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MemoryLane. Maria Schneiders letzter Tanz

Manfred Sax

Good bye Bertolucci. Hello Maria Schneiders Drama: Nach dem Tango mit Brando filmte sie den Reigen mit Otto Schenk. Es gibt Geschichten, die konnten nur in den 70er Jahren passieren.

Ihre letzte Ruhestatt ist der Pariser Friedhof der Legenden, Pere Lachaise, dort liegt sie in Gesellschaft von Edith Piaf und Yves Montand, von Jim Morrison und Co. Sie starb „nach langer Krankheit“, wie es immer heißt, wenn der Krebs wütet. Sie wurde 58 Jahre alt.

Maria Schneider. Der französische Kulturminister pries sie im Nachruf als „Ikone“. So jemand wie die Monroe. Und es passt. Wer ihre Generation ist, wer ihren großen Film gesehen hat, als er in die Kinos kam, wer für den Zeitgeist der 70er Jahre einigermaßen wach war, für den oder die ist die Schneider eine Ikone.

Somit zu ihrer Tragödie, hier die Kurzversion: Nach dem letzten Tango mit Marlon Brando in Paris drehte die Schneider Schnitzlers Reigen mit Regisseur Otto Schenk in Wien. Dieser Satz beinhaltet eigentlich alles. Der verrät sogar das österreichische Element.

Allerdings war zu jener Zeit kein vernünftiger junger Österreicher ein bewusster Österreicher. Na gut, es gab Leute, die ließen sich kulturell mit dem Hofer von Ambros abspeisen und fuhren zum Lauda nach Zeltweg. Aber ein junger Mensch war zunächst ein sexueller Mensch. Sex war das Handy der 70er Jahre. Sex war cool und fortschrittlich und unersetzlich, und man braucht was zum Befingern, wozu hat man Hände.

Es gibt Sachen, die konnten nur in den 70er Jahren passieren. Das Thema Sex ist so eine Sache. Heute würde man es „Re-branding“ nennen, nur war es das nicht. In der Kultur war Sex zuvor tabu gewesen, dann war es Freiheit und niemand kannte ihre Grenzen. Diese Grenzenlosigkeit machten sich ein paar großartige Regisseure für Grenzerfahrungen zunütze und schrieben das entsprechende Kapitel Filmgeschichte.

Das Kapitel hatte was Wunderbares: Hollywood war zweite Liga. Sicher zu prüde, vielleicht auch war es nach dem Manson-Massaker (1969) gelähmt und hatte die „freie Liebe“ zusammen mit der verlorenen Unschuld der Hippies eingeäschert. Amerikanische Filmschaffende, die sich mit Sexualität befassten, wurden Wahlbriten wie Stanley Kubrick (A Clockwork Orange, 1971) oder filmten in Cornwall wie Sam Peckinpah (Wer Gewalt sät, 1971) oder fuhren nach Paris wie Marlon Brando und nach Rom wie der junge Robert Deniro.

In Europa herrschte Sexperimentalfilm. Regisseur Marco Ferreri widmete sich der Völlerei (Das große Fressen, 1973), Liliana Cavani ging auf Sadomaso-Kurs (Der Nachtportier, 1974), ein anarchischer Michel Piccoli setzte auf Inzest und Kannibalismus (Themroc, 1973). Pier Paolo Pasolinis 120 Tage von Sodom (1975) liefen in Wien über hundert Wochen lang. Unter der Regie von Serge Gainsbourg demonstrierte Joe Dallesandro, Muse der Warhol-Society, in Je t´aime moi non plus (1976), wie man als Homosexueller in eine Frau (Jane Birkin) gelangt. In Bernardo Bertoluccis siebenstündigem Epos 1900 (1976) teilten sich Robert Deniro und Gerard Depardieu eine Epileptikerin.

Den symbolischen Schlusspunkt dieser grenzgenialen Werke setzte Ferreri mit Die letzte Frau (1976), da schnitt sich Depardieu das Glied ab. Die Frau, an der er scheiterte, wurde von Ornella Muti dargestellt, die war zuvor durch Nunsploitation-Filme (Abteilung „Die Nonne und der Satan“) bekannt geworden. Dann war es vorbei, wie ein Spuk. Die Regisseure hatten alles Denkbare gedreht, die Schauspieler jede Selbsterfahrung gemacht. Und der Kinobesucher hatte geistige Verdauung dringend nötig (was tun mit politisch unkorrekten Erektionen?).

Der berühmteste Film jener Epoche war Bertoluccis letzter Tango in Paris (1972), für Brando das, was Pulp Fiction für John Travolta war – ein Re-Brandoing für eine neue Generation, für die 19jährige Schneider der erste und einzige Höhepunkt – und lebenslange Schatten. Sie habe sich vergewaltigt gefühlt, sagte sie später gelegentlich. Mit Brando habe sie sich versöhnt, die Arbeit mit ihm sei das größte Erlebnis ihres Lebens gewesen, sagte sie. Mit Bertolucci verblieb sie in Unfrieden. „Maria beschuldigte mich, sie ihrer Jugend beraubt zu haben“, sagte der Regisseur anlässlich ihres Todes, „und sicher war sie zu jung, um mit dem wilden Erfolg des Filmes fertig zu werden.“

Das Thema des Films war „Sex mit einer/einem Fremden“, von dem/der du weder Namen kennst noch sonst etwas weißt, das Thema war objektiver Sex. Schneiders Gefühl der Vergewaltigung hatte mit einer Szene zu tun, die gemeinhin als Die Szene gilt. Wer den Film sah, der weiß, was Die Szene ist. Sie war Brandos spontane Idee, heißt es. Brando hatte mehrere Ideen, eine andere war, seinen Text auf Schneiders Arsch zu schreiben, damit er die Worte nicht lernen musste.

Hier eine österreichische Perspektive zur Szene: Österreich „litt“ damals am sogenannten Butterberg. Es gab zuviel Butter im Land, es wurde sogar eine „Tafelbutter“ erfunden, die halb so viel kostete wie die „Teebutter“, obwohl sie sich nur in der Packung unterschied. Die Tafelbutter war fast sowas wie eine Rückkehr zur Klassengesellschaft, wer weiterhin Teebutter aß, war gehobenes Bürgertum, aber gut, der Butterberg wurde trotz Tafelbutter nicht kleiner, soviel Butter, wie die Bauern produzierten, konntest du nicht essen. Und dann gingst du zum letzten Tango ins Kino und sahst die Butterszene.

Die Szene kam so echt, wie sie nur ein Brando drauf hat, war aber lediglich gespielt, beteuerte Schneider Jahre später (anfangs ließ man das Gerücht, dass es tatsächlich zur Penetration kam, aus Publicity-Gründen undementiert). Aber immer beharrte Schneider darauf, dass die Szene nicht passieren hätte sollen, weil sie nicht im Drehbuch stand. Und heute ist sie Filmgeschichte. Und #metoo-Thema, klar; ein Fressen, in Wahrheit.

Schneiders Tango war umwerfend, unglaublich, wie der Teenager sich neben der Legende Brando behauptete, aber ihre Karriere ging in der Folge baden. Ein zweiter ihrer Filme findet Erwähnung (Antonionis Beruf: Reporter mit Jack Nicholson), der Rest ist unterste Schublade. In Nachrufen wurde ihre spätere Drogensucht angemerkt sowie „nomadische Jahre“, die sie allein in Hotels verbrachte – mit dem gelegentlichen Vermerk, sie habe den Tango nie verdaut. Bertolucci selbst erinnert es so:

In keinem Nachruf steht, dass Schneider nach dem Pariser Tango-Dreh nach Wien ging, um dort in der Regie von Otto Schenk für Schnitzlers Reigen (1973) das „süße Mädel“ zu spielen. Ein zutiefst österreichisches Drama, man muss sich das vorstellen: Die Elite der europäischen Regisseure kippt ins Genre Sexperimentalfilm, also beschließen österreichische Filmschaffende, sich ebenfalls mit dem Thema Sex zu befassen. Der eine heißt Franz Antel (vulgo Francois Legrand), gönnt den Wirtinnen-Filmen eine Pause und malträtiert die Casanova-Legende (1976, mit Tony Curtis). Der andere, Schenk, denkt „was dem Pariser der Tango, ist dem Wiener der Reigen“, belässt das Drehbuch Schnitzlertreu und schafft trotzdem einen Streifen, der in Filmarchiven als „lustiger Rumpy-pumpy, typisch für den deutschen Softporno jener Ära“ abgehakt wird.

Von Brando und Bertolucci direkt zu Schenk und Peter Weck, auch das ist Brutalität. Darf das wahr sein, wie verarbeitet man das eigentlich psychisch? Wenn das nicht ein plausibler Grund ist, danach hemmungslos der Drogensucht zu verfallen, weil die Schneider somit schon mit zwanzig erkannt haben muss, dass Gott, so es ihn gibt, ein Zyniker ist.

Fotos: Getty Images