AKUT

Ufos, Aids und Pershing II

Das Jahrzehnt der Hiobsbotschaften im Rückspiegel der Zeit.

Text: Manfred Rebhandl

Sagen wir es gleich: Die wenigen Stunden, in denen ich während der 80er Jahre keine Angst hatte, waren die halsbrecherischen Autofahrten mit meinem Vater in seinen Blechbüchsen aus der Fertigung in Wolfsburg, die wir ohne Sicherheitsgurt absolvierten; die Fahrten über lange Geraden und uneinsehbare Kurven auf den Landstraßen, in denen er zum Überholen von immer mindestens 20 Autos hintereinander ansetzte, während seine durch harte Arbeit zu Stahlzangen mutierten Hände das Lenkrad sicher hielten und ich einfach wusste, dass nichts schiefgehen würde.

Es waren diese Hände, die mir in all dem Chaos doch noch ein wenig Vertrauen ins Leben gaben, seine Finger waren immerhin dicker als die Augenbrauen von Leonid Breschnew und eine einzige seiner Pranken würde genügen, um den russischen Bären, vor dem ich so Angst hatte damals (siehe: Augenbrauen von Leonid Breschnew) hinter den Eisernen Vorhang zurückzuwerfen, wo er hingehörte. Nur:  Würde er auch mit den UFOs fertig werden?

Jeden Abend vor dem Schlafengehen schaute ich sorgenvoll unter meinem Bett nach, ob irgendwelche Grünäugigen darunter lagen,
die mich mitnehmen wollten.

Die Angst vor UFOs und Außerirdischen war 1978 mit dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, das mein Bruder anschleppte, in unseren Haushalt gezogen. Auf dem Titelblatt stand: „Spuk oder Wirklichkeit? Die UFOs -kommen.“ Die Außerirdischen machten das nämlich sehr geschickt. Sie streuten gezielt Gerüchte auf unserem Planeten, verteilten gefakte Fotos, auf denen man irgendwelche Lichtpunkte sah, und nannten alle Medien, die ihre Existenz trotzdem nicht bestätigen wollten, „Lügenpresse!“.

Sie schürten eine diffuse Angst, die zu mir unter die Bettdecke kroch und mich während der kommenden Jahre nicht mehr loslassen sollte. Im Gegenteil: Mit jedem neuen Spiegel-Titel wurde die Angst konkreter, denn es schien auf dieser Welt nur noch Terror, Kriege und Umweltkatastrophen zu geben und meine Mutter kriegte den Beistrich in meiner Unterhose auch mit ganz viel Omo nicht mehr raus.

Unsere Zukunft sah zappenduster aus, denn wir hatten schlicht keine. No future! lautete das Motto, unter das wir dieses Jahrzehnt gestellt hatten.

Wer also als heute Pubertierender, bei dem die Hirnmasse noch nicht recht ausgebildet ist, weil sie noch blubbernd herumschwimmt und darauf wartet, zu einem schönen Kuchen eingedampft zu werden, wer also heute heranwächst und meint, das Leben in unserem aktuellen Pimperljahrzehnt wäre irgendwie verstörend, ja beängstigend, der weiß nichts von den Eighties und den endzeitlichen Prophezeiungen, die uns
damals begleiteten.

Es fing schon nicht gut an. Die Sowjetunion, „eine Atommacht mit der Wirtschaftsleistung Obervoltas“ (Helmut Schmidt), versuchte, den drohenden Zerfall im Inneren mit einem überstürzten Krieg in Afghanistan zu kaschieren.

Als Edward  Teller im Club 2 die Neutronenbombe lobte, fing Ursula Koch an zu weinen.

„Sowjet-Einmarsch in Afghanistan – Neue Strategie der Macht?“ titelte der Spiegel, und er zeigte uns russische -Panzer mit grimmigen Soldaten drauf.

Was zunächst als Einnahme einer kleinen Jause durch den übermächtigen russischen Bären gedacht war, welche nur die Weltordnung West – Ost, Gut – Böse weiter zementieren sollte, entwickelte sich zu einem Gemetzel mit Bildern abgeschossener Hubschrauber, erbeuteter Panzer und gefangen genommener Russen, die wir jeden Tag über Zeitung oder ORF-Nachrichten serviert bekamen. Irgendwann taten einem die Russen fast leid, denn sie kämpften dort am Hindukusch gegen entspannte bärtige Typen, die sich Mudschahedin nannten. Dieses Wort fraß sich in mein angstgeplagtes Gehirn wie heute der Begriff Dschihadist. Abends schaute ich nun unter meinem Bett nach, ob vielleicht schon einer von denen darunter lag, denn man sagte ihnen überirdische Kräfte nach. Am Ende hatten sie den russischen Bären so weit, dass er geschlagen nach Hause tapste, und dort zerfiel dann seine Supermacht. Die Außerirdischen blickten von oben herab und trauten ihren Augen nicht, so wie auch wir Erdlinge nicht recht wussten, wie uns geschah. Man hatte uns doch versichert, dass der Kalte Krieg ewig dauern würde.

Dann starb auch noch der Wald.

„Saurer Regen über Deutschland – Der Wald stirbt“ titelte der Spiegel 1981, und man einigte sich schnell auf einen griffigen Slogan: Erst stirbt der Wald, dann stirbt der Mensch.

Wenn ich nun frühmorgens mit dem Fahrrad zur Schule fuhr, dann schaute ich hinauf zu den Wipfeln der Bäume, und tatsächlich! Ihre Kronen waren gelichtet, so wie man es prophezeit hatte, und die Luft war saurer als der Erdbeerwein, den wir vorm Flaschendrehen tranken. Apokalyptische Landschaften mit Baumgerippen und dahinter liegenden Fabriksschloten, vorzugsweise aufgenommen in Tschechien mit seinen Kohlekraftwerken, deren Abgase allem und jedem die Luft zum Atmen raubten, flimmerten in unsere Wohnzimmer. So würde unsere Welt aussehen! Die Außerirdischen ließen sich immer seltener blicken, denn mal ehrlich: Wo sollten sie hier landen?

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Vor lauter Angst fing ich an zu rauchen wie ein Schlot, und weil ohnehin schon alles egal war, hörte ich sogar auf, mich zu waschen. Ich hatte nämlich null Bock, wie man plötzlich sagte, auch nicht auf Seife. Nur mein Vater blieb cool. Er sah als Einziger keine sterbenden Bäume, denn er war früher Holzfäller gewesen und kannte sich aus. Und was soll man sagen? Er hatte recht.

Schon ein Jahrzehnt später wurde wieder Entwarnung gegeben. Man hatte ein wenig Kalk auf die Waldböden geschüttet und ein paar Filter in die Schornsteine gehängt. Schon bald sahen die heimischen Großgrundbesitzer vor lauter Bäumen ihren Wald nicht mehr.

Andere in meinem Alter, die nicht ständig den Spiegel lasen und sich deswegen in die Hose machten, legten mehr Wert auf ihr Äußeres. Sie trugen plötzlich Karottenjeans von Fiorucci und eine frisch geföhnte Haartolle hing ihnen tief ins Gesicht. Sie lebten bewusst konformistisch und hatten einen starken Drang in Richtung Papas Geldbörse. Die „Bravo“ titelte: „So wirst du ein echter Popper.“

Ich wollte alles, nur nicht das. Stattdessen schloss ich mich der Friedensbewegung an und schwor mir, niemals zum Bundesheer zu gehen.

Das Wettrüsten hatte seinen Höhepunkt erreicht, als das westliche Verteidigungsbündnis die Stationierung sowjetischer SS-20-Raketen durch den stets grimmig dreinblickenden Leonid Breschnew mit dem NATO-Doppel-beschluss konterte. In Deutschland versenkte man Mittelstreckenraketen der Marke Pershing II und Tomahawk in der Erde, um das „Gleichgewicht“ zu wahren. Der Spiegel zeigte ein glänzendes, phallisches Teil auf dem Cover und schrieb: „Die Pershing kommt!“

Ihr Anblick beruhigte nicht alle, und als 1981 der Atomphysiker Edward Teller in einem berühmt gewordenen Club 2 mit dem Titel „Strahlende Zukunft“ saß und dort so zynisch und kalt über die Vorteile der Neutronenbombe sprach, fing eine Mitdiskutantin an zu weinen.

Männer und Frauen, die sich „alternativ“ nannten, nahmen ihr Strickzeug und gingen auf die Straße, die „Friedensbewegung“ war geboren und bald gab es ordentlich was auf die Fresse. Die, die überlebten, landeten im Parlament und nannten sich fortan „Die Grünen“. Man versprach uns, dass die Welt von nun an friedlich sein würde, und da nahmen wir sogar in Kauf, dass weibliche Mitglieder der Grünen ihre mitgebrachten Bälger in den hinteren Abgeordnetenreihen stillen durften. Der Anblick ihrer hängenden Brüste schockierte mich mehr als der Anblick toter Russen am Hindukusch und sterbender Bäume. Und das mit dem friedlichen Europa erwies sich auch als leeres Versprechen.

Ich war, was Frauen anging, äußerst anspruchsvoll in jenen Tagen: Brooke Shields landete 1980 in der „Blauen -Lagune“ und der Start einer FS-Serie namens „Dallas“ brachte ab 1982 Pamela Barnes Ewing in mein Schlafzimmer. Das intensive Sexualleben, das ich mit diesen beiden Damen genoss, verschaffte mir Entspannung inmitten all der Hektik dieser Jahre.

Bald kam „Tutti Frutti“ auf RTL, was mir auch sehr gut gefiel, aber die Bedenkenträger der kritischen Feuilletons sahen mit dem Aufkommen des Privatfernsehens den Untergang jeglicher Kultur als unabwendbar an, so wie man sich sicher war, dass die Videokassette das Kino vernichten würde. Wie immer kam alles anders.

Ich hatte mich gerade mit dem Gedanken angefreundet, dass auch richtiger Sex geil sein könnte, da hieß es plötzlich, dass er im Gegenteil gefährlich sei. Der Spiegel wusste wieder als erster, warum: „Tödliche Krankheit AIDS.“

Mit der „Schwulenkrankheit“, wie sie anfangs genannt wurde, wurde uns das Ende von Sex prophezeit, und es kam ein angsteinflößender Player zurück ins Spiel, den wir beinahe vergessen hatten: Gott! Er war es nämlich, der uns für unser sündiges Treiben bestrafte, für Analsex und dafür, dass wir in „die Schöpfung“ eingegriffen hatten:

In Deutschland war 1982 das erste Retortenbaby zur Welt gekommen, und nicht nur der Papst war sich sicher, dass bald nur noch kleine Frankensteine samt Nichten und Neffen bei uns herumlaufen würden.

Aber es kam wieder anders: Heute muss man in den Volksschulen unserer Städte nach Kindern fast suchen, die noch auf natürlichem Wege gezeugt wurden. Und es war letztlich nicht AIDS, das uns die Freude am Sex raubte, sondern die Technik. Nach neuesten Umfragen spielen 60 Prozent lieber mit ihrem Smartphone als mit den Geschlechtsorganen ihres Sexualpartners. Das kann nicht gut ausgehen.

Ich war gerade friedensbewegter Zivildiener, als am 26. April 1986 Block 4 des sowjetischen Atomkraftwerkes Tschernobyl, das in der heutigen Ukraine an der Grenze zu Weißrussland liegt, explodierte. Wie es sich für knurrige Sowjets gehörte, taten sie zunächst so, als wäre nur ein Dachziegel heruntergefallen. Erst als in Schweden die Geigerzähler ausschlugen und die Windrichtung aus Osten zeigte, ließ sich nicht mehr leugnen, dass die Welt abermals in größter Gefahr war. Wir starrten nun auf Wetterkarten und fragten uns zähneknirschend, wohin die radioaktive Wolke denn ziehen würde.

Sie kam zu uns!

Ich hatte mich gerade mit dem Gedanken angefreundet, dass auch richtiger Sex geil sein könnte, da hieß es plötzlich, dass er im Gegenteil gefährlich sei.

Fallout hieß der Angst machende Begriff und das Wissen über Halbwertszeiten war extrem beunruhigend. Für kurze Zeit war uns allen klar:
Das war es jetzt mit der friedlichen Nutzung der Atomkraft!

Die Nobelpreisträgerin Swetlana -Alexijewitsch lässt in ihrem viele Jahre später erschienenen grandiosen Buch Tschernobyl-Zeugen zu Wort kommen: „Morgens fanden wir auf dem Acker und im Garten erstickte Maulwürfe. Woran waren sie erstickt? Normalerweise krabbeln sie nicht ans Tageslicht, etwas hatte sie hervorgetrieben. Ich schwöre es beim Kreuz!”

Und über den explodierten Reaktor sagt eine Frau: „Noch heute sehe ich den himbeerfarbenen Schein vor mir, der Reaktor leuchtete irgendwie von innen. Es war kein gewöhnliches Feuer, sondern so ein Glühen. Wunderschön. Ich hatte so etwas noch nie gesehen, noch nicht einmal im Kino … Wir wussten nicht, dass der Tod so schön sein kann.“

Diese Menschen sollten, wenn möglich, die letzten sein, die Bilder eines „so schönen Todes“ sehen mussten. In Deutschland war es schon vorher zu heftigen Auseinandersetzungen um das Endlager Gorleben gekommen, in dem man noch heute nach geeigneten Stollen buddelt, und bei der geplanten Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf kam es zur „Schlacht am Zaun“. Die Grünen hatten die Atomkraft als größte Gefahr für sich entdeckt und punkteten auch damit, „Atomkraft nein danke!“- Buttons hingen bald an jedem verlausten Pullover.

Aber es nützte alles nichts: Tschernobyl führte keineswegs zur Abkehr von der Atomkraft, sondern trug nur ebenso zum fortschreitenden Zerfall der Sowjetunion bei wie der Krieg in Afghanistan und die Nachrüstung der NATO.

„Die Russen können halt keine Reaktoren bauen“, spottete der sich überlegen wähnende Westen, und nicht zuletzt wegen der aufstrebenden Schwellenländer köcheln immer mehr Brennstäbe vor sich hin, von denen noch immer keiner weiß, wo sie am Ende gelagert werden sollen. 2014 krachte es dann im japanischen Fukushima, Hochburg der Wissenschaft und Technik, aber auch das änderte nichts.

Wir haben uns, wie es scheint, in der sorglosen Gewissheit eingerichtet, dass die Welt schon öfter nicht mehr lange gestanden ist, und wir scheinen darauf zu vertrauen, dass es schon immer wieder irgendwie geworden ist.

Von den Außerirdischen habe ich übrigens schon länger nichts mehr gehört und gesehen. Sie hatten wohl genug von diesem Planeten und seinen Bewohnern. Das Streuen falscher Gerüchte, den Job der Desinformation und der Propaganda, den erledigen heute andere.