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Millennials sind fortgehfaul, prüde und sicherheitsverliebt

Aber dann begannen wir, Sex-Positive-Raves zu veranstalten, und es funktionierte. Ein Erlebnisbericht, betrachtet von beiden Seiten des Kassatisches.

Text: Frederika Ferková

Es ist schwer, über seine eigene Veranstaltung zu schreiben, ohne nach billiger Werbung zu klingen. Wenn ich aber meine sozialen Rollen (Veranstalterin, Schreiberin, Soziologin) trenne, dann finden mindestens zwei von drei meiner Persönlichkeiten die Dynamik auf diesen Partys spannend. Und als überraschte Veranstalterin ist die Dynamik nicht mein Verdienst, sondern der meiner Gäste.

Frederika Ferková ist Journalistin, Veranstalterin und Soziologin. Foto: (c) Hausgemacht

Angefangen hat alles in Berlin, in einem Fetisch-Club namens KitKat, von Berlinern liebevoll Kitty genannt. Der Club ist riesig, hat eine Sauna, einen Pool mit ­einer Schaukel, unzählige Räume und viele Floors – eigentlich keine zu überraschende Location für das Clubmekka Berlin. Nur: Alle Menschen drinnen sind nackt, ­haben Unterwäsche oder sonstige Fancy Kleidung aus dem Sexshop an. Außerdem haben sie in Ecken des Clubs oder dafür eingerichteten Räumen Sex. Als ich letzten September mit Arbeitskollegen (!) dort war, habe ich mich in die ­losgelöste Stimmung verliebt. Ich bin aber auch eine Verfechterin der Freikörperkultur – die einzig wahre Body-Positivity-Bewegung –, 2018 gehöre ich damit zu einer Minderheit. Dachte ich. Ich wollte das in Wien probieren. Mein Kollektiv – voller sicherheitsverliebter und misstrauischer Millennials – war fast einstimmig dagegen: Was wenn Übergriffe passieren? Warum sollten Leute im prüden Wien davon angetan sein? Und wie zum Teufel sollen wir eine angenehme Location dafür finden?

Frederika Ferkovás (re.) Faible für Freikörperkultur mündete jüngst in Wiens freizügigste Clubreihe. Foto: (c) Hausgemacht

Es ist nun mal eine furchtbare Tatsache, dass Millennials sicherheitsverliebte Spießer sind. Das bedeutet, dass man mit 25 schon Freunde hat, die vom Alkohol ­fasten, sich Gedanken um den Job am Montag machen und eben nicht wirklich oft und gern fortgehen. Ist ja sehr ungesund und wer sagt schon zu einem gepflegten Quinoa-Smoothie-Abend mit einer Doku nein. Warum auch aufs Nachwuchs-
werfen warten, wenn man jetzt schon ein spießbürgerlicher Idiot werden kann? Die Zweifel meiner Altersgenossen spornten mich so richtig an. Ich wollte es mit einem Kollegen probieren – auch wenn nur 20 Menschen gekommen wären, wir wären zufrieden gewesen. Finan­ziell rechneten wir mit Schulden.

New School: DJs at work bei Hausgemacht. Foto: (c) Hausgemacht

Um Creeps wegzuhalten, haben wir etwas in Wien sehr Revolutionäres gewagt: Wir hatten eine strenge Tür. Die Türsteher waren und sind angewiesen, keine großen Gruppen reinzulassen, Männer ­abzuweisen, wenn drinnen bereits eine 50:50-Geschlechterverteilung herrscht, und Menschen nach ihrer Ausstrahlung zu scannen. An der Kassa wurde noch zusätzlich selektiert und auch weggeschickt. Heutzutage lässt jeder Wiener Club jeden rein, die Wiener Nachtwirtschaft ist im Oarsch, es fehlen Gäste und jeder Club nimmt alles, was er kriegen kann. Anders überlebt man mit der Kernkundschaft fortgehfaule Millennials nicht. ­Unser großer Vorteil: Geld war keine Motivation. Die Motivation war, einen Raum für Heteros, Bisexuelle und Lesben zu schaffen, in dem sie sich nicht unwohl oder verurteilt fühlen. Partys mit Darkrooms gibt es nämlich schon in Wien: Allerdings sind diese Partys auf Schwule ausgerichtet und sie haben keine Dresscode-Regelung.

Quasi ein Sinnbild für die 50:50-Geschlechterverteilung bei Hausgemacht. Foto: (c) Hausgemacht

Die nächste Neuartigkeit, die ­eigentlich nur schiefgehen konnte: der Dresscode. Ähnlich wie im ­Berliner Kitty durfte man nur rein, wenn man nackt, in Unterwäsche oder in Fetischkleidung war. Nochmal: Wien hat eigentlich einen Stock im Arsch. Partys wie Neustifter Kirtag oder Wiener Wiesn sind besser gefüllt als jeder Rave. Donnerstags gibts in der Hauptstadt de facto keine Partys. Millennials sind prüde Säue, die sich mehr um die Ausbildung und die Gesundheit kümmern als jede Generation zuvor. Dass auch nur ein paar Leute in Unterwäsche feiern gehen, war für uns mehr ein utopischer Traum denn mögliche Realität.

Body-Positivity à la Hausgemacht. Foto: (c) Hausgemacht

Und da wäre noch die Sache, dass wir die Handykameras abgeklebt haben. Keine Selfies, keine Partyfotos, keine Story-Einheiten für Instagram. Eigentlich viel zu res­triktiv für Wiener, die es gewohnt sind, überall reinzukommen und immer fotografieren zu dürfen. Natürlich ist bei meiner Generation auch das Fortgehen von Social ­Media ergriffen. Wir informieren uns vor der Party über die Party auf Facebook und schauen, ob der Schwarm zufällig dort ist. Auf Instagram laden wir Vorglüh-Selfies hoch, weil da das Styling noch gut aussieht. Auf WhatsApp kontaktieren wir Freunde, in Snapchat laden wir Kurzclips der Nacht hoch, die wir am nächsten Tag beschämt löschen. Manchmal schreiben wir Tinder-Matches, dass sie in den Club kommen sollen. Während wir betrunken am Klo sitzen, checken wir alle Apps ab. Die Facebook-Zahlen gaben folgerichtig unserer Vermutung, dass niemand kommt, recht: Satte 100 Menschen hatten auf Zusage oder Interessiert geklickt – eine verschwindend geringe Zahl, vor ­allem im Zeitalter des SM-Weg­gehens (Social Media, was sonst?). Daher gilt: Facebook-Events können eigentlich sehr gut voraus­sagen, wie viele Leute kommen werden – kein Millennial geht fort, ohne sich auf Facebook nach der Party zu erkundigen.

Schwesternliebe in tha house. Foto: (c) Hausgemacht

Natürlich gibt es keine perfekte Location für so eine Party in Wien; wir entschieden uns für die Auslage bei der Thaliastraße. Die ist bekannt für Raves, ist aber nicht ganz so abgeranzt wie andere Techno-Clubs. Und dann kam die große Überraschung: Statt der ­erwarteten 50 Gäste waren insgesamt 600 da. Alle waren im Dresscode. Manche haben sich noch freier gemacht als ursprünglich geplant, weil man sich angezogen in der Partycrowd idiotisch gefühlt hat. Und hier die Über­raschung: Es wurde gevögelt. Der Darkroom war durchgehend gefüllt, die Klobereiche und die Couches waren in Verwendung. Am Gang wurde gewürgt und ­geschmust.

Am Gang wird geschmust. Foto: (c) Hausgemacht

Keiner hat sich beschwert, als er abgewiesen wurde. Jeder hat freiwillig sein Handy abkleben lassen. Geschocktes Emoji. Die Stimmung war heiß, trotzdem wurde mehr in die Augen geschaut als auf jeder anderen ­Party – ein Phänomen, das man von FKK-Stränden kennt. Wir wurden gebeten, das nächste Mal mehr Darkrooms einzurichten, mehr Kondome, Papiertücher und Desinfektionssprays zur Verfügung zu stellen. Was die Facebook-Zahlen anbelangt: Man hat sich nicht getraut, auf Zusage zu klicken, weil es sonst die Eltern oder die Arbeitskollegen sehen würden. Es waren Gäste zwischen 21 und 45 da, mit Partner oder Freunden. Manche auch alleine.

Am 30.11. ist die nächste Party. Mit strenger Tür. (c) Hausgemacht

Als ein Mensch, der noch nie einen One-Night-Stand hatte, sondern mehr für die Freikörperkultur kämpft, war die Stimmung für mich in Wien schockierend ­locker. „Sperma und Glitzer am ganzen Körper, bitte baldige Wiederholung“, schrieb ein Weiberl nach der Party in unser Event. Jetzt machen wir eine regelmäßige Reihe daraus. Am 30.11. wäre die nächste Party (ist das schon Werbung?), finden tut man uns auf ­Facebook – wo sonst – unter hausgemachtinwien. Wie der ­Falter richtig schrieb: Es war so, als hätte Wien auf so eine Party gewartet. Wir werden trotzdem bei 600 Gästen bleiben. Wie richtige Millennials scheißen wir uns eben an und vertrauen Menschen nicht: Übergriffe sind unser größte Angst. Deshalb bleibt die Tür streng – damit es drinnen weiterhin so locker sein kann.

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