AKUT

Die ohne Kind

Vor drei Tagen hatte ich auf der Wiese im Bad eine angefilmt, die keine Kinder bei sich am Badetuch sitzen hatte – ein seltenes Glück in diesen Tagen! –, und verdammt noch mal: Sie hatte ­sogar zurückgefilmt. Aber dann war ich eingeschlafen, bevor ich sie eincremen konnte, vielleicht wegen des dritten Bieres, das ich in der heißen Sonne getrunken hatte, vielleicht aber auch einfach, weil ich die Nacht davor wegen der stehenden Hitze nicht schlafen konnte. Und die Tage darauf war ich nicht da, um mit ihr etwas ins Laufen zu bringen, weil ich Willi, das Schwein, in seine Datscha draußen an der ­Alten Donau bringen musste.

Nun aber lenkte ich den Dat­sun endlich wieder beschwingt hinaus zum Bad, das an den Ausläufern des Wienerwalds lag und von dem aus man einen schönen Blick auf die Stadt hinunter hatte. Ich parkte in einer engen Lücke vor dem Eingang, die dort immer für mich freigehalten wurde, drehte den Motor ab und stieg aus. Die Schlüssel klirrten in meiner Hand, als sie gegen das falsche Gold meiner Armbanduhr schlugen. Vor dem Kassenhäuschen blieb ich stehen, schob ­meine Brille hinauf und sagte freundlich: „Guten Morgen, Friederike, wie geht’s denn heute so?“

Wer wie ich mit Friederike eng befreundet war, der musste im Bad keinen Eintritt zahlen, jedenfalls nicht in diesem. Darüber war ich ganz froh, denn die verdammten Schnüfflergeschäfte liefen schlecht in diesen Tagen. Und mein Kumpel Willi zögerte, mir sein Pornhouse-Imperium zu überschreiben, was mir ein Überleben auf immerhin niedrigem Niveau gesichert hätte. Mit anderen Worten: Ich war pleite. Und so eine Saisonkarte hätte unnötig auf die Ausgabenseite gedrückt.


Friederike arbeitete hier seit über zwanzig Jahren, vielleicht auch seit über dreißig. Was weiß ich? Und früher … na ja. Früher war sie ein echtes Rennpferd gewesen, aber heute war natürlich auch sie weitgehend verwelkt. Ihr Dekolleté zog sich zwischen ihren fleischigen Oberarmen zusammen wie ein Zigeunerakkordeon, und ihr Arsch glich einer zweihundert Euro teuren Wurstsemmel. Alles, was sie zu bieten hatte, steckte in einem viel zu engen, viel zu blauen Badeanzug, über den sie immerhin ein weites Tuch warf. Mit anderen Worten: Das Rennpferd lahmte schon gewaltig. Aber die Erinnerungen an sie waren immer noch süß.

Meinen freundlichen Guten-­Morgen-Gruß erwiderte sie stets mit einem neckischen „Aber ­Rocky! Es ist doch schon nach vierzehn Uhr!“ Und ich antwortete dann jedes Mal: „Aber Friederike! Sag doch bitte nicht Rocky zu mir. Ich heiße Rock wie der Felsen und nicht Rocky wie das Felschen. Aber das weißt du doch, nicht wahr?“

Und natürlich wusste sie es. Außerdem sagten mir ihre Augen, dass ihr der Felsen immer noch gut gefiel. Ihre lüsternen Blicke landeten auf meinen Brusthaaren ebenso wie auf meinen Schenkeln und irgendwann natürlich auch an der Stelle dazwischen. Ich musste dann immer wieder mal streng mit ihr sein und sie an den Zahn der Zeit erinnern:

„Wie alt bist du eigentlich, ­Friederike? Ha?“
„Bald fünfzig …“
„Friederike!“
„Zweiundfünfzig … Also gut, vierundfünfzig.“
„Friederike!“
„Okay, achtundfünfzig.“
„Und wie heißt es weltweit zum Thema?“
„Fick nicht deinen Offizier?“
„So ungefähr.“

Dann bat ich sie, mir endlich mein gelbes Casali-Badetuch ­sowie meine Eincremehilfe der Marke Tiroler Nussöl zu geben – beides hatte ich bei ihr im Spind deponiert –, bevor ich mich mit den immer gleichen Worten von ihr verabschiedete: „Ich geh dann mal hinüber zu Horst.“ Zu meinem Freund Horst nämlich, dem Bademeister, der um diese Zeit des Tages immer schon drüben in der Kantine saß, wo wir bei ­Kantinenwirt Erwin ein Herrengedeck als spätes Frühstück zu uns nahmen.

Dann würde ich auf die Wiese spazieren und schauen, ob die ohne Kind wieder da war.


Manfred Rebhandl
Autor in Wien. Zuletzt erschien von ihm „Sommer ohne Horst: Rockenschaub löst auf alle Fälle alle Fälle“ (Haymon Verlag 2020)