Pflege

Sandra Keplinger

Der WIENER-Test: Wachstumsbranche – Die Barbiere kommen

Sarah Wetzlmayr

Der WIENER-Test

WACHSTUMSBRANCHE

Mann trägt wieder Bart, Barbiere treten auf den Stadtplan und eröffnen einen Salon nach dem anderen. Der WIENER hat sich mit viel Schaum vorm Mund unters Messer gelegt.

Text: Günther Kralicek / Fotos: Sandra KeplingerDer Hipsterbartträger ist der Idealtypus von einem Mann unserer Zeit. Er ist der haarige Ken für die rasierte Barbie des frischen Jahrtausends. Ganz Hairy Gentleman steht er für gepflegte Wildnis und widerborstigen Uniformitätsgeist.

Lange Zeit dachte ich, die zwei oder drei Hipster, die man bei uns auf dem Naschmarkt und in der McDonald’s-Werbung zu sehen bekommt, sind gekaufte Models, die extra aus London eingeflogen wurden. Aber es gibt sie wirklich, die Wiener Hipster mit Bart. Und sie gehen alle zum Barbier. Deshalb sind die Auftragsbücher dieser boomenden Zunft auch dermaßen voll, dass man oft tagelang keinen Termin bekommt. „Um telefonische Anmeldung wird gebeten“ ist hier keine Phrase, die Geschäftigkeit vortäuschen soll, während der Chef gerade einen AMS-Kurs besucht.

Einfach nur so vorbeischauen, um auf einen freien Platz auf dem Stuhl des Meisters zu warten – beim Türken geht das noch. Die türkischen Bartscherer, deren Geschäfte seit Jahrzehnten völlig losgelöst von hipsteresken Modeerscheinungen laufen, arbeiten im Akkordtakt. Bartschneiden lautet der simple Auftrag, auf halbschwules Wellness-Brimborium wird fast völlig verzichtet.Ganz anders ticken die neuen, auf Retro gestylten Läden der Bobohème. Hier nimmt man sich alle Zeit der Welt und inszeniert ein entschleunigtes Bartschneideritual nach angloamerikanischer oder auch südeuropäischer Barbiertradition. Das Ganze ist mehr als nur eine Rasur: Es gibt ausgezeichneten Kaffee oder ein Glas Whiskey (auf Wunsch auch Whisky) aus der gut bestückten Hausbar sowie Pflegetipps für den Gesichtspelz. Bei einem Männergespräch, in dem man die eigene Eitelkeit ganz in den Mittelpunkt stellen darf. Ein Kompletterlebnis, das sich jedermann zumindest einmal im Leben geben darf. Auch als Geschenk ist die Sache sicher ein Bringer, Barbiergutscheine liegen auf. Man kann sich aber schon auch die Frage stellen: 40 Euro für eine Rasur – wer braucht des? Beim Barte des Proleten, so viel ist mir meine Rotzbremse gar nicht wert!Der Test

Ich bin Dreitagebart-Träger, daher kam für mich nur eine Glattrasur in Frage – ein Klassiker der Barbierkunst (auch wenn vor Ort natürlich hauptsächlich Schnauz- und Vollbärtige behandelt werden). Trotz einfacher Vorgabe war es am Ende gar nicht so einfach, die verschiedenen Dienstleistungen miteinander zu vergleichen. Aus diesem Grund stellt die Gesamtnote eine Preis-Leistungs-Bewertung dar, in der neben der eigentlichen Rasur auch Wellnessfaktor und Kosten berücksichtigt wurden.Brothers’ Barbershop

Behandlungsdauer: 30 min
Preis: 30 Euro
Adresse: 7., Neubaugasse 81
Web: www.barbershop.wien

Hipper neuer Laden, der vor Kurzem von zwei Russen, Brüdern, mitten in Bobostan eröffnet wurde. Bricks und Kacheln, monumentale Deckenleuchten, frei liegende Rohre (aus Messing). Der Empfangsherr mit britischem Akzent bietet italienischen Kaffee und Whiskey an. Trotz Termins muss ich 5 min warten. Nicht weiter schlimm, der kleine Mokka ist großartig. 

Barbier. Patrick („Paz“), ein smarter junger Mann mit Brille und westösterreichischem Zungenschlag. Wir sind sofort per Du.

Talk. Patrick redet eigentlich nur dann, wenn ich ihm eine Frage stelle oder er den nächsten Arbeitsschritt erklärt. Das tut er sehr ausführlich. Angenehm. Später erzählt er mir von seinen Lehrjahren in London. Wir plaudern über entspannte Momente unterm Messer, italienischen Rasierschaum und die guten Geschäfte des Geschäfts, das auf der Suche nach neuen Barbieren ist.

Ritual. Ich krieg einen Traditional Italian Shave: Liegeposition; Pre-Shave-Creme (Menthol); Hot Towel; Creme #2, noch mal Menthol – mein Kopf fühlt sich an wie ein Firnzuckerl. Ohne den Schokokern. Hot Towel #2; Rasierschaum und Messer (das reißt manchmal ein wenig); mehrmaliges Nachschäumen; dann kaltes Handtuch (Kompresse), die Poren dürfen sich wieder schließen. Es folgen Öl und sanfte Nachbearbeitung mit dem Messer. Rasierwasser der milden Sorte, fertig. Gepflegte Sache.

After Shave. Immer noch Firnzuckerlfeeling. Fresh. Im Spiegel entdecke ich noch so manchen renitenten Stoppel.

Note: 4,25 / 5 Friseur International

Behandlungsdauer: 8 min
Preis: 5 Euro
Adresse: 17., Hormayergasse 5
Web: www.friseur-international.at

Türkischer Barbier von nebenan. Große Auslagenfenster, viel Tages- und Kunstlicht. Ein Getränkeautomat (Red Bull 2 Euro), A4-Werbezettel für türkische Kleingewerbetreibende, Beschallung durch Ö3. Einige der schwarzen Sitzpolster aus Kunststoff wurden mit Gafferband restauriert.

Barbier. Ramo Bület, nicht der Chef hier („Chef kommt morgen“). Mitte-Ende 30, Stoppelbart, schütteres Kurzhaar, freundliches Lächeln. Muss noch eineinhalb Herren vor mir den jugendlichen Haarschnitt mit der Maschine nachfräsen, ehe er mich aufruft. Dauert exakt 16 min.

Talk. Alles geht sehr schnell, viel Zeit zum Reden bleibt da nicht, im Wesentlichen das Frage-Antwort-Spiel rund um den Be- handlungsablauf. Eine der Deckenlampen ist kurz davor, den Dienst zu quittieren, und flackert sehnervtötend vor sich hin. Ramo lapidar: „Disco-Modus“.

Ritual. Im Sitzen. Frage: Gel oder Schaum? Ich will Schaum (Zitrusnote), Ramo verschwindet kurz, um ihn anzurühren. Dann warmes Handtuch auf die Brust, los geht’s im Höllentempo, hier werden keine Gefangenen gemacht. Da ist kein biss- chen Reißen zu spüren. Wie macht er das bloß? Ist es das Messer? Der Schaum? Oder die Art, wie er mit seinen Fingern die Haut strafft, bevor er die Klinge ansetzt? Eine letzte Frage: Rasierwasser und/oder Creme? Beides. Danke, das war’s schon.

After Shave. Glatte Sache zu einem sagenhaftem Preis. Nur wenn ich mit der Hand gegen den Strich fahre, erfahre ich etwas borstigen Widerstand.

Note: 4,25 / 5 

Haarspalterei

Behandlungsdauer: 30 min
Preis: 16 Euro
Adresse: 20., Othmargasse 23
Web: www.haarspalterei.at

Friseursalon mit Herren-Schwerpunkt, authentische Aura. So sieht ein Arbeitsplatz aus, an dem seit Jahr und Tag gearbeitet wird. An der Wand die obligaten Vintage-Plakate, zwei Gitarren, seit Kurzem ein Klavier. Da schau her: ein Stapel Playboy auf dem Zeitschriftentisch!

Barbier. Simon, um die 30, mit Hipsterbart und ordentlich gepeckten Armen, angenehme Ausstrahlung.

Talk. Simon redet nicht viel. Wortführer ist sein Chef Gerhard, der gleich nebenan einen Kunden unter der Schere hat. Ganz ungezwungen ergibt sich ein kurzweiliges Gespräch unter vier Männern. Gerhard erzählt vom alljährlichen Sommerfest vorm Geschäft mit Grillerei und Livemusik. Und von seinem Bruder, dessen Tochter seit Kurzem einen neuen Freund hat. Einen jungen Türken und „total netten Burschen“, nur: Ausgerechnet beim ersten Zusammentreffen mit dem Vater trug er ein T-Shirt mit der Aufschrift „Fuck The Bitch“.

Ritual. Liegend; Schaum mit Pinsel; Hot Towel; Schaum #2; Rasur (reißt dann und wann ein bissel); zwei Unterbrechungen, weil Simon am Telefon Termine entgegen- nehmen muss; nachschäumen und -schnei- den; dann 2x abwischen; Behandlung der Haut mit Alaunstein, dem blutstillende Wirkung nachgesagt wird (brennt); her- nach Öl (Kokosnote) und Duftwasser aus dem Zerstäuber. Mit gekonnt gewacheltem Handtuch zwecks Trocknung beendet Simon die Sitzung.

After Shave. Fühlt sich glatt an, aber da: ein Kratzer am Kinn, kleine rötliche Krusten. Autsch!

Note: 3,75 / 5

Giller & Co

Behandlungsdauer: 42 min
Preis: 38 Euro
Adresse: 6., Stumpergasse 52
Web: www.gillerundco.com

Irrsinnig schönes Alt-Wiener Geschäftslokal. Haut den stärksten Bobo um. Sieht aus wie eine ehemalige k.u.k. Apotheke, war aber nie eine. Den Salon gibt’s noch nicht lange, die Betreiber schon. Sind alte Branchenhasen. Darf’s vielleicht ein Kaffee sein? Oder Whiskey? Rum? Craft-Bier?

Barbier. Florian, vielleicht Anfang 30, alt­ österreichisches Bartgewächs. Vermutlich Wiener.

Talk. Nach anfänglicher Auftauphase (ich stand trotz Termins fünf Minuten bei minus sechs Grad vor „closed“ Türen) kommt bald eine anregende, unaufgeregte Plau­ derei in die Gänge. Über Fahrräder, unga­rische Zwirbelschnauzbärte, alkoholische Getränke und Kreuzschrauben. Den gras­sierenden Bartboom hält Florian übrigens auch nur für eine vorübergehende Modeerscheinung.

Ritual. Im Liegen – auf einem wunderschö­nen sizilianischen Stuhl; Pre­Shave­Creme; Hot Towel; Schaum (ich wähle klassisch und krieg drei Duftnoten vorgestellt, neh­me die rauchige); sehr behutsame Rasur und immer wieder die Nachfrage, ob’s eh passt. Schaum again und 2. Durchgang, diesmal gegen den Strich; abtrocknen; Lotion; Kompresse; schließlich ein (auf Wunsch) klassisches Aftershave inkl. Vor­warnung, dass es brennen könnte. Only the strong survive. Dann, nach langer Prozedur, die trocknende Zielflagge in Form des gewachelten Handtuchs.

After Shave. Eh glatt. Da und dort ein paar Widerborsten. Ein erhabenes Mutter­ mal an der Wange ist etwas in Mitleiden­ schaft gezogen. Ich rieche gut.

Note: 4,25 / 5

Dallas Hairstyle

Behandlungsdauer: 14 min
Preis: 8 Euro
Adresse: 16., Brunnengasse 44
T: 0699 14818181

Winziger türkischer Friseurschuppen „für Herren und Kinder“ mitten im Brunnenmarktgetümmel, der Firmenname verheißt Weltklasse. Drinnen lila Anstrich, rote Kunststofflederstühle, Getränkeautomat. Im Hintergrund läuft Türk-TV, das sogleich leiser gedreht wird. Ich habe keinen Termin, komme trotzdem sofort dran.

Barbier. Tarkan, etwa 40, kurz getrimmter Vollbart. Ein Angestellter, der den Laden heute alleine schupft.

Talk. Der Mann redet in einem durch. Auf Türkisch. Nicht mit mir, sondern mit seinen zahlreichen Haberern und Cousins, die hinter meinem Rücken ein­ und ausgehen. Hallo!? Hier. Bin. Ich.

Ritual. Im Sitzen (türkische Barbierschule?), mit einem Handtuch über der Brust. Schon wird das Messer gewetzt und der Schaum angerührt – der während des langwierigen Auftragens immer mehr zu werden scheint. Die Rasur selbst: flink und völlig schmerzlos. Wie ein zu allem ent­schlossener Arzt dreht Tarkan meinen Kopf immer wieder in verschiedene Rich­tungen. Es folgt das Nachschäumen und ­schneiden; jetzt soll ich den Kopf nach vorne übers Waschbecken beugen: Ge­sicht waschen! Danach Abtrocknen, kurze Stirnmassage, Aftershave-­Gel (brennt kurz), Creme; das abschließende Parfum stößt mir süßlich auf. Noch dreimal kurz das Handtuch geschwungen; Dienstleis­tung nach Vorschrift.

After Shave. Glatt. Einige Minikratzer hier und da. Ich weiß jetzt: Gastfreundlichkeit wird in diesem Paralleluniversum klein­ geschrieben.

Note: 3 / 5

k.u.k. Hofbarbier

Behandlungsdauer: 10 min
Preis: 20 Euro
Adresse: 1., Operngasse 10
Web: www.hofbarbier.at

Das Liliputgeschäftslokal schräg vis-à- vis der Oper gibt es dort angeblich schon seit dem Jahre 1869 – wenn auch mit wechselnden Besitzern. Schräger Laden, komplett vollgeräumt mit Porzellanfiguren in der Vitrine, bunten Aktfotografien, goldenen Engeln, einem Porträt von Marilyn Monroe und noch mehr Nippes zum Sound von Radio Wien. Ich komme ohne Vorankündi- gung, darf sofort Platz nehmen.

Barbier. Sascha, Geschäftsführer, um die 40. Seriös mit Brille und grau meliertem Bürstenhaarschnitt, Jeans. Ich vermute mal Perser, verabsäume es aber, nachzufragen.

Talk. Wortkarg. Zurückhaltende Höflichkeit, Stimmung wie in einem schweigsamen Taxi.

Ritual. Im Sitzen, wobei der Kopf weit nach hinten in den Nacken gelegt wird. Bist du deppert: Jetzt erst entdecke ich das großformatige Deckenfresko mit den drei nackten Grazien über mir! Sehr hei­ ßes Handtuch aufs Gesicht (soll die Haut auf die Rasur vorbereiten). Der Schaum dann fluffig; flotter Rasiervorgang ohne jegliches Reißen; einmal drübergegan­ gen, das war’s. Zweimal abwischen mit kaltem Handtuch; mildes Aftershave­-Gel, dessen herber Duft mich noch einige Zeit begleiten soll; Handtuch schütteln und fertig. Bin ein wenig ernüchtert. Unter kaiserlichem Rundum­-Verwöhn­-Service, wie auf der Homepage angekündigt, stelle ich mir dann doch mehr vor.

After Shave. Die Haut glatt, macht im Spiegel einen geradezu glänzenden Ein­druck. Zwei kleine rote Ritzer. Ein paar Resthärchen sind stehen geblieben.

Note: 2,5 / 5