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The Last of Us Part 2 – Besser geht’s nicht

Die lange ersehnte Fortsetzung des PlayStation-Blockbusters The Last of Us markiert einen Wendepunkt in der Videospielgeschichte. Zum einen als eines der besten Sequels aller Zeiten, zum anderen als würdiger Höhepunkt kurz vor Ende der PS4-Ära.

Text: Markus Höller / Fotos: Hersteller

Als ich von Sony mein Review-Exemplar von The Last of Us Part 2 installierte, musste ich in meinen Gehirnwindungen ganz schön weit zurückspulen. Der erste Teil, der erschien Mitte 2013 und den zockte ich noch…warte…doch ja, auf der PS3! Es sollte ja bis Ende des Jahres dauern, bis die erste PS4 auf den Markt kam. Wahnsinn! Da haben die Entwickler von Naughty Dog also fast einen ganzen Konsolenzyklus gewartet, bis sie mit der Fortsetzung nochmals jeden kleinen Schrauben und Bolzen der Hard- und Software bis zum Gehtnichtmehr anziehen und ausreizen konnten. Freilich kamen dazwischen ja noch das kleine Add-On The Last of Us: Left Behind, die Remastered-Version und – nicht zu vergessen – zwei Teile von Uncharted aus dem selben Stall, aber hier erreichen wir nochmal einen komplett neuen Level, was Technik und Narrativ betrifft.


Klassische Dungeons dürfen trotz viel frischer Luft nicht fehlen.

Kurz und gut: The Last of Us Part 2 ist schlichtweg ein Meisterwerk. Auf ein Spiel mit so guten Bewertungen und mit folglich auch derart hoher Erwartungshaltung an den Nachfolger dieses Sequel zu liefern, ist eine reife Leistung. Wir reden hier von einer Liga mit ein paar der größten Fortsetzungen ever, liebe Leser. Denken Sie Portal 2, GTA V oder Mass Effect 2; in Kino-Sprech: Episode V, Terminator 2, Aliens. Das hat mehrere Gründe, die ich hier spoilerfrei erörtern werde. Doch zuerst zum Setting und der Handlung. Während hier im echten Leben also sieben Jahre und, wie eingangs erwähnt, eine ganze Konsolengeneration vergangen ist, beträgt der Zeitunterschied im Spiel fünf Jahre. Hauptprotagonistin Ellie ist mittlerweile 19 Jahre alt, kampferprobt und hart geworden. Wenig ist übrig vom kleinen Mädel, das sich damals an der Seite des väterlichen Freundes Joel grade mal so durch die von Pilzsporen zur Zombie-Apokalypse entstellten Welt gekämpft hat. Das ständige Töten und Fliehen hat sie gezeichnet. Vor allem Joels folgenschwere Entscheidung am Ende von The Last of Us belastet das Verhältnis der beiden sehr, und wird sich in der Folge als Dreh- und Angelpunkt für praktisch die gesamte Kette in Ereignisse im zweiten Teil herausstellen.

Gitarrestunde mit Ellie.

Naughty Dog verlässt hier ausgetretene Pfade und zeigt mit mutigen Entscheidungen im Script echte Innovation im Storytelling. Statt einer sicheren More-of-the-same-Lösung gibt es Plot-Twists, wo einem die Spucke wegbleibt. Dazu ein nicht nur gerüttelt, sondern schon überquellendes Maß an grafischer (aber realistischer!) Gewalt, die nicht nur das strenge 18er Rating mehr als rechtfertigt, sondern auch Games wie beispielsweise den Tomb Raider Reboot oder Wolfenstein eher nett wirken lassen. Resident Evil hält da noch mit. Ebenfalls bemerkenswert sind gewisse Tabubrüche, was das Wesen und die Todesursache der zahlreichen menschlichen Protagonisten betrifft. Dagegen wirken künstliche Aufreger wie lesbische Küsse (auch hier: grafisch-technisch besser gelöst als alles andere bisher) geradezu vernachlässigbar bieder. A propos Menschen: ein wichtiges Element in TLOU2 ist der deutliche Shift weg vom hochwertigen Zombie-Shooter hin zu einem Ansatz, der das altbekannte Dilemma der Menschheit enorm emotional auflädt: am Ende des Tages ist der Mensch sich selbst der größte Feind, angetrieben von Liebe, Eifersucht, Rache und Eitelkeit. In TLOU2 hat man es so oft mit verrohten, verblendeten und niederträchtigen Menschen zu tun, dass einem die Attacke von Zombies geradezu wie Erholung vorkommt.

Der Detailreichtum der Welt von TLOU2 ist beeindruckend.

Quasi im Vorbeigehen wirft TLOU2 dabei auch ganz große Fragen in äußerst komplexen Bereichen der menschlichen Psyche auf: Posttraumatische Belastungsstörungen, Religion, Empathie, Vergebung und nicht zuletzt die großen Klassiker Schuld und Sühne. Dies alles aber ohne jemals den Zeigefinger zu erheben; mitnichten auch durch einen simplen, aber effektiven Trick im Storytelling werden hier nicht nur die Spielzeit, sondern auch die Motive der Hautpfiguren mit den vorhandenen Ressourcen weiter erforscht. Der Spieler lernt, Menschen und ihre Antriebe nicht nur Schwarz/Weiß zu sehen und ist hin- und hergerissen zwischen Verständnis und Unverständnis für die exzellent gezeichneten und vorgestellten Charaktere. Eine ebenso cleveres non-lineares Script hilft dem Spieler, Hintergründe und Zusammenhänge im Plot sowie die komplexen psychologischen Facetten der Charaktere zu verstehen.

Zur technischen Umsetzung kann man eigentlich nur eines sagen: perfekt. Das Crafting Menü, Die Steuerung, die Balance der Waffen (besonderes Schmankerl: die Sequenzen beim Upgrade ebendieser!) und die trotz linearer Handlung weitgehend frei erkundbaren Welten mit hoher Detailtreue und Manipulierbarkeit gehören zum besten, was bisher auf Gamer-Bildschirmen zu sehen war. Und, das ist auch eine lobende Erwähnung wert, auf einer regulären PS4 ebenso wie auf der PS4 Pro. Die Sorgfalt der Entwickler von Naughty Dog lässt sich auch daran messen, dass in meiner Pre-Zeroday-Patch-Testversion bei knapp 25 Stunden Spielzeit genau nur zwei Mal ein Glitch aufgetreten ist.

Das exzellente Schauspiel der MoCap-Actors erweckt die Charaktere zum Leben.

Hier kommen wir abschließend auch zum einzigen, winzigen Makel an TLOU2, sofern man das überhaupt so sagen darf. Der einzige Punkt, der bei dem Game für mich einen perfekten 10/10 Score verhindert, ist die doch eher kurze Spielzeit. 25 Stunden, und das bei gemütlicher Spielweise und einem etwas in die Länge gezogenen Mittelteil, das ist für einen AAA-Titel schon recht knapp bemessen. Nicht, dass während dieser vollen Erdumdrehung jemals Langeweile aufkäme oder ich die so wichtigen Cutscenes der Zeitschinderei bezichtige – aber mehr als 30 Stunden werden es selbst für gründliche Looter nicht werden, und das ist bei so langer Entwicklungszeit doch etwas verwunderlich. Aber ich raunze hier auf sehr, sehr hohem Niveau. The Last of Us Part 2 war für mich eines der intensivsten, schönsten, aufreibendsten, überraschendsten und emotionalsten Videospiel-Erlebnisse meiner gesamten über 35-jährigen Gamer-Karriere, Punkt. Chapeau, Naughty Dog, Applaus Sony, Vorhang zu PlayStation 4. Ich freue mich auf die nächste Konsolengeneration und viele weitere Titel wie diese!