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Der große Knall – Birol ist tot – Das Quietschen der Betten

„Ein Kompromiss ist die Kunst, den Kuchen so zu teilen, dass jeder meint, er habe das größere Stück bekommen.“
Ludwig Erhard, Finanzminister

Ich weiß, ich bin spät dran. Mit dem Text muss ich mich jetzt beeilen, sonst wird das nichts mit dem wirklich allerletzten Redaktionsschluss. Dabei bin ich unschuldig. Niemand hat mich verständigt, und jetzt sagen sie, das war keine Absicht, und es wäre ja zu schade, gäbe es genau zu diesem Thema eine Ausgabe ohne meine Kolumne. Nun, ich glaube nicht an Zu­fälle, und ich weiß, dass man mich hier loswerden will wegen meiner umbarmherzigen Kompetenz und weil niemand so viel weiß über das Leben vor und nach dem großen Knall, wie ich es weiß. Wenn wir einmal ehrlich sind, hätte ich das ganze Heft alleine schreiben sollen. Gut gelauntes Leben am Abgrund ist mein Ding.

Sie wollen wissen, wie es nach dem großen Knall weitergeht? Ich verrate es Ihnen, und ich verrate Ihnen auch die wahrscheinliche Reihenfolge. Erst wandert das Klo vom Gang in die Wohnung. ­Irgendwann pflastert der Onkel ein paar Fliesen in die Ecke der schmalen Küche, und dann bauen sie eine Dusche, und man geht nicht mehr jeden Freitag ins Tröpferlbad. Als Nächstes kommt das Vierteltelefon, und man hört auf, mit der Nachbarin zu sprechen, weil man einander zu hassen ­beginnt wegen eben diesem Vierteltelefon und der Tatsache, dass man sich seinen Anschluss mit drei weiteren Dauertelefonierern teilen muss. Dann fehlt nur noch der Nordmende-Fernseher und das Auto. Ich werde mir einen NSU Prinz 1000 bestellen, schon wegen dem Rückfahrscheinwerfer, weil wenn ich etwas in meinem sonst doch recht erfüllten Leben vermisse, dann ist es ein Rückfahrscheinwerfer.


Alles dreht sich, alles bewegt sich, und am Ende ist man wieder am Anfang. Wenn uns die Rechtspopulisten mal wieder gegen die Wand fahren, wiederholen wir einfach das Wirtschaftswunder. Der Weg nach oben macht Spaß, fragen Sie Ihren Urgroßvater oder mich. Immer mehr von allem, immer Neues, immer spätesten zwei Jahre später alles haben, was die Nachbarn haben (keine Kinder, beide arbeiten und Freitags nach dem Nachtfilm rhythmisches ­Bettquietschen für knappe sieben Minuten). Mehr will man gar nicht im Leben. Ich meine nicht die sieben rhythmischen Minuten, ich meine, dass man hat, was die Nachbarn haben. Es gibt kein Grundbedürfnis nach Nord­mende-­Fernsehern und Rückfahrscheinwerfern, aber es gibt ein Grundbedürfnis danach, das zu haben, was der Nachbar hat. Da ist eine immanente Konkurrenz. Das wissen die Konzerne, und deswegen gibt es bei Handys keine Viertelanschlüsse wie damals beim Festnetz. Damals konnte man das mit uns machen, weil wir hatten ja nichts nach dem Krieg.

Aber apropos „Gegen die Wand“ und der „große Knall“. Sie wissen es sicher, der Birol Ünel ist gestorben. So traurig, genau so alt wie ich und auch so ein großes Talent. Der hätte das Heft hier auch alleine schreiben können. Also quasi von der ersten bis zur letzten Seite. „Gegen die Wand“ gehört zu den Filmen, bei denen ich am Ende aufstehe und laut klatsche. Natürlich nur, wenn ich alleine daheim bin und nur mein Hund das sieht, und der hat schon ganz andere ­Sachen gesehen. Ob die göttliche Sibel Kekilli auch traurig ist, oder war das nur ein Film wie jeder ­andere, und sie hat den Birol vergessen? Ich war mal bei einer türkischen Familie eingeladen. Das muss so zehn Jahre oder mehr her sein, und es gab ein wunderbares Essen. Die Frauen haben serviert, und ich bin gesessen mit den anderen Männer, und weil ich Fotograf war, haben sie die Fotos gezeigt vom letzten Heimaturlaub. Richtige Fotos zum in die Hand Nehmen meine ich. Auf den Bildern sah die älteste Tochter aus wie Sibel Kekilli, genau so hübsch, und das habe ich dann auch gesagt, weil ich dachte, dass das den Vater und die Brüder freuen würde. Hat sie aber nicht gefreut, und es war sehr peinlich, weil ich ja nicht wusste, dass die Sibel auch solche Filme gedreht hat damals.

Womit sich der Kreis schließt. Nach dem großen Knall kommt ­alles, wie ich am Anfang beschrieben habe. Sie erinnern sich, vom Innenklo bis zum NSU Prinz 1000. Nur Pornos wird es dann lange nicht geben. Die gibt es erst nach den Hippies. Bis dahin bleibt ­Ihnen nur das rhythmische Quietschen des Bettes jeden Freitag nach dem Nachtfilm. Kein ­schlechtes Leben. Glauben Sie mir das, bitte.


Götz Schrage
war bis vor Kurzem exklusiv am Zweirad unterwegs. Nach einem Unfall, bei dem er bewusstlos auf der Gumpendorfer Straße gefunden wurde, hat er als Spätberufener den B-Schein gemacht. Die Ärzte meinen, es gäbe keinerlei Folgeschäden nach dem Unfall. Wir von der Redaktion sind uns da nicht so sicher.