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Frederique Constant – Die Spätgründer

In der Schweiz der Nach-Quarz-Krise eine neue Uhrenmarke aufbauen? Das ist doch verrückt! Diesen und ähnliche Sätze musste sich das Unternehmer-Ehepaar Stas Ende der 80er-Jahre sicherlich öfters anhören. Wie gut, dass sie nicht zugehört haben.

Text: Philipp Pelz

Erschwinglicher Luxus – so lautet das Credo der noch jungen Manufaktur Frederique Constant. Das niederländische Ehepaar Peter Stas und Aletta Stas-Bax gründete sein Unternehmen im Jahr 1988. Die Idee dazu kam den Stas nach einem Skiurlaub in der Schweiz, die sie von ihrer damaligen Wahlheimat Hongkong aus besuchten. Beim Schaufensterbummel sah man zwar jede Menge schöner Uhren, die jedoch alle sehr kostspielig waren. Zurück in Hongkong bot sich ein anderes Bild. Dort sah man zwar viele leistbare Uhren, die geschmacklich jedoch kaum den Weg an ihr Handgelenk gefunden hätten. „Wenn es nicht gibt, was wir uns wünschen, dann machen wir es eben selbst.“


So oder so ähnlich muss wohl der Heureka-Moment der beiden geklungen haben, und so machte man sich schnell daran, erste Informationen zu sammeln. Zunächst unterhielt man sich mit ­Ingenieuren namhafter Uhrwerkhersteller und besorgte sich erste Werke. War es bei den Anfängen von Tech-Giganten die Garage, so war hier die erste Wirkungsstätte der Küchentisch. Dort sollten erste Prototypen entstehen, woraus in weiterer Folge ganze Kollektionen entsprangen. Wenige Jahre nach der Gründung sollte im Jahr 1994 ein wichtiger Meilenstein folgen, die Lancierung der ersten „Heart Beat“-Kollektion. Ein Sichtfenster im Ziffernblatt gibt den Blick auf das Herz einer mechanischen Uhr frei, auf die tickende Unruh. Der große Erfolg der „Heart Beat“ sollte jedoch ein wenig getrübt werden. Als Peter Stas einmal gefragt wurde, was sein größter Fehler gewesen sei, so war seine Antwort rasch gefunden. Das Versäumnis, das Design der „Heart Beat“ schützen zu lassen. Doch das ­Ehepaar Stas verfolgte konsequent weitere, noch höhere Ziele. Zu den erstrebenswertesten gehört bei Uhrenfirmen sicherlich der Status als Manufaktur. Die Fähigkeit, ­Uhren und Uhrwerke von A bis Z selbst entwerfen und auch bauen zu können. Bloß 18 Jahre nach der Gründung, also im Jahr 2004, konnte man sich zu diesen wenigen Manufakturen zählen. Seitdem sollten ganze 21 verschiedene ­Kaliber entstehen, teils mit großen Komplikationen wie einem Tourbillon oder ewigem Kalender oder gar Kombinationen davon.

Peter und Aletta Stas-Bax sind gebürtige Niederländer und starteten ihr Abenteuer der eigenen Uhrenmarke zunächst von Hongkong aus, dann in der Schweiz. Der Zeitpunkt war denkbar ungünstig, trotzdem gelang das Projekt.

In Nachbarschaft von Branchengrößen wie Rolex, Patek Philippe und Vacheron Constantin entstehen im Genfer Stadtteil Plan-les-­Ouates auf mittlerweile mehr als 6.000 m² ebendiese Kostbarkeiten. Auf solchen Lorbeeren könnte man sich schon ausruhen und zufrieden sein. Doch so ticken Unternehmer nicht. Wenn Smartwatches immer stärker um den Platz am Handgelenk buhlen, möchte man vorbereitet sein. Doch ein schnödes Me-too-Produkt sollte es nicht sein, lieber etwas Spezielles. So entstand mit der „Horological Smartwatch“ eine vollelektronische, mit dem Smartphone gekoppelte Uhr, die jedoch über eine herkömmliche, analoge Anzeige verfügt und auf den ersten Blick nicht von traditionellen Uhren zu unterscheiden ist. So informieren ­Zeiger und diskrete Vibrationen über hereinkommende Anrufe und Nachrichten, Sensoren analysieren Schlafgewohnheiten und zählen Schritte. All dies mit einer Batterie­laufzeit von deutlich mehr als zwei Jahren. Doch auch so ein geniales Produkt kann man auf die Spitze treiben. Macht die „Horological Smartwatch“ bloß den Anschein einer mechanischen Uhr, so ist es die „Classic Manufacture Hybrid“ auch. Wie der Name schon verrät, steckt im formschönen Gehäuse noch ein wenig mehr. Dort ist nämlich beides verbaut, ein ­mechanisches Werk mit automatischem Aufzug und ein elektronisches Modul, das ebenfalls über eine App mit dem Smartphone verbunden wird. Eine wunderbare Lösung, wenn man zuverlässige, Schweizer Mechanik schätzt, aber auf nützliche Zusatzfunktionen nicht verzichten möchte.
So viele Innovationen in so kurzer Zeit fallen auch in der schnelllebigen Uhrenszene auf, und so trat im Jahr 2016 der japanische Uhrengigant Citizen mit Kaufabsichten an Familie Stas heran. Da die Kinder von Peter und Aletta keine Ambitionen hegten, in ihre Fußstapfen zu treten, nahm man das Angebot an. Nach wie vor sind beide maßgeblich in der Führung des Unternehmens involviert, nehmen sich jedoch nun sicherlich mehr Zeit, zufrieden auf über 30 Jahre Erfolgsgeschichte zurückzublicken.


Wie alles begann …
Mit den Vorgängern der hier abgebildeten „Double Heart Beat“ und „Slimline Automatic“ fing vieles an. Der Blick ins Allerheiligste der Uhr fasziniert auch heute noch. Beide Modelle verfügen über ein rosévergoldetes Stahlgehäuse, die Damenuhr mit 36 mm, die Herrenuhr mit 40 mm Durchmesser. Auch die Modelle mit zugekauften Uhrwerken überzeugen mit einem hervorragendem Preis-Leistungs-Verhältnis.

Heart Beat Ladies
Stahl, vergoldet für 1.895,– Euro
Herrenuhr Slimline Automatic
für 1.995,– Euro


Ganz großes Kino
Seit dem Jahr 2004 produziert Frederique Constant eigene Uhrwerke und darf sich mit Fug und Recht Manufaktur nennen. Vergangenes Jahr, zum 30-jährigen ­Jubiläum der Marke, verblüffte man die Fachwelt mit diesem Prachtstück, einer Kumulation des Gelernten. Einen ewigen Kalender oder gar ein Tourbillon zu meistern, damit gehört man schon zur Meisterklasse. Diese beiden Komplikationen zu vereinen, vermögen nicht viele zu ­bewerkstelligen. All dies zu einem Preis von 20.995,– Euro auf den Markt zu ­bringen, treibt manch einem Hersteller die Schamesröte ins Gesicht. Wow!

Classic Tourbillon Perpetual Calendar Manufacture in Stahl für 20.995,– Euro


Dezente Schläue
Einen weiteren Durchbruch feierte die Marke mit der „Horological Smartwatch“. Tatsächlich können über die vier Zeiger einige Funktionen angezeigt werden. Sensoren messen die Anzahl der Schritte oder zeichnen das Schlafverhalten auf, um den Wecker des ­gekoppelten Smartphones perfekt und indi­viduell einzustellen. Mit zeitgemäßen 42 mm Durchmesser und einem sehr interessanten grauen Zifferblatt wirkt die Uhr sehr edel.

Horological Smartwatch Gents Classics ab 950,– Euro


Das Beste beider Welten
Mechanik und Elektronik müssen ­einander nicht ausschließen. Besonders schön beweist dies die „Classic Hybrid Manufacture“, die mit der Kraft der zwei Herzen überzeugt. Neben dem wunderbar dekorierten Manufakturkaliber be­heimatet das hier abgebildete vergoldete Stahlgehäuse zusätzlich ein elektronisches Modul. Auch hier kommuniziert die Uhr über eine spezielle App mit dem Smartphone und erweitert so den Funktionsumfang ganz beträchtlich. Wieder eine Weltneuheit!

Classic Hybrid Manufacture ab 3250,– Euro