Film & Serie

Oscars in der Jogginghose

Markus Höller

Oscars 2021: Bei den wohl seltsamsten Academy Awards aller Zeiten sind 41 Spielfilme nominiert. Ich habe sie alle angesehen, damit ihr es nicht müsst.

Text: Markus Höller / Foto Header: Getty Images

Wenn in der Nacht von Sonntag auf Montag in Los Angeles zum 93. Mal die Academy Awards verliehen werden, ändert sich für uns nicht viel. Wir liegen die ganze Nacht über mit Snacks und in der Jogginghose auf der Couch und sehen zu. Neu dabei ist, dass es diesmal hauptsächlich um Filme geht, die der Großteil der Academy, aber auch des Publikums, ebenfalls in der Jogginghose auf der Couch konsumiert hat. Und auch die Gewinner werden ihre Preise wohl mehr oder weniger daheim entgegennehmen, wenn auch nicht unbedingt im lässigen Beinkleid. Ich habe mir im Lauf der letzten Monate alle nominierten Filme angesehen, leider den Großteil davon auch nur daheim (erraten: in der Jogginghose) und nicht im Kino. Wobei, „nur“ natürlich hier etwas borniert zu verstehen ist – dank dezidiertem HD-5.1-Surround-Heimkino in meiner Mancave im Keller ist es mir zumindest annähernd möglich, Kinofeeling daheim zu erzeugen.

Einige radikale Änderungen treten dieses Jahr Corona-bedingt in Kraft. So wurde die Zeremonie gleich um zwei Monate verschoben, daher der späte Termin. Übrigens erst das vierte Mal, dass der ursprünglich geplante Zeitpunkt nicht hält. Die Regelung, wonach für eine Einreichung ein Film mindestens für sieben Tage in einem Kino in Los Angeles County gezeigt werden muss, wurde eben soweit gebogen, dass dies eben nachgeholt werden muss. Und erstmals seit 1934 sind Filme aus mehr als einem Laufzeit-Jahr zugelassen, daher sehen wir hier Nominierte aus den Produktionsjahren 2019, 2020 und 2021. Unabhängig vom alles dominierenden Thema Corona gibt es auch Änderungen in den Kategorien: So wurden die beiden Disziplinen „Bester Ton“ und „Bester Tonschnitt“ zusammengefasst – eine durchaus sinnvolle Maßnahme, es hat nie wer wirklich den Unterschied gecheckt. Und die Kategorie „Bester Film“ wird künftig immer mit exakt zehn Nominierungen aufwarten, statt der veränderlichen Anzahl bisher. Alptraum für die Buchmacher, gut für die Branche. So, genug der einleitenden Worte, hier nun zu den Kategorien und den voraussichtlichen Gewinnern!


Bester Film
Der Big Mac unter den Oscars steht dieses Jahr symbolhaft für den Umbruch in der Filmbranche und das äußerst breite Feld, das sich um Goldmännchen #93 rauft. Wiewohl hier im Vergleich zu anderen Kategorien die großen Streaming-Anbieter als Produzenten noch eher unterrepräsentiert sind, zeigt sich schon deutlich die Macht von Netflix, Prime und Co.
Klarer Gewinner, was Trends und meinen persönlichen Eindruck betrifft, ist hier „Nomadland“. Der in eindrucksvollen Bildern inszenierte Autorenfilm von Chloé Zhao mit der großen Frances McDormand in der Hauptrolle ist gleichzeitig Abgesang und Hoffnungsschimmer auf das moderne Amerika. Da kommen die anderen Nominierten nicht mit. Auch wenn die ebenfalls eindringlichen sozialen Botschaften von „The Father“, „Promising Young Woman“, „Minari“ oder „Sound of Metal“ absolut wichtig und gut inszeniert sind, ebenso wie lebendig erzählte Geschichte in „Judas and the Black Messiah“ oder die opulente Hollywood-Nabelschau „Mank“: großes Kino, wie wir es 2021 verstehen, kann „Nomadland“ am kraftvollsten.

Nomadland (© Searchlight Pictures)

Beste Regie
Ein ausgesprochen buntes Feld: Perfektionist David Fincher mit dem Schwarzweiß-Epos „Mank“, Grenzgänger Thomas Vinterberg und seine Alkohol-Studie „Another Round“, dazu Lee Isaac Chungs Immigranten-Drama „Minari“ und dann noch erfreulicherweise gleich zwei Frauen! Die schon für den besten Film nominierte Chloé Zhao und Spielfilm-Debütantin Emerald Fennell mit der bitterbösen Thrillerkomödie „Promising Young Woman“. Für mich, und ziemlich sicher auch für die Academy, ein zweiter Edelmetall-Glatzkopf für Chloé Zhao. Warum die anderen nicht? Nun, „Mank“ (meiner Meinung nach mit zehn Nominierungen ohnehin hoffnungslos überbewertet) ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt und lässt stellenweise Potenzial seiner Darsteller liegen. „Minari“ und „Another Round“ sind in ihrer Machart zu wenig Hollywood-kompatibel, um ihre Regisseure zu vergolden; und „Promising Young Woman“ hat wohl zu schrägen Humor. Wir wissen ja, Humor und Oscars, das ist nicht unbedingt eine gute Mischung.


Beste männliche Hauptrolle
Eine eindeutige, wenn auch sehr traurige Sache: hier wird der Oscar posthum und völlig verdient dem letztes Jahr viel zu früh an einer Darmkrebserkrankung verstorbenen Chadwick Boseman verliehen werden. Seine finale, hochenergetische Galavorstellung als Levee Green im Musik-Kammerstück „Ma Rainey’s Black Bottom“ ist die Krönung seines Talents, auf das die Welt erst spät in seiner Rolle als Black Panther im MCU aufmerksam wurde. Unterstützend möge man auch seine Nebenrolle im ebenfalls Oscar-nominierten „Da Five Bloods“ beachten, um noch einen letzten Blick auf die unglaubliche Präsenz von Mr. Boseman zu werfen. Farewell! Umso beeindruckender, als Schwergewichte wie Anthony Hopkins in „The Father“, Gary Oldman in „Mank“ und die ebenfalls starken Vorstellungen von Riz Ahmed in „Sound of Metal“ oder Steven Yeun in „Minari“ zwar mächtig Punch, aber eben nicht so viel scheinbar mühelose Spielfreude wie der zum Zeitpunkt des Drehs schon todgeweihte Chadwick Boseman einbringen.

Chadwick Boseman (© Netflix)

Beste weibliche Hauptrolle
Schwierig. Eine sehr ausgewogene Auswahl an hervorragenden Leistungen völlig unterschiedlicher Schauspielerinnen. Für mich als Kritiker aber sehr schwer einzuschätzen, wer die Academy letztlich am meisten beeindrucken konnten. Frances McDormand, die mit ihrer Rolle im voraussichtlichen Sieger des Abends „Nomadland“ ihren dritten Oscar einheimsen und somit mit den Gigantinnen Ingrid Bergmann und Meryl Streep gleichziehen könnte? Viola Davis’ Naturgewalt in „Ma Rainey’s Black Bottom“? Vanessa Kirby in „Pieces of a Woman” oder Carey Mulligan in “Promising Young Woman”? Oder gar Musikerin Andra Day in ihrer ersten Filmrolle überhaupt in “The United States vs. Billie Holiday“, für den sie auch überraschend den Golden Globe einsackte? Ich tippe auf Carey Mulligan mit ihrer mutigen, abwechslungsreichen und extrem sympathischen Rolle als Opfer/Racheengel sexualisierter Gewalt – die Oscars sind aber seit jeher eine sehr politische und nostalgische Angelegenheit, könnte also auch gut sein, dass Viola Davis oder Andra Day im Sog der BLM-Bewegung hier zum Zug kommen. Vanessa Kirby’s Trauerrolle mag zwar einfühlsam sein, verliert sich aber im Vergleich zur vergleichbaren Darstellung von Casey Affleck in „Manchester by the Sea“ von 2016 in zu viel Pathos. Und McDormand? Ich glaube, Hollywood lässt sie noch ein bisschen zappeln bis zum dritten Oscar. Zumal der letzte ja erst drei Jahre her ist.

Promising Young Woman (© Focus Features)

Beste männliche Nebenrolle
In dieser Kategorie finden wir ein absolutes Kuriosum vor! Sowohl Lakeith Stansfield als auch Daniel Kaluuya wurden hier als Supporting Actor für denselben Film nominiert, nämlich für das Black-Panther-Dokudrama „Judas and the Black Messiah“ – was die Frage offenlässt, wer zum Geier dann die Hauptrolle war? Huh? Anyway, für mich und voraussichtlich für die Academy eine recht klare Sache, dass Daniel Kaluuya hier den goldenen Onkel mit nach Hause nimmt. Obwohl dort und da auch Leslie Odom Jr. für seine meiner Meinung nach zu glatte Verkörperung von Sam Cooke in „One Night in Miami“ ins Spiel gebracht wird, hat selbiger hier ebenso schlechte Karten wie Paul Raci in „Sound of Metal“ (zu laid back) wie Sacha Baron Cohen in „The Trial of the Chicago 7“ (zu routiniertes Malen nach Zahlen). Lakeith Stansfield? Hat in seiner Co-Supporting Role (immer noch: WTF?) Daniel Kaluuya wenig entgegenzusetzen. Und, auch in dieser Kategorie erneut nicht zu übersehen: drei schwarze Darsteller im Jahr von BLM könnten die Oscar-Entscheidung deutlich beeinflussen. Überhaupt bei den zugrundeliegenden Filmthemen.


Beste weibliche Nebenrolle
Hier gehen die Meinungen der Fachpresse untereinander, einschließlich mir, wohl am weitesten auseinander. Während die einen Filmgeeks Olivia Colman als Tochter in „The Father“ ganz vorne sehen, lobpreisen die anderen Maria Bakalova für ihre Rolle in „Borat Subsequent Moviefilm“. Quatsch, sagt wieder jemand anderer, Yuh-Jung Youn in „Minari“ ist es, während zum Beispiel ich Glenn Close in „Hillbilly Elegy“ favorisiere. Lediglich Amanda Seyfried in „Mank“ hat niemand auf der Rechnung. Wird auch so bleiben. Eine Wahl nämlich diesmal, in der sich die verlogenen Mechanismen von Tinseltown am besten manifestieren. Während Maria Bakalova vor allem für ihre „mutige“ Performance in der berüchtigten Szene mit Rudy Giuliani jede Menge Lob für eine sonst eher durchschnittliche Performance einholt, wird die mitreißende Darstellung von Glenn Close aufgrund der sonst eher abschätzigen Reviews des Redneck-Familiendramas unverdient mit in den Abgrund gerissen. Und bei Yuh-Jung Youn, die als schrullige Einwanderer-Oma brilliert, wird man den Verdacht nicht los, dass es viel mehr um Hollywoods neuentdeckte Liebe zu asiatischer Diversity als um tatsächliche Screentime mit Gravitas geht. Wird aber wohl so sein, obwohl ich hier eigentlich lieber die bereits zum achten(!) Mal nominierte, aber bisher leer ausgegangene Ms. Close sähe.


Bestes Originaldrehbuch
Diesmal mit einem deutlichen Mangel an wirklich originellen Ideen ausgestattet, wahrscheinlich heuer eine der eher faderen Kategorien. „Judas and the Black Messiah“ und „The Trial of the Chicago 7“ rollen für den Großteil der Welt unbekannte Minutien amerikanische Geschichte auf, während sich “Minari”, wenn auch aus einem anderen Winkel, am ewigen Thema des amerikanischen Traums abarbeitet. Jo eh. Im Westen wenig Neues also. Der mutige, unkonventionelle Ansatz von „Sound of Metal“ zur filmisch bisher stiefmütterlich behandelten, aber weit verbreiteten Krankheit Gehörverlust, macht hingegen schon deutlich mehr her, wiewohl das begleitende Beziehungsdrama und die doch recht vorhersehbare Handlung ein wenig zu schablonisiert wirken. Dennoch ein bemerkenswerter Film. Die Krone holt hier aber für mich eindeutig „Promising Young Woman“ von Autorin/Produzentin/Regisseurin Emerald Fennell, die mit ihrem Spielfilm-Erstling das Thema sexualisierte Gewalt – auch dank Carey Mulligans exzellenter Darstellung – auf so eindringliche wie unterhaltsame Weise transportiert, dass man als Mann auf der Couch (ehschowissn, Heimkino) von zutiefst fremdbeschämter Fötalhaltung zu lauthals begeisterten Standing Ovations wechselt. Im Minutentakt.


Bestes adaptiertes Drehbuch
Eine für mich noch weniger nachvollziehbare Runde an Nominierungen, mit einem wahrscheinlichen Sieger, eh verdient, und einem persönlichen Favoriten. Aber der Reihe nach. Der in jeder Hinsicht deutlich schwächere als sein Vorgänger „Borat Subsequent Moviefilm“ und der bis zum Schluss eher ziellos dahin mäandernde „One Night in Miami“ sind für mich nicht nachvollziehbar, Punkt. „Nomadland“ wird hier wohl, verdient und souverän, Statue Nummer Drei für Chloé Zhao klarmachen. Detailliert gezeichnete, authentische Charaktere, „echte“ Dialoge und ein glaubhaftes Setting machen den Unterschied. Obwohl: „The Father“ mit seinem exzellent umgesetzten, wichtigen Thema Demenz kann man hier aber dennoch nicht ganz abschreiben, ebenso wie die höchst unterhaltsam beschriebene Kritik am indischen Kastenwesen „The White Tiger“, meinem persönlichen Favoriten in dieser Kategorie.


Bester Animationsfilm
Ein stilistisch wie thematisch weites Feld, auf dem aber wie so oft einfach kein Weg an Disney respektive Pixar vorbeiführt. Das Studio mit der Maus ist gleich ein mit zwei Filme nominiert, zum einen mit dem eher konventionellen Coming-of-Age/Familien/Fantasy-Film „Onward“, zum anderen mit der ungleich größeren, philosophischen und „erwachsenen“ Musik-Comedy „Soul“. Ich lehne mich hier, auch aus persönlichen Präferenzen, nicht weit aus dem Fenster, wenn ich hier einen klaren Sieg für „Soul“ voraussage. Der (wenn auch gut gemachte, aber schamlos von Disney-Tropen abkupfernde) und sich peinlich an den chinesischen Markt anbiedernde Netflix-Streifen „Over the Moon“ fällt hier deutlich zurück. Ebenso wie die stets exzellenten Aardman Animations mit ihrem letzten Stop-Motion-Geniestreich „A Shaun the Sheep Movie: Farmageddon“, die trotz unzähliger Filmzitate von „E.T.“ über „Wall-E“ bis zu „Independence Day“ einfach nicht die Tiefe und Perfektion erreichen wie Pixar mit „Soul“. Hier wird erneut ein großes Fass aufgemacht, man begibt sich nach Jugend-Psychologie („Inside Out“) und Tod („Coco“) auf eine geradezu metaphysische Ebene und widmet sich dem Thema „Seele“. Ein wenig schade auch, dass dadurch auch der stilistisch erfrischend andere Animationsfilm „Wolfwalkers“ ein wenig unter die Räder der Disney-Maschine kommt.


Bestes Szenenbild
Man wäre versucht, hier eventuell den polarisierenden, ausladenden Action-Knüller „Tenet“ den Vorzug zu geben, aber letztendlich wird dann doch „Mank“ das Rennen machen. Warum? Weil sich Hollywood gerne selbst feiert, und David Fincher gelingt das in seiner peniblen Art mit seiner Schwarzweiß-Ode an den genialen „Citizen Kane“-Drehbuchautor und Alkoholiker Herman J. Mankiewicz so perfekt, dass selbst der nicht minder penible Christopher Nolan trotz Farbe und IMAX nicht mitkommt. Der recht konservativ ausgestattete Abenteuer-Western „News of the World“ und das liebevolle Drama „The Father“ wirken dagegen etwas hausbacken und uninspiriert. Lediglich „Ma Rainey’s Black Bottom“ könnte hier noch aufgrund seiner Credibility mithalten, muss dann aber doch gegenüber dem weit opulenteren „Mank“ zurückstecken.


Beste Kamera
Erneut eine harte Nuss, nicht generell, aber zwischen zwei praktisch gleichwertigen Filmen in dieser Kategorie. „News of the World“, „The Trial of the Chicago 7“ und “Judas and the Black Messiah“ sind solide gemachte, mit Liebe zur großen Leinwand gedachte Kameraarbeiten, die durchaus mit dem einen oder anderen tollen Money Shot aufwarten können. Jedoch sind „Nomadland“ mit seinen eindringlichen, ruhigen Einstellungen auf der einen Seite und „Mank“ mit seiner alles andere als einfach zu realisierenden Monochrom-Welt bei den diesmaligen Einreichungen so herausragend, dass es praktisch nur diese beiden Contender gibt. Für mich, und höchstwahrscheinlich die Academy auch, wird aber wohl Erik Messerschmidt mit seiner präzisen und handwerklich höchst bemerkenswerten digitalen „Hi-Dynamic Range“-Kameraarbeit den Oscar schnappen. Man sehe sich nur die Nachtszenen an, die aber am helllichten Tag gedreht wurden. Top Notch.


Bestes Kostümdesign
Den charmant bemühten, aber doch recht plumpen „Pinocchio“ kann man hier gleich mal getrost außen vor lassen wie die peinliche Neuinterpretation von „Mulan“. Kommen wir zu den ernsthaften Teilnehmern in der Fetzen-Kategorie. „Ma Rainey’s Black Bottom“ ist hier mit seiner liebevoll ausgestatteten Garderobe (ganz wichtig: die gelben Schuhe!) ebenso qualifiziert wie der perfekt gekleidete Cast von „Mank“, letzterer verliert aber gerade beim Kostüm aufgrund der Schwarzweiß-Inszenierung deutlich an Strahlkraft, buchstäblich. Ganz im Gegensatz zum Jane-Austen-inspirierten, leichtfüßigen Kostümschinken „Emma.“. Denn Kostümschinken waren immer schon eine Bank, wenn es in der Nacht der Nächte in Hollywood um Preise für die besten Stoffkreationen ging. Ein noch nicht ganz entschiedenes Match zwischen drei Filmen also, bei denen ich aufgrund der guten, alten Rüschenabteilung am ehesten „Emma.“ den Sieg zutraue.


Bester Schnitt
Ich. Weiß. Es. Nicht. Ehrlich jetzt: „Nomadland“, „Sound of Metal“, „Promising Young Woman“, „The Father“ und „The Trial of the Chicago 7“ sind durch die Bank perfekt geschnittene Filme, da wird es fast unmöglich, einen Sieger zu küren. Perfektes Pacing, hervorragendes Timing und, soweit ich das beobachten konnte, fehlerfreie Continuity, da bleibt einem nur noch eine reine Gefühlsentscheidung. Gehen wir vom innovativsten, emotionalsten Zugang aus, müsste es wohl „Sound of Metal“ werden, auch mein persönliche Wunschkandidat. Und am wenigsten wahrscheinlich „Promising Young Woman“. Aber möglich ist hier alles, auch ein weiterer Win für „Nomadland“. Eine der spannendsten und wahrscheinlich knappsten Entscheidungen der Academy Awards 2021!


Bestes Makeup und Haare
Mit einem – wenig überraschend – fast identischen Nominiertenfeld wie „Bestes Kostümdesign“ (hier nimmt „Hillbilly Elegy“ den Platz von „Mulan“ ein), wird meiner Einschätzung nach diesmal „Ma Rainey’s Black Bottom“ die Nase vorne haben. Vor allem die faszinierende und geradezu hypnotische Schminke von Viola Davis als Ma Rainey ist wirklich herausragend. „Emma.“ und „Mank“ wirken dagegen fast etwas dröge, „Pinocchio“ ist einfach nur zu viel des Guten und „Hillbilly Elegy“ verwandelt die Hochkaräterinnen Glenn Close und Amy Adams so glaubwürdig in fertigen White Trash, dass man gar nicht hinsehen möchte. Letztlich erwischt eben nur „Ma Rainey’s Black Bottom“ den sweet spot zwischen zeitgenössisch korrekter Interpretation und theatralischem Wow-Effekt, wo im Spektrum „Hillbilly Elegy“ einfach zu realistisch und „Pinocchio“ zu künstlich ist.


Bester Sound
Ok, das ist eine klare Sache. In der Kategorie kann nur der Film gewinnen, wo das Thema Hören das zentrale Motiv ist. „Sound of Metal“ meistert die emotionale Erzählung um einen Musiker, der sein Gehör verliert, nicht nur dramaturgisch, sondern auch medizinisch-fachlich und letztlich technisch so bravurös, dass jeder andere Gewinner eine Überraschung, ja ein Affront wäre. Auch die üblichen Soundmeister Disney mit „Soul“, Western „News of the World“, Kriegsfilm „Greyhound“ und der ebenfalls nominierte „Mank“ spielen da einfach nicht in der gleichen Liga. Ich und meine sechs Freunde im Heimkino (Lefty, El Centro, Mr. Right, die Surround Sisters und Woofy McWoofface) sind da einer Meinung.

Sound of Metal (© Amazon Prime Video)

Beste visuelle Effekte
Eine, äh, etwas durchwachsene Liste an Nominierten rittert um den Preis für die besten Effekte. Nicht falsch verstehen, handwerklich sind die fünf Filme allesamt beeindruckend und lassen einem bei genauerem Betrachten des schon als selbstverständlich empfundenen Grades an Realismus den Mund offenstehen. Aber man fragt sich schon, wie ein gänzlich uninspirierter Film wie „The Midnight Sky“ mit ebensolchen Effekten oder 08/15-„Mulan“ in einer Liga mit dem zwar faden, aber perfekt digital angereicherten „The One and Only Ivan“ überhaupt in derselben Liga spielen dürfen. Erst recht, wenn der charmante Endzeit-Monsterfilm „Love and Monsters“ das alles mit einem vergleichsweise Pipifax-Budget genauso gut, wenn nicht besser hinkriegt? Ist aber unterm Strich egal, denn schon seit Jahren sind die Zuschauer des digitalen Wettrüstens müde und daher auch ziemlich saturiert. Ein starkes Argument, um practical effects, Kameratricks und der klassischen F/X-Abteilung mal Respekt zu zollen und sie für den mit erstaunlich wenig digitalen Tricks auskommenden Vorwärts/Rückwärts-Mindfuck „Tenet“ auszuzeichnen. Wäre verdient.


Beste Filmmusik
Eine der Disziplinen, wo Disney ein Dauer-Abo hat. Und auch dieses Jahr zeigt sich wieder mal: zu Recht. Der einfühlsame, abwechslungsreiche und groovy Soundtrack zum Pixar-Streifen „Soul“ überzeugt in jeder Sekunde, auch und gerade im Kontext zu Titel und Erzählung. Verantwortlich dafür zeichnet neben dem britischen Synthie-Urgestein Atticus Ross (Bomb the Bass) und Jazzmusiker Jon Batiste ein gewisser Trent Reznor. Sie wissen schon, der ehemals kokaingebeutelte Kopf hinter dem brachialen Industrial-Sound von Nine Inch Nails. Ja, der macht jetzt Filmmusik für Disney. Nein, das ist kein Zufall, denn er ist mit Atticus Ross gemeinsam gleich für noch einen Soundtrack nominiert, nämlich „Mank“. Ist aber eher so lala, genauso wie die Musik zu „News of the World“ oder „Minari“. Lediglich „Da 5 Bloods“, das ambitionierte Vietnamkriegs-Versatzstück von Spike Lee, kann da noch mithalten, verliert sich aber viel zu sehr in zu offensichtlichem Motown-Soul, den wir alle in Dutzenden Vietnam-Filmen schon Dutzende Male gehört haben.


Bester Song
Wiewohl diesmal kein richtiger Banger dabei ist, gibt es zur Wahl des besten Songs zwei Lager: die Soul-orientierten, aber ein wenig langweiligen Songs „Fight for You“ aus “Judas and the Black Messiah“, „Hear my Voice“ aus „The Trial of the Chicago 7“ und das mehrfach favorisierte „Speak Now“, selbst gesungen vom eh auch im Schauspielfach nominierten Leslie Odom Jr. in seiner Rolle als Sam Cooke in „One Night in Miami“. Meiner Meinung nach aber relativ gewöhnliche Stangenware. Auf der anderen Seite haben wir den wehmütigen Schmelz des wundervollen „Io Si (Seen)“ aus „The Life Ahead“. Und erst recht die sagenhaft bombastische Grandezza, ironisch hin oder her, von „Husavik“ aus „Eurovision Song Contest“. Der müsste meiner Meinung nach haushoch gewinnen. Aber sind wir uns ehrlich: Wenn nominiert, würde sowieso „Ja Ja Ding Dong“, ebenfalls aus „Eurovision Song Contest“, mit fliegenden Fahnen gewinnen. Aber die Oscars sind kein Wunschkonzert (pun intended), und gewinnen wird, BLM-motiviert, „Speak Now“. Eh ok.


Bester Dokumentarfilm
Mir tut es schon jetzt ein wenig weh, wenn eine der kreativsten Kategorien in diesem Jahr mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit von dem vermutlich plattesten Dokumentarfilm gewonnen wird, der aufgrund formaler Mängel eigentlich gar keine Doku ist. Aber von Anfang an. „Crip Camp“ über ein US-Jugendcamp für Behinderte in den 70ern, aus dem letztendlich eine Bürgerrechtsbewegung und grundlegende gesetzliche Reformen hervorgingen, ist zwar hochinteressant, verzettelt sich aber in zu viele handelnde Personen und einem leider sehr holprigen Schnitt. „My Octopus Teacher“ ist zwar drollig, aber letztendlich will doch niemand die filmische Aufarbeitung der Midlife-Crisis eines saturierten Dokumentarfilmers sehen, Tintenfisch hin oder her. Wesentlich cooler ist da schon die chilenisch/deutsche Doku „The Mole Agent“, in der mittels Undercover-Opa im Altersheim das Thema Vereinsamung im Alter ebenso charmant wie berührend thematisiert wird. Nur ein wenig zu nett vielleicht. Der Gewinner dieses Jahr sollte „Collective“ sein, eine präzise recherchierte und straff geschnittene Aufarbeitung der Korruption und politischen Verfilzungen in Rumänien nach dem Skandal um die vielen Toten der Brandkatastrophe in der Diskothek Colectif. Gerade angesichts der aktuellen halbseidenen Geschehnisse in und um Österreich, vor allem im Gesundheitswesen, wahrscheinlich einer der dringlichsten und wichtigsten Filme der letzten Jahre. Im Vergleich dazu ist der programmierte Sieger (weil, erraten: BLM) „Time“ rund um die Ungerechtigkeiten gegenüber Schwarzen im amerikanischen Gefängnissystem nicht würdig. Ich kann mir an der Stelle den Kommentar nicht verkneifen: Raub keine Bank aus, dann kommst du auch nicht in den Knast. Egal, welche Ethnie.


Bester Internationaler Film
Letztes Jahr war ja mit dem Sieg von „Parasite“ eine echte Sensation, dieses Jahr wird aber wohl fest in der Hand von Hollywood’s Own bleiben, auch wenn ethnische und geschlechtsspezifische Diversität mittlerweile erfreulicherweise schon weit weg von #oscarssowhite 2015 sind. Der zuvor erwähnte „Collective“ ist auch hier nochmal nominiert und bekommt so die Aufmerksamkeit, die er verdient. Der chinesische Beitrag „Better Days“ thematisiert rund um einen Teenager-Krimi das Thema Mobbing an der Schule und legt zusätzlich quasi im Vorübergehen die Mechanismen und Methoden der chinesischen Bildungspolitik und sozialen Kälte offen. Gruselig. „The Man who sold his Skin“ aus Tunesien ist eine Groteske mit einigen Plot Twists, die die Flüchtlingsthematik einerseits und die Absurdität und den Zynismus des Kunstbetriebs (wie auch in der alten Kurzgeschichte „Skin“ von Roald Dahl) andererseits spitz aufs Korn nimmt, aber letztlich zu wenig Biss hat. „Quo Vadis, Aida?“ beleuchtet aus bosnischer Sicht die unfassbaren Ereignisse von Srebrenica 1995, wühlt auf, macht wütend und traurig. Wird aber wohl aufgrund des völlig zu Recht dargestellten kompletten Versagens der UN und der USA wohl kaum Sympathien im Gremium finden. Im Gegensatz zur großartigen Alkohol-Tragikomödie „Another Round“, in der Thomas Vinterberg den Suff in Dänemark gekonnt inszeniert. Mehr dazu habe ich hier schon geschrieben.


Zusammenfassend kann man also sagen, dass es sich trotz der widrigen Umstände dieses Jahr um ein sehr homogenes und kompetitives Feld mit großteils auszeichnungswürdigen Leistungen handelt. Einen echten Megaknüller, wie es ihn schon oft bei Oscars gab, sucht man dieses Jahr aber vergeblich. „Mank“ mit seinen völlig falsch eingeschätzten zehn Nominierungen ist hier irreführend – man vergleiche nur die drei Giganten „Ben Hur“, „Titanic“ und „The Lord of the Rings: The Return of the King“, die jeweils elf Oscars gewinnen konnten. Das passt nicht zusammen. Und weil wir gerade beim Kritisieren sind: auch dieses Jahr sind auch so manche Filme und Performances völlig unverständlicherweise durch den Rost gefallen: Robert Pattinson in „The Devil all the Time“, Lance Henriksen in „Falling“, „I Care a Lot“ vor allem wegen Rosamunde Pike, „Kajillionaire“ für Script und gleich alle Rollen und „The King of Staten Island“ hätte Judd Apatow eigentlich irgendeinen Oscar bescheren sollen. Delroy Lindo für seine explosive Darstellung in „Da 5 Bloods“ wurde ebenso übergangen wie die unglaubliche Kameraarbeit und der Schnitt von „I’m Thinking of Ending Things“. Naja. Zumindest wurde der ausgesprochen schwache (trotz Bill Murray!) „On the Rocks“ von Sofia Coppola nicht wie üblich in den Himmel gehoben, oder der pretentiöse „Malcolm & Marie“. Immerhin.

So, genug jetzt. Viel Vergnügen beim Mitfiebern in der Oscar-Nacht und gute Unterhaltung mit ein paar (oder allen) beschriebenen Filmen!

Die Oscar-Verleihung wird in der Nacht von 25. auf 26. April ab 00:30 Uhr auf ORF 1 Live übertragen.

Titelbild © Getty images