GENUSS

Erkenntnisgewinn

Man soll ja Corona nicht loben. Aber dass Kalendersprüche („Die Krise als Chance“) mittlerweile seltener zu hören sind, liegt nicht nur daran, dass keine Motivations­seminare mehr stattfinden. Wo auch? Im ­Homeoffice? Da holt man sich den Kick zum Durchhalten anders. Österreichisch: fett ­essen und sich ein bisserl ansaufen. Schade, dass Harald Juhnke das nicht mehr erlebte. „Keine Termine und leicht einen sitzen“ ist fast zum Mantra geworden. Und wer bei Alkohol gleich an benebelte Sinne denkt, irrt. Eine neue Klarheit hat uns einiges gelehrt über Speis und Trank. Hier die fünf Erkenntnisse, natürlich in der Unterhose und nicht am Redaktions-PC verfasst:

1) Kochkurse boomen. Statt einmal in der Woche Schatzis Lieblingsgericht aufzutischen, ist tägliche Küchenperformance gefragt. Und irgendwann stauben einem auch Pasta und Eierspeis aus den Ohren raus.

2) Die Stadt braucht die Gastronomie. Wegen der Nahversorgung kommt keiner in die City, Hermès-Tücher holt der ­Wiener vor Weihnachten oder nach einem Seitensprung (was halt öfter ist). Nur: Ohne offene Restaurants ist der „Erste“ eine Geisterstadt.


3) Es wird wertiger getrunken. „Klares Minus bei der Menge, aber im Wert nur –10 %“, rechnet einer der besten Rotwein-Winzer des Landes vor. Wenn schon daheim kaserniert, dann mit gscheitem Stoff.

4) Der Supermarkt ist nicht böse. Nobelwinzer, die sich dem „LEH“, wie sie den Lebensmitteleinzelhandel gern despektierlich abkürzen, verweigerten, verkauften halt so gut wie nichts. Bestellen der Arlberg und Tirols Tophotellerie nichts, ist Feuer am burgenländischen Winzerdach. Merke: Wer eine Zweitlinie hat, steht nicht auf einem Bein. Und gekauft wird, siehe WIENER-Erkenntnis 3, mehr denn je.

5) Der Konsument hat Macht. Er kauft für daheim, und er schaut genauer hin denn je. Weil: Zeit hat er. Und Einkaufsmacht sowieso. Beispiel? Den Winzer mit dem billigstmög­lichen Presskorken auf der 30-Euro-Bottle merkt man sich vor. Für dauerhaftes Nichtbestellen. Genauso wie jene Lokale, die Wiener in die Warteschlange zu den Touristen stellten. Die sind auch jetzt leer. Und wir feiern neue Helden. ­Nämlich all jene, die neu eröffnen oder zumindest Neues (Drei-Gänge-Menü geliefert) probieren.

Wir schreiben aber jetzt trotzdem nicht, dass die Krise eine Chance ist!


Roland Graf
Der bekennende (und in der heimischen Gastroszene Bunthund-bekannte) Genussmensch ist unermüdlich auf der Suche nach dem guten ­Geschmack.