Ricky Gervais ist so was wie der Großmeister des politisch unkorrekten, schwarzen Humors, gewürzt mit gehässigstem Sarkasmus. Insofern kostet es ihn nicht viel Anstrengung, die Handlung von „After Life“ mit hervorragenden Gags und Sagern zu würzen, die Freunden der Devise „Besser einen guten Freund verlieren als auf einen guten Witz verzichten“ gefallen werden. Das geniale an der Serie ist allerdings, wie es Gervais und seine – durchwegs aus früheren Gervais-/Merchant-­Filmen bekannten – Schauspielkollegen schaffen, dass einem das Lachen regelmäßig im Halse stecken bleibt, wenn sie mit wenigen Worten oder Gesten den Grund für Tonys Misanthropie freilegen: nämlich dessen eisige Einsamkeit im Leben nach dem Tod seiner Frau.

Freunden des herben Schmähs wird auch die Besetzung von Tonys Psychotherapeuten gefallen. Paul Kaye, weitläufig serienbekannt (GoT, Lilyhammer) und gern mit Vollpsychopathen besetzt, gibt auch hier den einzigen, der Tonys Killer-Fantasien („A good day is, when I don’t walk around wanting random strangers to shoot in the face, and then turn the gun on myself.“) gelegentlich eins draufsetzt.

After Life (Netflix), mit Ricky Gervais, Tom Basden, Paul Kaye, Ashley Jensen u.v.m.; Staffel 1 auf Netflix, Blu-Ray und DVD.
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