Film & Serie

„Un Sangiorgi, per favore!“ – VIENNALE-Direktorin Eva Sangiorgi im Interview

Ihre Stimme ist so buchstäblich rau wie die von „Reibeisen“ Adriano Celentano, den sie als Vollblutitalienerin ebenso verehrt wie Marcello Mastroianni. Sie schulte ihr Auge an Schwarzweiß­filmen, die sie als Kind im Fernsehen sah, am liebsten tagsüber. Aber auch der Fußball kam nicht zu kurz: Ihr Vater war leidenschaftlicher AC-Milan-Fan, und sie mit ihm jeden zweiten Sonntag im Giuseppe-­Meazza-Stadion. Ein Gespräch mit VIENNALE-Direktorin Eva Sangiorgi.

Interview: Manfred Rebhandl  / Fotos: Maximilian Lottmann
Datum: 17. August 2018  / Ort: Wien – Innere Stadt, Gartenbaukino

Frau Direktor, ich habe aus ­Respekt vor Ihnen eine lange Hose und Schuhe angezogen, ­obwohl es wirklich sehr heiß ist. Aber Sie kommen schließlich aus Italien und haben gewiss ein hohes Stilempfinden.
Danke, das weiß ich zu schätzen.


Eva Sangiorgi fotografiert von Maximilian Lottmann

Andererseits ist bei Ihnen in ­Italien gerade eine Brücke ­eingestürzt …
Oh Gott, ja. Schrecklich.

Sind Sie mal drübergelaufen, als sie noch stand?
Nein, über diese Brücke nicht, ­obwohl ich oft in Genua war.

Wussten Sie, dass auch in Wien 1976 eine Brücke eingestürzt ist, sogar als Ganzes (Anmerkung: HIER geht‘s zur WIENER-Story)?
Nein!

Am selben Tag, als Niki Nazionale Lauda am Nürburgring verunglückte.
Davon habe ich gehört, aber nicht von der Brücke.

Es war übrigens ein Italiener, der ihm das Leben gerettet hat, Arturo Merzario.
Das wusste ich nicht.

Eva Sangiorgi und Manfred Rebhandl, Foto: (c) Maximilian Lottmann

Lassen Sie uns also über Brücken im Film reden. Fallen Ihnen ein paar Titel ein?
Uuuuhm. Brücken im Film?

„The Bridge on the River“ …
„… Kwai!“

Diese Liebesschmonzette mit Meryl Streep und …
„Bridges of Madison County“! Oh Gott, es gibt ja wirklich viele Filme, in denen Brücken vorkommen.

Meist dienen sie Kampfszenen, wie in „Kung Fu Panda“. Mögen Sie Cartoons?
Natürlich! Aber ich mag auch romantische Filme, in denen eine Brücke vorkommt, auf der nicht gekämpft wird, wie im ­berühmten französischen Film „Les amants du pont neuf“.

Aber meistens wird gekämpft, wie in „Indiana Jones and the Temple of Doom“…
Großartig!

… oder in „Im Angesicht des Todes“, wenn James Bond über der Golden Gate Bridge gegen Bösewicht Max Zorin kämpft, dargestellt von Christopher Walken. Wer war der beste James Bond für die VIENNALE-Direktorin?
Sean Connery. Er sah nämlich aus wie mein Vater. Also nicht wirklich, aber für mich schon. Er hatte blaue Augen wie Connery, darum nannte ich ihn „James“. Das machte meinen Vater sehr glücklich …

„Ich kann mich an schöne Abende am Ponte Vecchio erinnern. Küsse gab es dort nicht. Da erinnere ich mich an ein paar kleine Brücken in Venedig …“

Weiter mit Brücken: Können Sie sich an Ihren ersten Kuss am ­Ponte Vecchio in Florenz erinnern?
Ich kann mich an schöne Abende am Ponte Vecchio erinnern, aber dort gab es nie Küsse. Ich mochte Florenz nicht, als ich jünger war, weil es so touristisch war. Heute sind alle Städte voller Touristen, also stört es mich nicht mehr so, darum mag ich auch Florenz wieder mehr … (lacht) Aber Küsse: Da erinnere ich mich eher an ein paar kleinere Brücken in Venedig …

Dann ist die VIENNALE vielleicht nur eine kleine Brücke, die Sie auf Ihrem Weg nach Venedig überqueren, um dort Direktorin zu werden?
Ja, vielleicht! Ich kann jedenfalls noch viele Sachen machen in ­meinem Leben, aber jetzt bin ich erstmal in Wien, und ich liebe es. Die nächsten Jahre bleibe ich hier.

Sie kommen aus einem kleinen Ort namens Faenza …
… in dem es keine Brücken gab … (lacht)

Was waren die ersten bewegten Bilder, die Sie als Kind sahen? „Signor Rossi“, die Cartoon-Serie?
Nein. Ich schaute sehr viele Schwarzweißfilme untertags, ich liebe es, untertags Filme zu schauen. Das machte mich sehr glücklich als Kind, wenn zu Weihnachten am Morgen schon diese Filme liefen, und auch später als ­Studentin.

Italienische oder internationale Klassiker?
Alles. Ich war später einmal bei diesem großartigen Festival in ­Bologna, Cinema Ritrovato, dort zeigte man einen ­restaurierten Film von Mauro Bolognini, an den ich mich plötzlich erinnerte, weil ich ihn als Kind schon im Fern­sehen gesehen hatte. Dann sah ich natürlich auch alle Filme mit Sophia und Marcello …

Waren Sie mal in Marcello ­verliebt wie jede Italienerin?
Natürlich! Und die Liebe wächst immer weiter. Er ist einfach nur großartig. Und wie mein Vater war er sehr witzig.

Eva Sangiorgi fotografiert von Maximilian Lottmann

Immer wenn ich alte Filme mit Mastroianni sehe, habe ich das Gefühl, dass unsere besten Zeiten vorbei sind, jedenfalls was Style angeht. Sind Sie auch so nostalgisch wie ich?
Nein, das Leben geht immer weiter. Außerdem gehörte ich selbst nicht zu dieser Epoche, also weiß ich nicht, was ich vermissen sollte. Natürlich liebe ich die Eleganz und Frische dieser Filme, aber ich gehörte selbst eben nie dazu, darum schaue ich nach vorne.

Wir Kinder in Österreich sind aufgewachsen mit Don Camillo und Peppone. Diese Filme gaben uns die Vorstellung, dass es eine starke kommunistische Partei in Italien gibt. Das ist lange her …
Die beiden sind großartig, ich liebe sie. Und die Linke ist speziell in ­Bologna, wo ich studiert habe, immer noch recht stark, die Kommunisten aber gibt es heute nicht mehr.

Ihre letzten Jahre verbrachten Sie in Mexico City, wo Sie das ­FICUNAM-Festival gründeten und leiteten. Lebten Sie dort in diesen heute sehr nachgefragten Hipster-Bezirken?
(lacht) Ja. Aber am Anfang, als ich dort ankam, war das eine wirklich lateinamerikanische Megacity, gar nicht so cool. Es gab jedenfalls noch keine Bäckerei an jeder Ecke (lacht). Aber dann ist das explodiert. Am Anfang war ich noch sehr oft downtown, da ist es viel tou­gher. Aber gut, in einer Megalopolis leben viele Menschen, die viele verschiedene Dinge wollen, und natürlich gab es Situationen, die unangenehm waren. Ich hatte allerdings nie ein Auto und auch kein Geld, war also immer low profile, das macht dich in gewisser Weise unsichtbar. Erst später zog ich nach La Colonia Roma, das 1985 durch das Erdbeben fast total zerstört worden war, wo also die Mieten billig waren und – die immer gleiche Gentrifizierungsgeschichte begann.

Wir österreichischen Kinder ­verbrachten unsere Ferien in ­Lignano oder Caorle an der Adria. Wo waren Sie?
Ich liebte Sardinien, bevor ­Berlusconi es mit Bunga Bunga ­ruinierte, das war damals eine ­italienische Insel mit Italienern, ohne diese vielen Reichen von überallher. Das Meer dort ist viel schöner als in der Karibik. Wir gingen herum und sagten: „Hahaha, schau, da ist die Berlusconi-Villa.“ Ich selbst wohnte mit meinem Vater immer in einer Timesharing-Wohnung, und zwar schon im Juni, zwei Wochen bevor die Schule endete, weil es da billiger war! Später verbrachte ich viele Sommer an der Riviera Romagnola, in Milano ­Maritima und den anderen kleineren Städten um Rimini.

Vor zwei Tagen war der 15. August, Ferragosto. In Italien ist das der höchste Feiertag, es heißt: ­Tutti a mare! Alle ans Meer! ­Waren Sie an der Alten Donau?
Nein, ich war im 19. Bezirk in den Weinbergen, das war aber auch sehr schön.

Hat jede italienische Familie ­mindestens eine Nino-Rota-Platte zu Hause?
Ich nicht, denn ich habe leider alle meine Vinyls bei den vielen Um­zügen irgendwann verloren. Nun habe ich mir aber wieder einen Plattenspieler gekauft, den gleichen übrigens, den ich schon in ­Mexiko hatte, und ich wusste nicht, dass er made in Austria war – PROJECT! Eine sehr gute Marke. Aber er ist sehr kompliziert zum Aufbauen, ich bräuchte einen ganzen Abend dafür, also ist er immer noch in der Schachtel, weil ich gerade sehr viele Filme sichten muss.

Dann haben Sie wohl auch keine Zeit für Fußball? Die italienische Liga beginnt am Wochenende.
Oh Gott! Mein Vater ist ein wirklich sehr, sehr ernster Fan des AC Milan. Seit er ein junger Mann war, gehörte er einem Fanclub an, der sich jeden Donnerstag traf. Und er hatte eine Dauerkarte, war also jeden zweiten Sonntag bei den Heimspielen im San Siro. Und wissen Sie was?

Eva Sangiorgi fotografiert von Maximilian Lottmann

Was?
Er fuhr mit dem Bus von Faenza, wo wir herkommen, nach Milano, und ich musste mitkommen! Ich war soooo oft im Giuseppe-­Meazza-Stadion anstatt im Kino oder im Museum … Es war dann irgendwann echt zu viel für mich.

War es wenigstens die goldene Zeit mit Baresi …
Donadoni! Rossi! Gullit! Van Basten! Rijkaard!

Tranken Sie nach den Siegen Vino rosso oder bianco?
Siempre bianco. Und hier in ­Österreich gibt es ja wirklich sehr guten Weißwein, auch den Grünen Veltliner mag ich. In letzter Zeit trinke ich aber immer öfter diesen Pét-Nat …. Sparkling Wine … Uuuuuh … Sehr, sehr gut.

Okay, wenn wir schon in Stimmung sind, fange ich jetzt an, ­italienische Lieder zu singen, und Sie sagen mir, wie sie heißen: „Questa è la storia …
… di uno di noi … “ Adriano ­Celentano! I love Adriano! „Il Ragazzo della Via Gluck“.

Sehr gut. „Tu, quell’ espressione malinconica …
…e quel sorriso in più …“ – „I maschi“ von Gianna Nannini. Mein Vater ist ein Riesenfan von Gianna. Das war eine Vinyl, die ich hatte …

Fotoromanza?
Ja! (singt) „Questo amore è una ­camera a gas. E un palazzo che brucia in citta’ … “ Gianna ist großartig. Sie gehört zu einer sehr erfolgreichen Familie in der Toskana, die einen eigenen Kaffee produziert: Nannini Café, der ist wirklich sehr gut. Nicht so groß wie ­Lavazza, aber sehr traditionell.

Okay, ich singe weiter: „Gelato al limon …“
… Gelato al limon …“ Paolo Conte, ein sehr eleganter Herr. Ich sah ihn einmal Piano spielen in einem Studio nahe Imola, dort kommen viele Musiker hin. Zum Beispiel probte dort Gato Barbieri, der argentinische Saxofonist, und auch mein damaliger Freund, der eine Rockband hatte. Und dann ging ich da einmal hinein, und Paolo Conte spielte Klavier …

Wenn wir schon von Gelato al ­limon reden … Haben Sie schon eine ordentliche Gelateria in Wien gefunden?
Es gibt viele, aber das meiste Eis ist zu süß, vor allem das cremige. Für mich gilt: Wer richtig gutes Pistacchio-Eis macht, der kann ­etwas.

Eva Sangiorgi fotografiert von Maximilian Lottmann

Probieren Sie auch vegetarische Sorten? Kartoffel?
Einmal versuchte ich Basilikum, aber, ich meine … Das ist es nicht wirklich!

„Ich vertrage sehr viel, aber früher ­vertrug ich mehr. Es wird anstrengender.“

Ihr Vorgänger als VIENNALE-Direktor, Hans Hurch, frequentierte häufig das Café Engländer, dort gab es bald einen eigens nach ihm benannten Kaffee, den „Hurch“: ein dreifacher Espresso. Welches Getränk wird man dort nach ­Ihnen benennen?
Einen „Martini Sangiorgi“, extra dry.

„Un Sangiorgi, per favore!“ Werden Sie viele von denen trinken?
Sehr viele von denen.

Sind Sie gut in Partys?
Ich vertrage sehr viel, aber früher vertrug ich mehr. Es wird anstrengender.

Sie stehen heute nicht mehr auf und trinken einfach weiter?
Nein, ich lege Wert darauf, am Morgen frisch geduscht zu sein.

Am Ende ist es so, dass die besten italienischen Schauspieler Rocco Sifredi und Illona Staller heißen?
Ich habe großen Respekt speziell vor ihm, Rocco ist ein großer Künstler, er hat Großes geleistet und viele Türen geöffnet … Er ist ein absoluter Profi.

Zum Schluss etwas Politisches. Der ukrainische Filmemacher und Kreml-Kritiker Oleg Senzov wurde von Putins Regime in einem Schauprozess zu 20 Jahren Haft verurteilt. Nun ist er im Hungerstreik und wird vielleicht bald sterben in seinem Kampf für die Freiheit. Gleichzeitig kommt ­Putin nach Österreich und feiert mit der Außenministerin deren Hochzeit … Muss ein Festival auch politisch sein?
Es ist wirklich schrecklich. Ich denke in diesem Zusammenhang über etwas nach, aber ich weiß noch nicht, ob es funktionieren wird. Grundsätzlich ist natürlich jedes Festival politisch: Die Auswahl der Filme, die Inhalte der Filme, die Regisseure – man muss sich damit befassen, in welcher Welt wir leben, und das tun wir.

 

Eva Sangiorgi

Die Italienerin Eva Sangiorgi wurde 1978 in Faenza, Provinz Ravenna, geboren. Sie studierte in Bologna Kommunikationswissenschaften und Kunstgeschichte an der Universidad Nacional Autónoma de México. Neben ihren Tätigkeiten als Kuratorin bei internationalen Filmfestivals gründete sie dort das auf Arthouse-­Filme spezialisierte FICUNAM-Festival, das sie bis heuer als künstlerische und kaufmännische Leiterin verantwortete. Nun übernimmt sie – nach dem überraschenden Tod von Direktor Hans Hurch im letzten Sommer – die Leitung der heimischen VIENNALE.

Die VIENNALE findet von 25. Oktober bis 8. November statt. Infos unter viennale.at