AKUT

Gott übte nur, als sie den Mann schuf

Wenn Sie als Vater die dazugehörige Mutter einmal wirklich zum Lachen bringen wollen, sagen sie einfach mal: „Wir machen ja 50/50.“ Sie wird vom Sessel fallen und von Lachkrämpfen geschüttelt sein. Vielleicht gibt es Ausnahmen, aber nach langjähriger Erfahrung kann ich sagen, dass das Verhältnis in der Realität deutlich einseitiger ausfällt. Eventuell könnte man sich darauf einigen, dass es 50/50 ist in der Zeit, die Väter anwesend sind. Wenn es gut läuft.

In meinem Bekanntenkreis gibt es viele freischaffende Künstler. Sie pendeln zwischen Wien und Berlin, Hamburg und Zürich. Wenn sie Kinder haben, kümmern sie sich natürlich, so weit es geht, wenn sie da sind. Sind sie aber oft nicht.

Wenn die Kinder noch Säuglinge sind, gibt es die Brustausrede. Die muss man gelten lassen. Als Mann kann man da nur rundherum putzen oder einkaufen und versuchen, nicht zu sehr zu stören. Sind die Kinder abgestillt, kommt eigentlich die große Zeit des Vaters. Wenn er da ist.


Mein Vater hat als alter Mann plötzlich erkannt, dass er von ­meiner Kindheit und der meines Bruders eigentlich nichts mitbekommen hat. Gut, andere Gene­ration. Damals konnten Männer nicht kochen und wussten nicht, wieso das Klo immer sauber ist wie von Zauberhand. Und warum der Kühlschrank immer gut gefüllt ist. Vielleicht kauft man ihn voll, dachte mein Vater. Und wieso hatten seine Söhne eigentlich immer etwas zum Anziehen? Keine Ahnung. Mysterien. Mein Vater verließ morgens das Haus und kam mittags essen. Toll, da stand immer etwas auf dem Tisch. Dann legte er sich eine halbe Stunde hin, während alle anderen im Haus aus Rücksicht auf ihn leise sein mussten. Um fünf kam er wieder aus dem Büro und las Zeitung, wobei man ihn nicht stören durfte.

Gerechterweise muss man sagen, dass er sich selbst um Tennispartner gekümmert hat und nach dem Joggen eigenständig duschte. Ansonsten hat meine Mutter alles gemacht. Meine Mutter wäre wahrscheinlich vom Sessel gefallen, wenn mein Vater gesagt hätte, sie machen 5/95. Nein, wäre sie nicht, weil sie praktisch nie saß, sondern im Haus unterwegs war oder mit uns beim Arzt oder auf dem Weg, uns zu Freunden zu bringen.

Seit damals hat sich die Welt gedreht. Heute sagen coole Männer: Ich bin für 50/50. Sagen es und verlassen das Haus.

Und dann: Lockdown. Theater sind geschlossen, Museen, Clubs, Bars, Festivals wurden abgesagt. Die Männer in meinem Umfeld haben plötzlich nicht mehr nur Tagesfreizeit, sondern sind daheim. Babysitter kommen nicht mehr, wozu auch? Man kann eh nichts machen. Plötzlich sind alle daheim und haben das Gefühl, sie machen um 500 % mehr als üblicherweise. 500/50. Jammern, wie anstrengend alles ist, und putzen zum ersten Mal in ihrem Leben das Klo.

Ein Freund kochte zum ersten Mal in seinem Leben. Für Frau und Kind. Frankfurter. Er wusste, man muss Frankfurter in einer Flüssigkeit kochen. Welche Flüssigkeit benutzen die im Fernsehen immer beim Kochen? Olivenöl. Er füllte einen großen Topf mit Oliven­öl. Wunderte sich noch, wie sauteuer es ist, Frankfurter zu kochen. Das naturgepresste Olivenöl vom Meinl am Graben kostet fast 50 Euro. Er schüttete also 50 Euro in den Topf und erhitzte ihn dann. Kurz darauf hockte er in seiner ehemaligen Küche.
Jetzt, wo es kälter wird, sehe ich auf dem Spielplatz immer wieder kleine Kinder in dünnen Hemden und Jacken. Daneben Väter, die mit ihren Kindern nicht sprechen, weil sie es noch gar nicht mitbekommen haben, dass ihre Kinder nicht nur sprechen gelernt haben, ­sondern sogar schon lesen und schreiben können.

50/50 ist die Chance, dass Väter sich auch in den Haushalt und die Erziehung einbringen. Große Veränderungen brauchen Zeit und viele kleine Schritte. Für meinen Vater wären die 5 % schon eine grotesk übertriebene Selbsteinschätzung gewesen. Vielleicht sind wir insgesamt schon bei 12 %? Oder 16 %?

Geschichte wird geschrieben, es geht voran.

Der Freund mit den Frankfurtern hat aus seinem Unfall gelernt. Er kauft sein Olivenöl jetzt nicht mehr beim Meinl am Graben, ­sondern im Supermarkt ums Eck. So geht Evolution.


Dirk Stermann
kolumniert seit Jahren im WIENER, heißt wöchentlich Österreich ­willkommen und ist erfolgreicher Autor.